Drei Erklärungen – drei Lösungen

Drei Erklärungen – drei Lösungen

Literaturabend 19.06.2019 – Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum
Diskussionspapier:
Drei Erklärungen – drei Lösungen
Lutz Hausmann

 

Die gleichzeitige Gültigkeit des neuen und des alten Bundes Gottes als Herausforderung des Glaubens

Als Ergebnis des Dialogprozesses zwischen Juden und Christen stehen der alte und der neue Bund Gottes gleichzeitig und als gegenseitig anerkannt da. Dies lässt sich theologisch nicht auflösen.

Dies bedeutet für die Kirchen einen unüberwindlichen Gegensatz wegen der Heilsfokussierung auf Jesus. Die Dialogerklärungen behelfen sich deshalb mit den entsprechenden Formulierungen.

Für die jüdisch-orthodoxen Rabbiner dagegen löst sich dieser Gegensatz auf, im noachidischen Bund und in der gottgewollten „Partnerschaft mit erheblichen theologischen Differenzen“

Die Kirchen erkennen diesen für sie theologisch nicht auflösbaren Konflikt als Herausforderung des Glaubens. Sie nehmen die Gleichzeitigkeit der Bündnisse als Gottes Plan an, den wir Menschen in seinem Charakter nicht ergründen können (Heilsgeheimnis Gottes).

 

1 ) Jüdisch – Auflösung des Konflikts in Gottes Plan

Noachidisch, Christen haben Anteil am Heilsplan Gottes
(Diesen Heilsanteil gewinnt aber auch jeder Angehörige einer anderen Religion, wenn er die sieben noachidischen Gesetze beachtet.)

Das Besondere im Verhältnis zu den Christen ist eine gottgewollte Partnerschaft mit erheblichen theologischen Differenzen.

Die orthodoxen Rabbiner erkennen an:
– Das Christentum ist kein Zufall und kein Götzendienst
– Es besteht ein gemeinsamer Auftrag Gottes
– Die Christen erfüllen die Gesetze des Noachidischen Bundes

Erklärung:

„Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“, 05. Dezember 2015, (CJCUC, Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation, Erstveröffentlicher)

Es gibt einen Plan Gottes zur Partnerschaft von Juden und Christen mit dem Ziel der moralischen Verbesserung der Welt und zur Beseitigung der Laster:

Hinweise darauf:

– Christen haben die hebräische Bibel [Tannach], insbesondere die Tora zu den Völkern gebracht
– Damit einhergehend: Eingottglaube und Sturz der Götzen
– Verdienst Jesus aus jüdischer Sicht: Unveränderlichkeit der Torah [orthodoxe Position]

Traditionelle rabbinische Grundsätze im Sinne dieser Partnerschaft:
– Gleichstellung von Juden und Christen bei den Pflichten von Mensch zu Mensch (Hirsch)
– Juden und Christen sind zu liebevoller Partnerschaft bestimmt (Berliner)

 

 

2) Katholisch – Nebeneinander – Geheimnis – Geltenlassen

abgrundtiefes Geheimnis Gottes (36)
Geheimnis des Handelns Gottes (37)
Heilsgeheimnis Gottes (Nostra aetate, Punkt 4)

Erklärung:

„Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29)

– Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4)
– Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum (Vatikan), 10. Dezember 2015

36. Aus dem christlichen Bekenntnis, dass es nur einen Heilsweg geben kann, folgt aber in keiner Weise, dass die Juden von Gottes Heil ausgeschlossen wären, weil sie nicht an Jesus Christus als den Messias Israels und den Sohn Gottes glauben. Eine solche Behauptung hätte keinen Anhalt an der heilsgeschichtlichen Schau des Paulus, der im Römerbrief nicht nur seine Überzeugung zum Ausdruck bringt, dass es in der Heilsgeschichte keinen Bruch geben kann, sondern dass das Heil von den Juden kommt (vgl. auch Joh 4,22). Israel bekam von Gott eine einzigartige Sendung anvertraut, Er bringt seinen geheimnisvollen Heilsplan, alle Menschen zu retten (vgl. 1Tim 2,4), nicht zur Erfüllung, ohne in ihn seinen „erstgeborenen Sohn“ (Ex 4,22) einzubeziehen. Von daher versteht es sich von selbst, dass Paulus im Römerbrief die sich selbst gestellte Frage, ob Gott denn sein eigenes Volk verstossen habe, entschieden verneint. Ebenso dezidiert hält er fest: „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11, 29). Dass die Juden Anteil an Gottes Heil haben, steht theologisch ausser Frage, doch wie dies ohne explizites Christusbekenntnis möglich sein kann, ist und bleibt ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes. Es ist deshalb kein Zufall, dass Paulus seine heilsgeschichtlichen Reflexionen in Römer 9-11 über die endgültige Rettung Israels auf dem Hintergrund des Christusmysteriums in eine grossartige Doxologie münden lässt: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11, 33). Bernhard von Clairvaux (De cons. III/I,3) spricht davon, dass für die Juden „ein bestimmter Zeitpunkt festgelegt ist, dem man nicht vorgreifen kann“.

37. Ein anderer Schwerpunkt muss für Katholiken auch weiterhin die theologisch höchst komplexe Frage bleiben, wie der christliche Glaube an die universale Heilsbedeutung Jesu Christi mit der ebenso klaren Glaubensaussage vom nie aufgekündigten Bund Gottes mit Israel kohärent zusammengedacht werden kann. Es ist der Glaube der Kirche, dass Christus der Heiland für alle ist. Damit kann es keine zwei Heilswege geben, denn Christus ist der Retter der Juden, wie auch der Heiden. Hier stossen wir auf das Geheimnis des Handelns Gottes, nicht auf ein Bestreben missionarischer Bemühung, die Juden zu bekehren, sondern vielmehr auf die Erwartung, dass der Herr die Stunde heraufführt, wenn wir alle vereint sein werden, wenn „alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter dienen‘“ („Nostra aetate“ Nr. 4).

 

 

3) Evangelisch

„Die Tatsache, dass Juden dieses Bekenntnis nicht teilen, stellen wir Gott anheim.“ (3)

K U N D G E B U N G
der 12. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auf ihrer 3. Tagung, 9. November 2016
„… der Treue hält ewiglich.“ (Psalm 146,6)
Eine Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes

2. Die Studie „Christen und Juden III“ der Evangelischen Kirche in Deutschland hat im Jahr 2000 festgehalten: „Der Begriff ‚Bund‘ verweist auf das Handeln Gottes, seine begleitende Treue, von der Juden und Christen gleichermaßen leben“ (46). Daraus folgt für uns:
Christen sind – ungeachtet ihrer Sendung in die Welt – nicht berufen, Israel den Weg zu
Gott und seinem Heil zu weisen. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.

3. Christen sind durch den Juden Jesus von Nazareth mit dem Volk Israel bleibend verbunden. Das Verhältnis zu Israel gehört für Christen zur eigenen Glaubensgeschichte und Identität. Sie bekennen sich „zu Jesus Christus, dem Juden, der als Messias Israels der Retter der Welt ist“ (EKIR, Synodalbeschluss von 1980). Die Tatsache, dass Juden dieses Bekenntnis nicht teilen, stellen wir Gott anheim. Auf dem Weg der Umkehr und Erneuerung haben wir von Paulus gelernt: Gott selbst wird sein Volk Israel die Vollendung seines Heils schauen lassen (vgl. Röm 11,25 ff). Das Vertrauen auf Gottes Verheißung an Israel und das Bekenntnis zu Jesus Christus gehören für uns zusammen. Das Geheimnis der Offenbarung Gottes umschließt beides: die Erwartung der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit und die Zuversicht, dass Gott sein erstberufenes Volk rettet.

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