Excerpt – Die Tyrannei des Wachstums

Excerpt – Die Tyrannei des Wachstums

20181128 Weltladen Infoabend Gerechtigkeit_Ergänzung Hickel

Excerpt der ersten 10% des Buches, als PDF

Hickel, Jason: Die Tyrannei des Wachstums – Wie globale Ungleichheit die Welt spaltet und was dagegen zu tun ist, dtv 2018 (englisches Original 2017)

Verlagsinformationen:

Jason Hickel, Dr. phil., Anthropologe, geboren in Swaziland, lehrt heute an der London School of Economics. Er schreibt u.a. für den >Guardian< und >Al Jazeera<, engagiert sich in Projekten wie etwa therules.org, hat bereits zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorgelegt und mit seinem ersten Buch für eine allgemeine Leserschaft ein großes Presse-Echo ausgelöst. Schwerpunkte seiner Veröffentlichungen sind: Entwicklung, Ungleichheit und Globalisierung.

Grundthesen des Buches:

1)

Die benachteiligten Länder des Globalen Südens sind nicht unterentwickelt, sondern „hinunterentwickelt.

2)

„Um 1500 herum bestand kein nennenswerter Unterschied in den Einkommen und im Lebensstandard zwischen Europa und dem Rest der Welt.“

3)

Die rasante Wohlstandsentwicklung der letzten 400 Jahre in den nördlichen Ländern beruhte auf der Ausbeutung der Kolonialstaaten.

  • – „Die Plünderung Lateinamerikas kostete 70 Millionen Ureinwohner das Leben; in Indien verhungerten unter der britischen Kolonialherrschaft 30 Millionen Menschen. Der durchschnittliche Lebensstandard in Indien und China, der vor der Kolonialzeit jenem in Großbritannien entsprochen hatte, verschlechterte sich rapide. Das Gleiche gilt für den Anteil dieser Länder am Bruttoweltprodukt, der von 65 auf 10 Prozent fiel, während Europas Anteil sich verdreifachte.“

  • •  „Heute leben rund 4,3 Milliarden Menschen – über 60 Prozent der Weltbevölkerung – in auszehrender Armut und kämpfen darum, mit weniger als dem Gegenwert von fünf US-Dollar pro Tag zu überleben.“

  • •  Die acht reichsten Menschen auf der Welt zusammengenommen besitzen ebenso viel Vermögen wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung.

  • •  „Im Jahr 2000 lag das Durchschnittseinkommen eines US-Bürgers rund neunmal höher als das der Menschen in Lateinamerika, 21-mal höher als das der Bewohner des Nahen Ostens und Nordafrikas, 52-mal über dem in Afrika südlich der Sahara und volle 73-mal über dem der Südasiaten.“

  • •  „Der Abstand zwischen dem realen Pro-Kopf-Einkommen im globalen Norden und dem im globalen Süden hat sich seit 1960 ungefähr verdreifacht.“

4)

Die Entwicklungshilfe, die programmatisch in den Fünfzigerjahren erfunden wurde, ist ein Mittel, diese Ausbeutung fortzusetzen. Ihre unbestreitbaren Erfolge wiegen nicht die Verluste auf, die sie im Globalen Süden mitverursacht.

Für jeden Dollar Entwicklungshilfe, den die Entwicklungsländer erhalten, verlieren sie 24 Dollar durch Nettoabflüsse.

Unbestreitbare Erfolge der Entwicklungshilfe sind:

  • – ihre Steigerung auf derzeit ca. 125 Mrd US$ / jährlich,

  • – und die Verminderung der Kindersterblichkeit.

„So ist zum Beispiel die Zahl der Kinder, die aus vermeidbaren Gründen gestorben sind, von 17 Millionen im Jahr 1990 auf unter 8 Millionen im Jahr 2013 gesunken. Und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter bei der Geburt eines Kindes stirbt, hat im selben Zeitraum um 47 Prozent abgenommen.“

Gemessen an ihren Selbstankündigungen ist die Entwicklungshilfe niederschmettern erfolglos geblieben:

– Beispiel Hunger:

„Auf der ersten Welternährungskonferenz der Vereinten Nationen 1974 in Rom hat bekanntlich der US-Außenminister Henry Kissinger versprochen, dass der Hunger innerhalb von zehn Jahren ausgemerzt sein werde. Damals gab es schätzungsweise 460 Millionen Menschen auf der Welt, die unter Hunger litten. Aber anstatt zu verschwinden, wurde der Hunger immer schlimmer – heute gibt es etwa 800 Millionen unterernährte Menschen, selbst nach konservativsten Maßstäben, und realistischeren Schätzungen zufolge sind es eher zwei Milliarden – beinahe ein Drittel der gesamten Menschheit.“

  • – Beispiel Armut

  • •  „Im Jahr 2015 legten die Vereinten Nationen ihren Abschlussbericht über die Millenniums-Entwicklungsziele [SDG‘s] vor – die erste umfassende Selbstverpflichtung der Welt, Armut zu bekämpfen -, in dem behauptet wird, die Armutsquote sei seit 1990 halbiert worden.“

  • •  Wenn wir uns die absoluten Zahlen ansehen – also das Kriterium, auf das sich die Regierungen der Welt ursprünglich geeinigt hatten -, stellen wir fest, dass es heute ebenso viele arme Menschen gibt wie im Jahr 1981, dem Beginn solcher Erhebungen, nämlich etwa eine Milliarde.“

  • •   [Aber] … „diese Zahlen basieren auf der niedrigsten möglichen Armutsgrenze; in Wirklichkeit ist die Lage noch schlimmer.

  • •  Die Standard-Armutsgrenze erfasst die Anzahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben; doch in vielen Ländern des Globalen Südens reicht ein Dollar pro Tag einfach nicht aus, um eine menschliche Existenz zu führen – ganz zu schweigen von der Würde des Menschen.

  • •  Heute sagen viele Wissenschaftler, ein Mensch brauche etwa das Vierfache dieses Betrages, um eine akzeptable Chance zu haben, bis zu seinem fünften Geburtstag zu überleben, sich ausreichend ernähren und eine normale Lebenserwartung erreichen zu können.

  • •  [Realistisch] „würden wir auf etwa 4,3 Milliarden Menschen kommen, die in Armut leben. Das [sind] . über 60 Prozent der gesamten Menschheit.“

  • – Beispiel Ungleichheit:

  • •  „Als 1960 der Kolonialismus endete, war das Pro-Kopf-Einkommen in den reichsten Ländern der Welt 32-mal höher als im ärmsten Land – ein riesiger Unterschied.“

  • •  . „im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte vergrößerte sich der Unterschied um mehr als das Vierfache: Im Jahr 2000 war das Verhältnis schon auf 134 zu 1 gestiegen.“

  • •  „Anfang 2014 berichtete Oxfam, dass die wohlhabendsten 85 Personen der Welt mehr Reichtum angesammelt hätten als die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung – immerhin 3,6 Milliarden Menschen. Im nächsten Jahr war die Lage noch schlimmer geworden und auch im übernächsten Jahr. Und als Anfang 2017 das Weltwirtschaftsforum in Davos zusammenkam, gab Oxfam bekannt, dass die reichsten acht Menschen der Welt ebenso viel besaßen wie die ärmsten 3,6 Milliarden.“

  • •  „Gegen Ende 2016 veröffentlichten der US-Thinktank Global Financial Integrity (GFI) und das Centre for Applied Research an der Norwegian School of Economics eine Studie, .:

Die Autoren der Studie saldierten sämtliche Finanzressourcen, die jedes Jahr zwischen reichen und armen Ländern transferiert werden: nicht nur Entwicklungshilfe,

Auslandsinvestitionen und Handelsströme, wie es vorher schon in anderen Studien gemacht worden war, sondern auch andere Transfers wie Schuldentilgungen, Überweisungen und Kapitalflucht.

Es handelt sich um die umfassendste Erhebung über Ressourcentransfers, die jemals durchgeführt wurde.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass die Entwicklungsländer im Jahr 2012 gut zwei Billionen Dollar erhalten hatten, einschließlich aller Hilfen, Investitionen und Einkommen aus dem Ausland. Aber mehr als das Doppelte, nämlich etwa fünf Billionen Dollar, flossen im selben Jahr aus diesen Ländern ab.

Mit anderen Worten: Die Entwicklungsländer »schickten« [2012] drei Billionen Dollar mehr in den Rest der Welt, als sie von dort erhielten. Und wenn wir sämtliche Jahre seit 1980 in Betracht ziehen, kumulieren sich diese Nettoabflüsse auf den schwindelerregenden Betrag von insgesamt 26,5 Billionen Dollar – das ist die Summe, die im Laufe der vergangenen paar Jahrzehnte aus dem Globalen Süden abgezogen wurde. [ungefähr die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten und Westeuropas zusammengenommen]

„Drei Billionen Dollar pro Jahr an Netto-Abflüssen ist der 24-fache Betrag des jährlichen Entwicklungshilfebudgets. Mit anderen Worten: Für jeden Dollar Entwicklungshilfe, den die Entwicklungsländer erhalten, verlieren sie 24 Dollar durch Nettoabflüsse.“

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