Thesenpapier zur christlichen Gerechtigkeit

Thesenpapier zur christlichen Gerechtigkeit

Literaturabend am 07. März 2018 – Text hier auch als PDF
Lutz Hausmann

Der Bund Gottes mit den Israeliten

Alttestamentlich ist Gerechtigkeit die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk. Der Gottesbund nach den Anweisungen, die Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte, führt zu einem gerechten Leben (vor allem 3. und 5. Buch Moses, Levitikus und Deuteronomium).

Gottes Bund der Regeln mit dem jüdischen Volk

Dieser Bund der Gerechtigkeit ist ein Bund, der über die Befolgung von Regeln erhalten wird oder eben auch nicht. Vor allem die Prophetenbücher sind Zeuge für die Ungerechtigkeit des Volkes Israel seinem Gott gegenüber.

Der neue Bund mit Gott über Jesus Christus als Mittler

Für die frühen Christen ist Christus der Gerechte an sich. Er bringt einen völlig neuen Gerechtigkeitsbegriff, den neuen Bund Gottes, den Jesus Christus auf der Erde verankert hat und für den Jesus Christus der Mittler ist und am Ende der Tage der Richter sein wird.

Paulus

Paulus erweitert diesen Bund auf die gesamte Menschheit und löst ihn ab von der Befolgung der speziellen jüdischen Regeln.

Für Paulus wird ein Christ gerecht, wenn er Christus nachfolgt und seinen persönlichen Willen unter den Willen der christlichen Gemeinschaft stellt.

Paulus betont die Gemeinschaft, weil der Einzelne nur in ihr die christliche Wahrheit erfahren kann. Nur in der christlichen Gemeinschaft lebt der Einzelne den Geist der Bergpredigt und damit das Gebot zur Hinwendung zum Nächsten. Indem Jesus Christus die geistige Gemeinschaft mit und unter den Menschen hält, erfährt der Einzelne durch die Aufnahme des Heiligen Geistes die Einheit mit Gott.

Gerecht werden heißt hier, aus der Abspaltung hinaus zu gehen, in die Einheit mit Gott zurückzukehren und doch als Individuum zu existieren.

Gerechtigkeit Gottes

Gott ist in dieser Vorstellung gerecht, weil er durch das Opfer von Jesus Christus jedem auch noch so verletzten und ausgegrenzten Menschen das Erleben Seiner Gegenwart erlaubt.

Gerechtigkeit des Menschen

Die Menschen sind in dieser Vorstellung gerecht, wenn sie in die Gemeinschaft der Gegenwart Gottes streben.

Der Mensch hat nach der christlichen Vorstellung mit Jesus Christus zwar den Kompass hin zu dieser Gerechtigkeit in sich, aber nicht den Plan.

Nur der dreieinige Gott hält und fügt den Plan zur Einheit seiner Schöpfung.

Gerechtigkeit innerhalb der Einheit der Schöpfung

Wir Menschen handeln und werden nicht aus uns selbst heraus gerecht. Wir müssen, um der Einheit der Schöpfung willen, die die friedliche Gemeinschaft der Menschen untereinander einschließt, um Gerechtigkeit bitten und uns wie die Kinder führen lassen. Gebete, Bitten und das Aufsuchen der lebendigen Glaubensresonanz im Inneren geben den Christen Geborgenheit in einem größeren Ganzen, das sowohl als absolut wie als persönlicher Ursprung erlebt wird. So kann sich Gerechtigkeit einstellen als Ergebnis eines Lebensflusses, der immer wieder in neuem Leben mündet und den Tod überwindet, und so verfliegt die Angst vor der Selbstauflösung, auch wenn sich menschliches Handeln vielfältigen Korrekturen stellen muss.

 

Die Nachwirkungen des frühen und späten Dualismus im christlichen Europa

Schon früh drangen ins Christentum von Außen Vorstellungen einer gespaltenen Schöpfung ein: einer guten, versorgenden, in die Einheit aufnehmenden jenseitigen Geistesschöpfung und einer mit den Schmerzen des Diesseitigen verbundenen, materiellen Schöpfung.

Der Heilsweg des Gläubigen in der Gnosis und beeinflusst vom Manichäismus und später im zweiten Jahrtausend der Heilsweg der Katharer und Bogomilen bestand in der Meidung allen diesseitigen materiellen Lebens.

Diese und andere dualistische Einprägungen haben lange und vielfältige Spuren in der Geschichte des Christentums hinterlassen.

Nicht in den dualistischen Sekten selber, aber im restlichen christlichen Europa gab es immer wieder Zeiten des Ausgrenzens und Ausmerzens von angeblich dem Teufel unwiederbringlich verfallenen Menschengruppen: Muslime, Juden, Türken, Hexen nur als Beispiele.

Diesseitig orientierte, ungebildete einfache Menschen wurden zudem als Menschen zweiter Klasse angesehen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfahren konnte. Ihnen war, aufgrund der Erbsünde, das harte Los des Leidens am Leben vorbehalten. Christlich gebildete Menschen hatten dagegen die Möglichkeit, sich dem Geistigen zu zuwenden und von der geistigen Gerechtigkeit zu profitieren, die den heiligen Märtyrern bereits widerfahren war. Die Zweiteilung der Menschen in geistige und geistliche Menschen einerseits und diesseitig an die Erbsünde gebundene Menschen andererseits gehörte zur Gerechtigkeitsvorstellung des europäischen Christentums vom Kirchenvater Augustin an bis zur beginnenden Neuzeit.

Die Gerechtigkeit des scharfen Schwertes

Beginnend im karolingischen Kaiserreich, weiter während der Inquisition und bis zum lutherischen und calvinistischen Radikalismus, schließlich insgesamt im Zeitalter des Konfessionalismus im 16. und 17. Jahrhundert war der Begriff der Gerechtigkeit des scharfen Schwertes (oder entsprechende Formulierungen) weit verbreitet. Immer ging es um das Abtrennen des Verdorbenen, um das noch Gute zu retten. In diesem Sinne waren Grausamkeiten gerecht, weil sie dem verwerfenden Richterspruch des jüngsten Gerichtes voraus griffen. Christen gaben sich hier das Recht, eine göttliche Gerechtigkeit vorweg zu empfinden und für Gott stellvertretend, strafend zu handeln.

Endzeiterwartungen

Möglich geworden war dies u.a. durch überlieferte Aussprüche Jesu, durch das einflussreiche Weiterwirken der Ideen des Kirchenvaters Augustin, aber auch durch die starke Endzeiterwartung und die apokalyptischen Schriften vom Antichrist.

Augustin, die Verwaltung der Sakramentskirche und die Rechtfertigung vor Gott

In einer Zeit der Wirren und des zerfallenden römischen Reiches entwickelte Augustin die Idee einer das Heil verwaltenden sowohl dies-, wie jenseitigen Sakramentskirche als Rettung der Gläubigen. Diese ursprünglich um der Gerechtigkeit Willen umgesetzte Idee entwickelte mit der Zeit Kräfte gegen sich selbst.

In der Überlieferung dieser Ideen entstand im europäischen Christentum des zweiten Jahrtausends eine Zweiteilung des Heils. Um heil, also gerechtfertigt vor Gott treten zu können, war die Aufnahme aller von der Kirche verwalteten Sakramente während eines Lebenslaufes notwendig. Dem gelehrten Klerus und dem Fürstenstand war dies möglich, dem einfachen Volk aber bewusst verwehrt (kein Abendmahl in beiderlei Gestalt).

Auch entwickelte sich eine Werkgerechtigkeit, die heutige kapitalistische Wertvorstellungen vorwegnahm. Gottes Segen wurde mit diesseitigem Reichtum verbunden, auch wenn dieser wachsende Reichtum mit den Mitteln des Reichtums selbst erzwungen war.

 

Wiederentdeckung der urchristlichen Gerechtigkeitsvorstellungen im Protestantismus

Die Reformationszeit war vor allem eine Reform der Rechtfertigung vor Gott. Diese Reform geschah im Luthertum wie im reformierten Christentum Züricher und Genfer Prägung (dem Calvinismus) und anderen christlichen Ausprägungen der Reformationszeit.

Gerecht wurde der Christ hier vor Gott, wie im paulinischen Urchristentum, allein mit Hilfe des Mittlers Jesus Christus. Die Herausarbeitung und Vermittlung einer gerechten Kirchenlehre wurde hier zentral. Das priesterliche Lehramt führte, als Gerechtigkeitshandlung, den ungebildeten Christen hin zur Aufnahme der gerechten Lehre, die alleine auf die Gegenwart des lebendigen Gottes in jedem Einzelnen zuführte. Diese Gegenwart wurde zur allein gültigen gnädigen Gerechtigkeit Gottes und jedem Menschen als Resonanz auf sein Bemühen zugänglich gemacht.

Calvinismus (reformiertes Christentum) und politische Gerechtigkeit

Im französischen und englischen Europa der sich entwickelnden Neuzeit befand sich das reformierte Christentum fast ständig in einer Opposition zu den politischen Machtverhältnissen. Anders als das Luthertum entwickelte die reformierte Kirche Frankreichs und der Niederlande (der Calvinismus) und die reformierte Kirche Schottlands und Englands ein geistiges, religiöses Widerstandsrecht gegen ungerechte, weil in ihrem Sinne nicht-christliche, politische Verhältnisse.

Reformiertes Christentum und Humanismus verbinden sich zu neuen Gerechtigkeitsvorstellungen

Aus dem reformiert christlichen Widerstandsrecht und dem reichen Erbe der Antike entwickeln sich Gerechtigkeitsvorstellungen, die von anthropologischen Vorstellungen des Entwicklungspotentials des Menschen an sich ausgehen. Gerecht ist hier, was dem Menschen und dem menschlichen Gemeinwesen seine Entfaltung erlaubt.

In der Folge entstehen Gerechtigkeitsformulierungen, angefangen bei der französischen Menschenrechtserklärung und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu sozialistischen Manifesten.

Aufklärung und liberales Christentum entarten kurzfristig im Deutschen Christentum

In Deutschland verbindet sich dieser moderne Humanismus im 18 und 19. Jahrhundert mit der Aufklärung und einem liberalen Christentum. Für ein neues aufgeklärtes, liberales Christentum stehen z.B. Autoren wie Lessing, Goethe, Herder, Kierkegaard und Schleiermacher.

Im liberalen Christentum gerät die Gesamtschöpfung und die „schlechthinnige Abhängigkeit“ des Menschen darin in den Fokus des bürgerlichen christlichen Denkens. Dies geschah um so mehr, indem die Gedanken Charles Darwins aufgenommen wurden.

Es geht dann, in der Folge von Darwin, um eine Schöpfung, in der sich der Mensch behaupten muss als einer unter vielen. Gerecht ist jetzt, wenn man seine eigenen Vorzüge gegen andere ausspielt. Das Gottesgeschenk der eigenen Exzellenz und Überlegenheit muss gegen andere durchgesetzt und bewahrt werden. So wird man in diesem Denken Gottes Schöpfung gerecht.

In Deutschland gipfelten diese christlichen Einstellungen im nationalsozialistischen Deutschen Christentum und anderen entsprechenden christlichen Ausprägungen.

Bewahrung der Schöpfung im Zentrum der christlichen Gerechtigkeit

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dem Aufbau des atomaren Vernichtungspotentials verdichtet sich ein christliches Gerechtigkeits-Pradigma, das der gesamten Schöpfung gerecht werden und sie bewahren will.

Das christliche Gerechtigkeitsempfinden verbindet sich hier wieder mit Vorstellungen des paulinischen Urchristentums. Die Instanz der Gerechtigkeit liegt außerhalb des Menschen in einem versorgenden, behütenden Gott, zu dem wir als Christen wieder eine Verbindung finden müssen. Angestrebt wird eine Verbindung zu Gott, in der sich die Christen wieder notwendig demütig vor der Einheit der gesamten Schöpfung verneigen und sie so bewahren können.

Globalisierung und Nächstenliebe

Jenseits der Bergpredigt, dem Prinzip der Hinwendung zum Nächsten und dem Grundsatz der Bewahrung der Schöpfung sind die Fragen, wie denn christliche Gerechtigkeit im Einzelnen tatsächlich gelebt werden kann, weiterhin offen. Gerade im aufgeklärten Christentum bleibt es dabei: Um Gerechtigkeit muss unter den Menschen gerungen werden. Weiterhin sind auch unter Christen Fragen virulent wie: „Wer gehört alles in das Boot der Gerechtigkeit und wer nicht?“ Geistig wird allen Menschen prinzipiell die Heilsberufung zugesprochen, aber wenn es darum geht, alle Menschen dieses globalisiert zusammengerückten Planeten als Nächste anzusehen, fängt das Ringen an. Genauso ist es mit der Bewahrung der Schöpfung. Vieles ist schon verloren und die Versuchung, weiteres verloren zu geben, ist groß.

Zentral in der christlichen Ethik sind heute die Zugangs- und die Verteilungsgerechtigkeit und die Frage der Einheit der Schöpfung, zu der die Einheit der Menschen untereinander und die Unversehrtheit der Menschen dazu gehören. Zentral ist auch die Ungleichheit zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Wir bewohnen unsere Erde heute in einem von uns gemachten Zustand. Die Göttliche Schöpfung dieses Ortes im Universum ist verborgen hinter dem Schleier des Gemachten der menschlichen Mitschöpfer. Nur, wir erschaffen nicht das Leben, das wieder Leben gebiert. Wir erschaffen Funktionierendes, das das Leben verdrängt.

lhaus2

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