Archiv 11. Mai 2019

20190511 Impuls – Schlusswort: Kirchen, Fairer Handel und Chancen

Ev. Gemeindefest zum Weltladentag 2019
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf
11.05.2019, Text: Lutz Hausmann

Impuls – Schlusswort
Kirchen, Fairer Handel und Chancen

Die Kirchen gehören zu den Ressourcen dieser Welt, die Chancen für Arme schaffen. Entweder ist es das ehrenamtliche Engagement von Menschen, die christlich geprägt sind oder es sind die Gelder, das Engagement und das Know-How kirchlicher Entwicklungsorganisationen, die die Schaffung neuer Strukturen mit ermöglichen. Der Erfolg dieser Bemühungen hängt aber am Ende von den Menschen ab, die überall in der Welt die Empfänger dieser Unterstützung sind. Sie verändern die Welt so wie auch wir die Welt wahrscheinlich bald dringend brauchen werden. Diese Menschen haben den Mut, auf Alternativen zu vertrauen, die seit Jahrzehnten kraftvoll entstehen. Damit sind sie, auch für uns, Hoffnungsträger für eine gemeinsam bewohnbare Welt.

Menschen kommen schneller voran, wenn sie Wege und Straßen benutzen. Die Bedeutung des Fairen Handels besteht vor allem in seiner Funktion, Weg und Straße zu sein. Man darf seinen Erfolg nicht nur nach Zahlen messen. Viele tausend Menschen in den Ländern des globalen Südens haben mit der Hilfe des Fairen Handels ihren Anschluss an ein menschenwürdiges Leben erhalten, weil sie Teil einer tragfähigen Gemeinschaft geworden sind. Es ist ein Unterschied, ob man sich durch das Dornengestrüpp eines globalisierten Weltmarktes hindurch schlägt, oder ob man auf Wegen unterwegs ist, die in der Obhut einer partnerschaftlichen Weltgemeinschaft stehen. Aus den Anfängen dieser alternativen Weltwirtschaft kann außerdem vielleicht einmal plötzlich viel mehr entstehen. Es kommt eben darauf an, Chancen zu geben und Chancen aufrecht zu erhalten.

Der Faire Handel ist in Form der WFTO ein Modell, das die von der UNO beschlossenen nachhaltigen Entwicklungsziele dieser unserer einzigen Erde konkret ausfüllt. Innerhalb der WFTO, diesem tatsächlich funktionierenden Netzwerk mit Modellcharakter, werden die zentralen Faktoren eines anderen Wirtschaftens ausgehandelt. Hier entwickeln und verhandeln alle Partner auf Augenhöhe. Das ist Kommunikation um die guten Dinge des Lebens. Leben, das wiederum Leben ermöglicht und nicht anderes Leben verdrängt, erniedrigt oder tötet.

Hier schließt sich der Kreis hin zu unserem christlichen Bemühen der Schöpfungsbewahrung. Und das ist natürlich auch ein Bemühen um uns selbst, um unsere eigene Lebensqualität.

20190511 Impuls_Wertschöpfungskettengesetz

Ev. Gemeindefest zum Weltladentag 2019
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf
11.05.2019, Text: Lutz Hausmann

Impuls
Wertschöpfungskettengesetz

Lieferkette – Wertschöpfungskette -Supplychain-Management
Die diesjährige Kampagne des Weltladen-Dachverbands

Es zieht ein endlos dichtes Netz von Ketten auf Europa zu. Wir sind dicht verkettet. Ein dichter Schleier von tausenden von Ketten verbindet uns vor allem mit Südostasien. Es gibt auch Ketten, die bei uns nicht ihren Endpunkt haben und wieder umdrehen. Sie bringen z.B. Elektroschrott nach Afrika. Andere Ketten verbinden uns mit slumähnliche Gegenden in Bangladesh in Indien, auf den Philippinen, Indonesien, Malaysia. Diese Ketten beginnen aber auch in apokalyptischen Menschheitsszenerien im Morast der Minen und der bewaffneten Gewalt Zentralafrikas oder in den lebensgefährlichen Minen Südafrikas. Auch die deutschen Autos und Autoteile kommen zu 20-50% von überall her aus der Welt. Unsere Strümpfe kommen schon lange nicht mehr aus dem Sauerland, unsere Schuhe nicht mehr aus der Pfalz.

Alle Massenwaren, die heute in Europa produziert werden, sind Kettenproduktionen. Ein Teil des Produkts wird hier hergestellt, ein anderes dort, zusammengebaut wird ganz woanders. Das passiert selbst mit Lebensmitteln so. Bei ihnen aber innerhalb Europas.

Der Fachausdruck dafür ist „Wertschöpfungskette“. Da stecken die Wörter „Schöpfung“, „Wert“ und „Kette“ drin. – Für Christen ein inspirierender Zusammenhang. – Ein anderer Ausdruck für diese allgegenwärtige Kettenproduktion ist „Lieferkette“, auf Englisch „Supplychain“.

Während eines Studiums der Betriebswirtschaft ist das Fachgebiet „Supplychain-Management“ ein wichtiges Fach. Ein gutes Lieferkettenmanagement ist die Voraussetzung für die gesamte Produktion. Ja, das Lieferkettenmanagement muss eigentlich perfekt sein, weil es darin eigentlich keine Zeitlücken mehr gibt. Alles muss genau zur rechten Zeit geliefert und wieder abgeholt werden. Der Druck, der hierzu im Management herrscht wird an die Einzelglieder in der Lieferkette weiter gegeben. – Und es herrscht noch ein anderer Druck im Produktions-Lieferketten-Management. Das ist der Kostendruck.

Und jetzt, meine Damen und Herren, stellen sie sich vor, so ein Lieferkettenmanager mit diesem Druck organisiert von Deutschland aus den Teil der Lieferkette z.B. in Südostasien, vielleicht auf den Philippinen. Er hat Partner dort. Die kennen die örtlichen Bedingungen und sprechen die Sprache. Der Manager, oft auch eine Managerin, überlässt gerne alles dem örtlichen Partner eben z.B. auf den Philippinen. Die einzige Bedingung ist, dieser Lieferketten-Organisationspartner muss die Verträge einhalten. Wenn er das nicht tut, fliegt er raus aus dem Geschäft und zehn andere Partner stehen schon Schlange.

Hier beginnt eine Misere, die man Ungleichheitsmisere nennen kann. Anders als in Europa sind die Arbeiter vor Ort in den meisten Fällen nicht durch Gesetze geschützt. Arbeitsschutz, ja eine grundsätzliche Beachtung der Menschenrechte sind meistens nicht in den Verträgen vor Ort, mit den örtlichen Partnern enthalten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die vom örtlichen Partner angestellt werden, haben keine Wahl. Die Arbeit, die ihre Familien ernährt, kommt eben z.B. aus Europa. Es ist in diesem Fall der europäische Verbraucher, der ihnen Arbeit gibt. Eine Alternative ist selten vorhanden.

Dies beschreibt eine hunderte Millionen, ja vielleicht milliardenhafte Misere innerhalb unseres Weltwirtschaftssystems. Es sind nicht nur die Europäer, die hier angesprochen sind, etwas zu ändern.

Aber speziell die Europäische Union bemüht sich seit einiger Zeit die beschriebene Ungleichheitsmisere rechtlich zu klären. Ihre Mitgliedsländer haben bis zum Jahr 2020 Zeit, selbst nationale Gesetze zum Schutz der rechtlosen Armen am Ende der Lieferketten zu erlassen. Wenn sie dies nicht tun, wird es eine EU-weite Regelung geben.

Zur Zeit gibt es Entwürfe, man sagt innerhalb des Entwicklungsministeriums, zu einem Wertschöpfungskettengesetz. Hier haben wir wieder die Verknüpfung der Schöpfung mit dem Wert, dem Gesetz und der Kette. Die kirchlichen Verbände, an ihrer Spitze „Brot für die Welt“ und Misereor arbeiten seit langem hinter den Kulissen an der Verwirklichung und an einer entsprechenden Qualität eines solchen Wertschöpfungs-ketten-gesetzes. Der Weltladen-Dachverband hat seine diesjährige Kampagne darauf ausgerichtet. Wir bitten Sie um Ihre Aufmerksamkeit und Unterstützung dafür.

Kommentar zur Schöpfungsbewahrung

Anlässlich eines Gemeindefestes am Weltladentag 2019
11.05.2019

Schöpfung! Wir sind Teil davon. Ohne sie würden wir nicht existieren, könnten wir nicht existieren. Aber das, was wir Schöpfung nennen, könnte gut ohne uns geschehen. Andersherum gibt es nicht wenige Menschen, die glauben, eine technische Nachschöpfung wäre eine Zukunftsoption; künstliches Leben einschließlich Befruchtung in Vitro für den Menschen und alles was er zum Leben benötigt?

Die Mehrheit der Menschen ist zurzeit besorgt. Es gibt kaum jemanden, der den Witz von den zwei Planeten, die sich begegnen, nicht versteht. Dem einen geht es schlecht. Er hat Menschen. Der andere Planet beruhigt ihn. Keine Sorge, diese Krankheit gehe schnell vorüber. Eine Schöpfung ohne Mensch? Ist das von der Schöpfung so gedacht? Ist das von unserem Schöpfer so gewollt?

Die christliche Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Papst Franziskus hat sie in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ beantwortet. Die Initiative der orthodoxen jüdischen Rabbiner, mit der sie den Christen eine Hand reichen, beantwortet die Frage ebenfalls. Die Position der protestantischen Kirchen, ob der Mensch ein gewollter Teil der Schöpfung ist, ist auch eindeutig.

Der Mensch ist für die jüdisch-christlichen Schriften keine Krankheit der Erde, sondern ein ganz besonderer Mittler Gottes zu seiner Schöpfung. So wie Jesus-Christus ein Mittler des Menschen hin zu Gott ist, so ist die Menschheit ein Mittler Gottes hin zu seiner Schöpfung auf dieser Erde.

Gott hat in den Schriften etwas vor mit den Menschen. Nirgendwo kann man herauslesen, dass der Mensch der Zerstörer seiner Schöpfung sein soll. Da stimmt also heute etwas nicht!

Was haben Theologen zum prekären Verhältnis des Menschen zur Schöpfung zu sagen? Im Karl-Barth-Jahr gibt es hin und wieder die Erwähnung seiner Vorstellung der grundsätzlichen Erlöstheit der Menschheit. Luther glaubte noch stark an einen zweifachen Ausgang der Menschheitsgeschichte, an einen Ausgang zum Heil und einen Ausgang zur Verderbnis. Dies wird heute gern als mittelalterlicher, heute überwundener, Höllenglaube abgetan. Aber, ironisch gefragt, wenn der Mensch eine Seele haben sollte und er stürbe, ohne dass seine Seele eine Heimat finden könnte, wäre das nicht sein Verderben?

Also wie ist das mit dem Menschen und der Schöpfung? Das Thema hat wohl irgendwie mit Heimat zu tun und vielleicht irgendwie mit Heimat in einem übergeordneten Sinne.

Das sich wohlfühlende, sich im eigenen Körper Beheimatetfühlen gilt heute als zivilisatorisches Recht des Menschen. Und unsere Zivilisation bietet uns in dieser Hinsicht auch Einiges. Auch sich in besonderen Formen der Familie beheimatet zu fühlen, ist heute mehr und mehr ein zivilisatorisches Recht. Der Besitz schließlich wird ganz besonders beschützt, eben weil er mit der Beheimatung des Menschen so zentral verbunden ist. Aber eben gerade bei der Beheimatung in Körper, Familie und Besitz erleben wir auch die größten Zivilisationsbrüche.

Ein ernstes Symptom unserer zivilisatorischen Verschränktheit ist unsere Unfähigkeit, einen guten Weg zu finden. Unsere Zivilisation führt vermehrt zu Brüchen, weil wir uns immer weniger von ihr lösen können, wenn wir versuchen unser heilig lebendiges Leben zu gestalten.

Wir Menschen besitzen nicht die Schöpfung und wir müssen uns hin und wieder fragen, ob das kleine Königreich, das wir uns geschaffen haben, in die Vorstellung einer übergeordneten Beheimatung in der Schöpfung passt. Das ist ein schwieriges Thema, zu dessen Bewältigung unsere Kultur noch keine Wege kennt.

In den Kirchen beten und fürbitten wir. Aber Wege hinein in eine Einheit des Lebendigen finden wir dort nur als Benennung der Herausforderung. Wenn wir uns mit dem Thema Mensch und Schöpfungsbewahrung beschäftigen, schwanken wir hin und her, wir prallen von einer Wand zur anderen und stoßen uns. Uns als Teil des heiligen Lebens zu empfinden und es zugleich zu gestalten, das wäre der Weg, der uns zu Gott führen würde.

Der christliche Weg damit umzugehen, ist sich der höchsten Instanz, der man zugänglich ist, anzuvertrauen und sowohl Chancen zu schaffen, wie auch Chancen für andere zuzulassen. Zu einer solchen Beheimatung im höheren Sinne gehört auch die Hoffnung. Aber der Freude und Hoffnung im Garten hinter dem Haus entsprechen manchmal drei Autos vor dem Haus. Es sind keine einfachen Verhältnisse, in denen wir leben.

Text: Lutz Hausmann