Fairer Handel und Kirchen

Juni 2020, Für den Weltladen Bahnhof Wandlitzsee

Die gemeinsame Wertebasis von Fairem Handel und Kirchen

Das Lieferkettengesetz kämpft für Fairness im globalen Handel.
So tut dies auch der Faire Handel und so tun dies auch die Kirchen, die den Fairen Handel und die Weltladenbewegung seit 50 Jahren unterstützend begleiten.

Was sind die zentralen Werte, die Kirchen und Weltladenbewegung teilen, wie sieht die gemeinsame ethische Schnittmenge aus?

Der zentrale gemeinsame Schnittpunkt ist das Leben. Es sind die Lebensqualität und die Lebensmöglichkeiten. Sowohl die Kirchen wie der Faire Handel haben hier einen hohen Anspruch.

Gerecht oder „Fair“ ist für beide, wenn das Leben, das jemand führt, nicht eben dieses Leben zerstören muss, damit es weitergeht.

Was verbindet hier die Kirchen und der Faire Handel?
Beide gehen davon aus, dass das Leben die Bedingungen für sein Gedeihen mitbringt. Das ist die zentrale Gerechtigkeit des Lebens. Das kann man mehr oder weniger religiös sehen. Das kann man mehr oder weniger bezogen auf eine „gute Instanz“ sehen.

Im Fairen Handel ist Gerechtigkeit eine Überzeugung, in den Kirchen ist es der Glaube an Gerechtigkeit.

Die Überzeugung und der Glaube, dass für alle genug da ist, wenn Leben Leben gebiert, ist die ethische Schnittmenge zwischen Fairem Handel und Kirchen. Von hier leiten sich die 10 Grundsätze des Fairen Handels ab und alle Fürsorge, Gnade und Barmherzigkeits-Vorstellungen von Christen. Auch die 17 Ziele für eine nachhaltige Weltentwicklung der Vereinten Nationen, die SDG‘s, gehören in diesen Kanon.

Leben gebiert dann Leben, wenn das Leben sein Potential in sich trägt und nicht schon den Tod. Hier ist die christliche Überzeugung von der Überwindung des Todes angesiedelt. Der Faire Handel bezieht sich hier auf gelebte Erfahrungen, die ihm bestätigen, dass die Lebensqualität steigt, wenn auch wirtschaftliche Zielsetzungen davon bestimmt werden.

Es sind die Erfahrungen des biologischen Landbaus, die Erfahrungen eines Lebens im Bemühen um sozialen Ausgleich, und natürlich die Erfahrung der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Handreichung. Dies alles sind reiche und tiefe Erfahrungen, die die Überzeugung gestärkt haben, dass Gerechtigkeit gelebt werden kann.

Für die Kirchen wie für den Fairen Handel bedeutet so die Menschenwürde das gelebte Potential des Menschen. Dieses Potential zu leben, benötigen die Menschen Chancen, im armen Süden, wie im reichen Norden. Fairer Handel und kirchliche Institutionen geben gemeinsam diese Chancen.

Lutz Hausmann, Weltladen Bahnhof Wandlitzsee

Diskussionspapier zu Laudato si von Papst Franziskus

20180926 Laudato si‘_Thesen_Literaturabend_Pfarrsprengel Basdorf Wandlitz Zühlsdorf
www.kirche-wandlitz.info/angebote/literaturabend.html

Diskussionspapier von Lutz Hausmann, (auch als PDF)

[Hier gelangen Sie zum Originalpapier, der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus]

ENZYKLIKA

LAUDATO SI‘

VON

PAPST FRANZISKUS

ÜBER DIE SORGE FÜR DAS GEMEINSAME HAUS

Die Enzyklika reagiert auf die Ökologische Krise, den Klimawandel und die Erderwärmung, die vor allem die Armen schon jetzt als ökologische Katastrophe bedrohen.

Sie wurde erlassen am 24. Mai 2015 (Pfingstsonntag) als Impuls zur Klimakonferenz 2015 in Paris.

Die Enzyklika verlangt eine Umkehr der Menschheit zur Rettung des Planeten und des Schöpfungsziels.

Ihr Inhalt ist im Folgenden als Arbeitsthesen zusammengefasst.

Umkehr

Die Enzyklika fordert die Umkehr zu einer Einheit mit Gott und Gottes Willen.

Gemeinschaft

Die Einheit erkennen wir in der Schöpfung, in der Einheit des lebendigen Körpers aller Lebewesen.

Machbarkeit und Relativismus Die Ganzheit/Einheit

Die Einheit mit Gott und der Schöpfung verstehen wir nur ganzheitlich. Die Ansätze des wissenschaftlich-wirtschaftlichen-technologischen Komplexes können nicht zum Wesenskern unserer Lebensbestimmung vordringen, weil ihre Ansätze zu eng fokussiert sind.

Lebensbestimmung = Auftrag Gottes

Wir Menschen sind als erschaffene Personen eine gelebte Einheit in uns, mit unserem Körper und allem, was diesen Körper erhält und nährt. Die Einheit der Schöpfung schließt die geistigen Dimensionen der Schöpfung mit ein.

Die Einheit der Schöpfung zu erkennen, sie zu nähren und weiter auszubauen sieht Papst Franziskus als Auftrag und Bestimmung des Menschen.

Dreifaltigkeit / Dreieinigkeit, vom Tod aufgefahrener Jesus Christus

Der gelebte Wesenskern dieser Einheit des Menschen mit allem Lebendigen ist christlich beschrieben und nachvollziehbar gemacht in den Metaphern „Dreifaltigkeit“/“Dreieinigkeit“ und dem vom Tod aufgefahrenen Jesus Christus.

Sinnbestimmung / Auftrag des Menschen

Theologisch sieht Papst Franziskus den Menschen im Auftrag und in der Pflicht, der Schöpfung, dem lebendigen Ganzen zu dienen.

Die Natur unter die menschliche Herrschaft zu nehmen, ist eine Fehlinterpretation.

Der wirtschaftlich-technologische

Komplex

Das gegenwärtige und seit Jahrhunderten währende Zusammenwirken von Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie ist ein Weg in die Vernichtung der lebendigen Schöpfung auf der Erde und führt in die Katastrophe.

Techno-Science:

Segen vs. Relativismus

Es gibt einen Gegensatz zwischen einer „integrierten Techno-Science“, die die Schöpfung auch biologisch befördert und eines wirtschaftlichtechnologischen Komplexes, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und so keinen Zugang zur Einheit, zum Wesenskern des Seins findet.

Relativismus und Finanzwirtschaft

Auch die gegenwärtige Finanzwirtschaft gehört zu diesem Relativismus.

Der Relativismus führt zur Ausgrenzung.

Die Kosten werden unzulässig verallgemeinert.

Die Konzentration auf das technologisch Machbare führt zur Ausgrenzung vielfältigster Art: Von Zielen, Belangen, biologischen Arten, Teilen des Ökosystems und von vor allem armen Menschen.

Die Kosten des Relativismus werden unzulässig verallgemeinert. Die Kosten der Armut und der Zerstörung werden ausgegrenzt.

Aktuell finden wir eine Reduzierung

– der Einheit/Ganzheit der Schöpfung

– und dadurch des Wirkens und der Verherrlichung Gottes

Aktuell finden wir die Vielfalt der Arten und die Komplexität der Ökosysteme stark von Menschenhand reduziert.

Nach Ansicht von Papst Franziskus sind damit auch das Wirken und die Verherrlichung Gottes innerhalb der Schöpfung reduziert.

Die Menschheit, als integrierter Teil der Schöpfung, ist daher ebenfalls gefährdet und geschädigt.

Kommunikation

vs. Nicht-Kommunikation innerhalb des Wesenskerns,

d.h. Ungleichheit biologischer vs. gemachter Veränderungen

Die menschengemachten Reduzierungen der letzten Jahrhunderte sind nicht gleichzusetzen mit den evolutionären Veränderungen der letzten Jahrtausende, weil hier keine ganzheitlichen Veränderungen aus dem Wesenskern der Schöpfung heraus stattgefunden haben.

Menschenwürde / Würde der Schöpfung/ der biologischen Vielfalt;

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er Gottes Auftrag und Ziel verfolgt.

Personhaftigkeit des Menschen

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er in der Lage ist, Gottes Auftrag und Ziel zu verfolgen.

Dann ist der einzelne Mensch eine Person und nicht irgendetwas.

 

Politische Forderungen

Entmachtung und das Zurückfordern von Macht als gedeihlicher Weg aus der Klimakrise.

Die Macht zur Gestaltung der Erde ist in den Händen des wirtschaftlichtechnologischen Komplexes.

Dieser ist nach Papst Franziskus in einer Dynamik gefangen, die ihm nicht erlaubt, seine Selbstfokussierung von innen heraus zu überwinden. Dies müssen die Konsumenten, die Menschen des Planeten selbst tun.

Zentrale Strukturen der

Normdurchsetzung (Abschnitt 175)

Zur Überwindung dieser Selbstfokussierung benötigt die Menschheit zentrale Strukturen der Normdurchsetzung.

Siehe dazu die Soziallehre der Kirche und Schriften von Papst Benedikt XVI. und von Papst Johannes XXIII.:

Forderungen nach dem „Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität.“

Und wiederum, Umkehr!

Die von Papst Franziskus geforderte Umkehr geschieht im persönlichen, familiären, sozialen und kulturellen Kreis

– in Form einer „positiven Askese“,

– der Konzentration auf das Notwendige,

– der Solidarität mit den Ausgegrenzten und/oder Armen,

– der Solidarität mit dem Leben (gegen Abtreibung).

Kommentar zur Schöpfungsbewahrung

Anlässlich eines Gemeindefestes am Weltladentag 2019
11.05.2019

Schöpfung! Wir sind Teil davon. Ohne sie würden wir nicht existieren, könnten wir nicht existieren. Aber das, was wir Schöpfung nennen, könnte gut ohne uns geschehen. Andersherum gibt es nicht wenige Menschen, die glauben, eine technische Nachschöpfung wäre eine Zukunftsoption; künstliches Leben einschließlich Befruchtung in Vitro für den Menschen und alles was er zum Leben benötigt?

Die Mehrheit der Menschen ist zurzeit besorgt. Es gibt kaum jemanden, der den Witz von den zwei Planeten, die sich begegnen, nicht versteht. Dem einen geht es schlecht. Er hat Menschen. Der andere Planet beruhigt ihn. Keine Sorge, diese Krankheit gehe schnell vorüber. Eine Schöpfung ohne Mensch? Ist das von der Schöpfung so gedacht? Ist das von unserem Schöpfer so gewollt?

Die christliche Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Papst Franziskus hat sie in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ beantwortet. Die Initiative der orthodoxen jüdischen Rabbiner, mit der sie den Christen eine Hand reichen, beantwortet die Frage ebenfalls. Die Position der protestantischen Kirchen, ob der Mensch ein gewollter Teil der Schöpfung ist, ist auch eindeutig.

Der Mensch ist für die jüdisch-christlichen Schriften keine Krankheit der Erde, sondern ein ganz besonderer Mittler Gottes zu seiner Schöpfung. So wie Jesus-Christus ein Mittler des Menschen hin zu Gott ist, so ist die Menschheit ein Mittler Gottes hin zu seiner Schöpfung auf dieser Erde.

Gott hat in den Schriften etwas vor mit den Menschen. Nirgendwo kann man herauslesen, dass der Mensch der Zerstörer seiner Schöpfung sein soll. Da stimmt also heute etwas nicht!

Was haben Theologen zum prekären Verhältnis des Menschen zur Schöpfung zu sagen? Im Karl-Barth-Jahr gibt es hin und wieder die Erwähnung seiner Vorstellung der grundsätzlichen Erlöstheit der Menschheit. Luther glaubte noch stark an einen zweifachen Ausgang der Menschheitsgeschichte, an einen Ausgang zum Heil und einen Ausgang zur Verderbnis. Dies wird heute gern als mittelalterlicher, heute überwundener, Höllenglaube abgetan. Aber, ironisch gefragt, wenn der Mensch eine Seele haben sollte und er stürbe, ohne dass seine Seele eine Heimat finden könnte, wäre das nicht sein Verderben?

Also wie ist das mit dem Menschen und der Schöpfung? Das Thema hat wohl irgendwie mit Heimat zu tun und vielleicht irgendwie mit Heimat in einem übergeordneten Sinne.

Das sich wohlfühlende, sich im eigenen Körper Beheimatetfühlen gilt heute als zivilisatorisches Recht des Menschen. Und unsere Zivilisation bietet uns in dieser Hinsicht auch Einiges. Auch sich in besonderen Formen der Familie beheimatet zu fühlen, ist heute mehr und mehr ein zivilisatorisches Recht. Der Besitz schließlich wird ganz besonders beschützt, eben weil er mit der Beheimatung des Menschen so zentral verbunden ist. Aber eben gerade bei der Beheimatung in Körper, Familie und Besitz erleben wir auch die größten Zivilisationsbrüche.

Ein ernstes Symptom unserer zivilisatorischen Verschränktheit ist unsere Unfähigkeit, einen guten Weg zu finden. Unsere Zivilisation führt vermehrt zu Brüchen, weil wir uns immer weniger von ihr lösen können, wenn wir versuchen unser heilig lebendiges Leben zu gestalten.

Wir Menschen besitzen nicht die Schöpfung und wir müssen uns hin und wieder fragen, ob das kleine Königreich, das wir uns geschaffen haben, in die Vorstellung einer übergeordneten Beheimatung in der Schöpfung passt. Das ist ein schwieriges Thema, zu dessen Bewältigung unsere Kultur noch keine Wege kennt.

In den Kirchen beten und fürbitten wir. Aber Wege hinein in eine Einheit des Lebendigen finden wir dort nur als Benennung der Herausforderung. Wenn wir uns mit dem Thema Mensch und Schöpfungsbewahrung beschäftigen, schwanken wir hin und her, wir prallen von einer Wand zur anderen und stoßen uns. Uns als Teil des heiligen Lebens zu empfinden und es zugleich zu gestalten, das wäre der Weg, der uns zu Gott führen würde.

Der christliche Weg damit umzugehen, ist sich der höchsten Instanz, der man zugänglich ist, anzuvertrauen und sowohl Chancen zu schaffen, wie auch Chancen für andere zuzulassen. Zu einer solchen Beheimatung im höheren Sinne gehört auch die Hoffnung. Aber der Freude und Hoffnung im Garten hinter dem Haus entsprechen manchmal drei Autos vor dem Haus. Es sind keine einfachen Verhältnisse, in denen wir leben.

Text: Lutz Hausmann