Fairer Handel und Kirchen

Juni 2020, Für den Weltladen Bahnhof Wandlitzsee

Die gemeinsame Wertebasis von Fairem Handel und Kirchen

Das Lieferkettengesetz kämpft für Fairness im globalen Handel.
So tut dies auch der Faire Handel und so tun dies auch die Kirchen, die den Fairen Handel und die Weltladenbewegung seit 50 Jahren unterstützend begleiten.

Was sind die zentralen Werte, die Kirchen und Weltladenbewegung teilen, wie sieht die gemeinsame ethische Schnittmenge aus?

Der zentrale gemeinsame Schnittpunkt ist das Leben. Es sind die Lebensqualität und die Lebensmöglichkeiten. Sowohl die Kirchen wie der Faire Handel haben hier einen hohen Anspruch.

Gerecht oder „Fair“ ist für beide, wenn das Leben, das jemand führt, nicht eben dieses Leben zerstören muss, damit es weitergeht.

Was verbindet hier die Kirchen und der Faire Handel?
Beide gehen davon aus, dass das Leben die Bedingungen für sein Gedeihen mitbringt. Das ist die zentrale Gerechtigkeit des Lebens. Das kann man mehr oder weniger religiös sehen. Das kann man mehr oder weniger bezogen auf eine „gute Instanz“ sehen.

Im Fairen Handel ist Gerechtigkeit eine Überzeugung, in den Kirchen ist es der Glaube an Gerechtigkeit.

Die Überzeugung und der Glaube, dass für alle genug da ist, wenn Leben Leben gebiert, ist die ethische Schnittmenge zwischen Fairem Handel und Kirchen. Von hier leiten sich die 10 Grundsätze des Fairen Handels ab und alle Fürsorge, Gnade und Barmherzigkeits-Vorstellungen von Christen. Auch die 17 Ziele für eine nachhaltige Weltentwicklung der Vereinten Nationen, die SDG‘s, gehören in diesen Kanon.

Leben gebiert dann Leben, wenn das Leben sein Potential in sich trägt und nicht schon den Tod. Hier ist die christliche Überzeugung von der Überwindung des Todes angesiedelt. Der Faire Handel bezieht sich hier auf gelebte Erfahrungen, die ihm bestätigen, dass die Lebensqualität steigt, wenn auch wirtschaftliche Zielsetzungen davon bestimmt werden.

Es sind die Erfahrungen des biologischen Landbaus, die Erfahrungen eines Lebens im Bemühen um sozialen Ausgleich, und natürlich die Erfahrung der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Handreichung. Dies alles sind reiche und tiefe Erfahrungen, die die Überzeugung gestärkt haben, dass Gerechtigkeit gelebt werden kann.

Für die Kirchen wie für den Fairen Handel bedeutet so die Menschenwürde das gelebte Potential des Menschen. Dieses Potential zu leben, benötigen die Menschen Chancen, im armen Süden, wie im reichen Norden. Fairer Handel und kirchliche Institutionen geben gemeinsam diese Chancen.

Lutz Hausmann, Weltladen Bahnhof Wandlitzsee

20190511 Impuls_Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte

Ev. Gemeindefest zum Weltladentag 2019
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf
11.05.2019, Text: Lutz Hausmann

Impuls
Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte

Kirchliche Organisationen wie „Brot für die Welt“ und andere Menschenrechtsorganisationen bemühen sich seit Jahren um ein Gesetz zum Schutz der Ärmsten der Armen in den Produktionsstätten des Globalen Südens. Dies geht auch auf eine Forderung der EU nach nationalen Aktionsplänen für Wirtschaft und Menschenrechte zurück. Wenn in einer Phase der Freiwilligkeit bis 2020 keine nationalen Regelungen getroffen werden, wird es danach eine EU-weite Regelung geben. Das Entwicklungsministerium hat nun einen Entwurf zu einem entsprechenden Wertschöpfungskettengesetz (Wert-Schöpfungs-Ketten-Gesetz) erarbeitet.
Was steckt aus christlicher Sicht dahinter?

Die Marktstrategie verlangt, dass Teilnehmer verdrängt werden, die den Ansprüchen nicht genügen. Das ist in der gängigen Wirtschaftstheorie ethisch akzeptabel, weil jeder Teilnehmer am Markt ja theoretisch woanders hingehen und andere Partner finden könnte. In der Realität bedeutet dies jedoch, dass Marktteilnehmer am unteren Ende, die keine Wahlmöglichkeiten haben, keine Partner in diesem Prozess sind. Denn Fairness ist nur unter gleichberechtigten Partnern möglich. Diese Ungleichheits-Misere, die an der Ethik der Wirtschaftsdoktrin vorbeigeht, herrscht nun in den benachteiligten Ländern des Globalen Südens überwiegend vor.

Die Marktteilnehmer am unteren Ende bezahlen mit der Selbstverletzung ihrer eigenen Menschenwürde, um scheinbar weiter Partner in einem ungleichen Spiel zu bleiben. Sie bezahlen mit zu wenig Schlaf, zu wenig Essen, zu wenig Bildung, zu wenig Schutz für die Familie, ganz allgemein mit zu wenig Vorsorge, auch gesundheitlicher Art. Schlimm wirken sich auch gefährliche Arbeitsplätze aus.

Eine Existenz bei verletzter Menschenwürde ist für Christen nicht schöpfungsgerecht. Christen glauben an einen fürsorglichen und gerechten Gott.

Jeder ist für die Fürsorge und Gerechtigkeit Gottes mitverantwortlich, auch dass sie ihm selber widerfährt, aber wenn jemand keine Wahl hat, kann er gegen seine Misere selbst nichts unternehmen.

Jeder Mensch verdient Chancen. Christen geben Chancen.

Millionen, ja Milliarden Menschen sind davon betroffen, dass zwei grundsätzliche Alternativlosigkeiten aufeinandertreffen. Einmal, scheinbar alternativlos dem Kostendruck nachzugeben und andererseits alternativlos einfach existieren zu müssen.

Wer alternativlos existiert ohne die Attribute der menschlichen Existenz, hat seine Menschenwürde verloren.

Christliche Nichtregierungsorganisationen wie Brot für die Welt und Misereor und zahlreiche zivilgesellschaftliche NGO‘s arbeiten seit Jahren daran, diese unhaltbare Situation mit gesetzlichen Mitteln zu verbessern. Jetzt scheint diese Arbeit Früchte zu tragen. Innerhalb unserer Regierung gibt es Entwürfe für ein entsprechendes Gesetz.

In der Diskussion wird dieses Gesetz als „Wert-Schöpfungs-Ketten-Gesetz“ bezeichnet. Es regelt die Verantwortlichkeit wirtschaftlicher Akteure gegenüber Partnern am unteren Ende von Lieferketten, die eigentlich keine Partner sind und deshalb des besonderen Schutzes bedürfen.

Die diesjährige Kampagne des Weltladen-Dachverbands will den zarten Winden, die in Richtung dieses Wertschöpfungskettengesetzes wehen, Kraft und Aufmerksamkeit geben. Es ist nicht nur Kraft für ein Gesetz, sondern auch für eine Hoffnung, strukturelle Entgleisungen unseres Wirtschaftssystems wieder in eine Observanz und menschengerechte Fürsorglichkeit hineinzunehmen.

Jede und jeder, der sich als Teil dieser menschengerechten Fürsorglichkeit empfindet, ist aufgerufen, sich an der Kampagne zu beteiligen oder sie einfach geistig zu unterstützen.

Menschen brauchen Solidarität, damit die Kraft der Einheit alles Lebendigen sich unter den Menschen wohltuend verteilt. Das, was wir für andere tun, tun wir auch für uns selbst.

Fratzscher – Verteilungskampf – Ungleichheit in Deutschland

20181121 Literaturabend Gerechtigkeit_Fratzscher_gekürzt für WL-Infoabend

Excerpt von:

Fratzscher, Marcel: Verteilungskampf – Warum Deutschland immer ungleicher wird, Hanser 2016

Marcel Fratzscher (geb. 1971) ist ein deutscher Ökonom, der seine Ausbildung in Harvard bekommen hat. Er leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Davor war er seit 2008 Leiter der Abteilung ‚International Policy Analysis‘ bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Wikipedia:

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Sitz in Berlin ist das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut. Das Institut beschäftigt 334 Mitarbeiter, davon sind 139 Wissenschaftler. Die Einrichtung ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) des DIW:

Kaum eine wissenschaftliche Institution hat zum Thema der Ungleichheit eine bessere Expertise und, mittlerweile seit über drei Jahrzehnten, einen größeren Beitrag geleistet als das DIW Berlin mit seinem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Seit über 30 Jahren erhebt das SOEP jährlich Daten von heute etwa 30 000 Menschen in 11 000 Haushalten und stellt diese der Wissenschaft zu Verfügung. Mitarbeiter: Stefan Bach, Kurt Geppert, Markus Grabka, Elke Holst, Martin Kroh, Norma Schmitt, Carsten Schröder, Jürgen Schupp und Katharina Spieß

 

Deutschland, das Land der Ungleichheit

  • 1) Das Vermögenspuzzle

  • 2) Das Einkommenspuzzle

  • 3) Das Mobilitätspuzzle

1 Das Vermögens-Puzzle – auf Augenhöhe mit den USA

Ein durchschnittlicher Deutscher hat ein deutlich niedrigeres Vermögen angespart als andere Europäer

Es ist sogar eines der niedrigsten Vermögen, die sich unter allen Industrieländern finden lassen.

Es gibt kaum ein Land, in dem die privaten Vermögen ungleicher verteilt sind, also die reichsten 10 Prozent mehr und die ärmsten 40 Prozent weniger des gesamten Vermögens besitzen.

Obwohl fast alle anderen europäischen Länder ein deutlich niedrigeres Pro-KopfEinkommen erwirtschaften, ist das deutsche Privatvermögen eines der geringsten.

Begriffserklärungen:

Medianhaushalt = derjenige Haushalt, der die Gesamtheit der Haushalte in zwei gleich große Gruppen teilt – in eine Hälfte mit einem höheren und die andere Hälfte mit einem geringeren Vermögen.

Vermögen = Erspartes in Form von Bankeinlagen, Aktien oder anderen Anlageformen ebenso wie ein Eigenheim, andere Immobilien, Lebensversicherungen, Bausparverträge und auch materielle Werte, wie Hausrat und Autos.

Nettovermögen = alle Vermögenswerte abzüglich von Schulden und Verbindlichkeiten

Abb. 1: Deutschland mit dem geringsten privaten Nettovermögen für den durchschnittlichen Haushalt

Erläuterung: Gezeigt wird das Nettovermögen (alle Vermögenswerte abzüglich von Schulden und Verbindlichkeiten) für den durchschnittlichen Haushalt der jeweiligen Länder.

Quelle: Eurosystem Household and Consumption Survey, 2013

Warum besitzen die Deutschen so wenig Vermögen?

Die Deutschen Sparen zu wenig? – Nein: Wir Deutschen sind »Sparweltmeister«. „Es gibt kaum ein Industrieland, in dem die Menschen so große Teile ihres Einkommens sparen: Knapp 15 Prozent ihres Arbeitseinkommens legen sie zum Vermögensaufbau auf die hohe Kante, wobei Nicht-Berufstätige wie Studenten, Rentner oder Arbeitslose faktisch nichts sparen, die meisten Angestellten hingegen im Durchschnitt über 20 Prozent ihres verfügbaren

Einkommens. … US-Amerikaner etwa legen von ihrem Arbeitseinkommen nur rund halb so viel beiseite wie Deutsche.“

Verschuldung? Nein: Die Verschuldung der Privathaushalte ist in Deutschland sogar etwas geringer als in vielen anderen europäischen Ländern. Der durchschnittliche deutsche Haushalt muss Verbindlichkeiten in Höhe von knapp 12 600 € bedienen.

Hohe Einlagen in die Sozialversicherungssysteme? Nein: Selbst wenn man solche Anwartschaften der deutschen Bürger berücksichtigt, so ändert sich nichts an der Tatsache, dass die meisten Deutschen deutlich geringere Vermögen haben als andere Europäer.

Wertverlust des Nettovermögens? – Ja: Nach Berechnungen des DIW Berlin ist der Wert der realen, also inflationsbereinigten Nettovermögens eines durchschnittlichen deutschen Haushalts seit 2002 um knapp 15 Prozent gesunken. Damit hat ein durchschnittlicher deutscher Haushalt über das vergangene Jahrzehnt rund 20 000 € Nettovermögen verloren.

Das Ersparte wird schlecht angelegt? – Ja: Wir Deutschen legen unser Erspartes extrem schlecht an und erleiden dadurch immer wieder hohe Verluste.

Ungleiche Verteilung der Vermögen? – Ja: Während die unteren 40% in Deutschland ärmer sind als in anderen Teilen Europas, sind die Reichen reicher. Jedes der Nettovermögen der oberen 5% ist 33 Mal größer als das durchschnittliche deutsche Nettovermögen. (Die reichsten 10% besitzen offiziell im Durchschnitt in Deutschland 1,21 Mio. €, die reichsten 5% 5 Mio. €.)

„Über 63 Prozent des gesamten Nettovermögens im Land gehören den reichsten 10 Prozent der Deutschen. Je mehr man die Spitze der Reichtumspyramide in den Blick nimmt, umso größer wird die Vermögenskonzentration. Fast 29 Prozent aller privaten Nettovermögen befinden sich im Besitz des reichsten einen Prozents. Bei unseren europäischen Nachbarn ist diese Konzentration deutlich geringer. So hält das reichste Prozent der Einwohner Italiens »lediglich« 13 Prozent des gesamten Privatvermögens des Landes. In Frankreich sind es gut 16 Prozent, in Österreich knapp 24 Prozent.“

Die Ungleichheit ist höher als die offiziellen Zahlen ausdrücken:

„Eine Studie des DIW Berlin schätzt, dass die Vermögen des reichsten einen Prozents um mehr als ein Drittel größer sind als in den offiziellen Umfragen dargestellt. Für das oberste Promille, also 0,1 Prozent der Bevölkerung oder etwa 40 000 Haushalte, ist der Effekt noch größer. So hat dieses oberste Tausendstel der reichsten Deutschen nicht 4 Prozent des Gesamtvermögens, sondern über 17 Prozent, also ein Nettovermögen von 11 Millionen € je Haushalt und ein Gesamtvermögen von 1,5 Billionen €. Schon jetzt, auf der Basis erhobener Daten, ist die in Deutschland herrschende Vermögensungleichheit im internationalen Vergleich hoch – in Wirklichkeit steht das Land gegenüber anderen Industriestaaten wohl aber noch viel schlechter da.“

Die Erklärung für das geringe durchschnittliche Vermögen in Deutschland liegt bei der hohen Vermögensungleichheit in Deutschland, bei der Vermögensarmut des Mittelstands und der unteren 40 Prozent. Die unteren 40% besitzen in Deutschland praktisch kein Nettovermögen.

Bildungsabhängigkeit der Nettovermögen – starke Ungleichheit in Deutschland

 

Abb. 4: Vermögensunterschiede nach Bildungsniveau

Erläuterung: Die Abbildung zeigt das durchschnittliche Nettovermögen eines Arbeitnehmers mit unterschiedlichen Bildungsniveaus, relativ zu einem Arbeitnehmer mit Abschluss der Sekundarstufe II. [Mittlere Reife]

Quelle: OECD (2015a)

Ein deutscher Haushalt, „dessen Bewohner über einen Hochschulabschluss verfügen, hat ein knapp fünf Mal höheres Nettovermögen als ein solcher, in dem der höchste Bildungsabschluss die mittlere Reife ist. Es gibt kein Industrieland außer den USA, in dem Bildungsgrad und Nettovermögen so eng miteinander verknüpft sind.“

„Als Fazit gilt festzuhalten:

In keinem anderen Land Europas sind die Privatvermögen für so viele Menschen so gering und gleichzeitig so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Vermögensungleichheit ist hierzulande ähnlich hoch wie in den USA, dem Land also, in dem Ungleichheit stärker toleriert und als Teil des Wirtschaftssystems akzeptiert wird. Diese Ungleichheit ist in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal deutlich gewachsen. Im internationalen Vergleich ist sie in Deutschland vor allem das Resultat der geringen Nettovermögen der vermögensärmsten 40 Prozent der Bevölkerung, die praktisch keine Nettovermögen haben aufbauen können.

Zudem werden die Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung gerade in Deutschland massiv unterschätzt, so dass die Ungleichheit in Privatvermögen in unserem Land nicht nur deutlich über der anderer Industrieländer liegt, sondern auch deutlich größer ist, als die offiziellen Umfragen ergeben.

 

2 Das Einkommens-Puzzle

Die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen. Die Umverteilung des deutschen Staates wird immer ineffektiver darin, einen Ausgleich über gesellschaftliche Gruppen hinweg zu gewährleisten.

Das Dilemma der unteren 40 Prozent

Begriffserklärungen:

Arbeitseinkommen

= Stundenlohn x Anzahl der Arbeitsstunden (Teilzeit / Vollzeit) + Zulagen

Markteinkommen

= Arbeitseinkommen + Erbschaften + Schenkungen + Kapitalerträge + Einkommen aus selbstständiger Arbeit

verfügbares Einkommen

= Markteinkommen plus Zahlungen des Staates wie Arbeitslosengeld oder Kindergeld, abzüglich direkter Steuern wie der Einkommensteuer

Nominallohn

= reines Entgelt für geleistete Arbeit ohne Aussage über Kaufkraft (Gegensatz: Reallohn)

Reallohn

= das Verhältnis von Nominallohn und Preisniveau; steigt der Nominallohn langsamer als die Güterpreise, dann sinkt der Reallohn. Kurz: Der Reallohn ist das, was man sich dafür kaufen kann.

 

Abb. 5: Entwicklung der Reallöhne und Wirtschaftsleistung pro Kopf seit 1992

Erläuterung: Die Abbildung zeigt den Reallohnindex und die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf, normiert auf das Jahr 1992.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014

„Aus Sicht der Arbeitnehmer war die Lohnentwicklung in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren enttäuschend. Im Durchschnitt sind die deutschen Reallöhne heute kleiner als 1990. Zwar war die Inflation in diesem Zeitraum recht gering, aber sie war immer noch höher als der Anstieg der Nominallöhne der Arbeitnehmer. Viele Arbeitnehmer konnten in diesem Zeitraum gar keinen Anstieg ihrer Nominallöhne verzeichnen oder verdienen heute auch nominal weniger als vor einem Vierteljahrhundert (siehe Abbildung 5). Im gleichen Zeitraum ist jedoch die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Deutschland um mehr als 25 Prozent gestiegen. Auch wenn man einen leichten Anstieg der Erwerbsquote berücksichtigt, also die Tatsache, dass heute mehr Menschen wirtschaftlich aktiv sind als früher, so stellt sich die Frage, wem diese Zuwächse der wirtschaftlichen Leistung hauptsächlich zugutegekommen sind. Wer hat sie bekommen, wenn nicht die Arbeitnehmer?“ „Die Antwort auf diese Frage lautet: hauptsächlich die Vermögenden. Ein immer größerer Teil der Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen drei Jahrzehnten denen zugutegekommen, die über ein hohes Vermögen verfügen, entweder weil sie ein Unternehmen besitzen oder andere Vermögenswerte, aus denen sie Einkommen beziehen können. So sind die durchschnittlichen realen Arbeitnehmerentgelte – wie die Grafik des DIW Berlin (Abb. 6) zeigt – seit dem Jahr 2000 nur um gut 6 Prozent gestiegen, das Unternehmens- und Vermögenseinkommen hingegen um knapp 30 Prozent.“

 

Abb. 6: Unterschiede zwischen Arbeitnehmerentgelten und Unternehmens- und Vermögenseinkommen

Erläuterung: Die Abbildung zeigt die prozentuale Veränderung der Arbeitnehmerentgelte sowie der Unternehmens- und Vermögenseinkommen seit dem Jahr 2000.

Quelle: Statistisches Bundesamt (2015); Goebel, Grabka, Schröder (2015)

 

Abb. 7: Lohnwachstum in Westdeutschland (1990 = 0) in verschiedenen Sektoren:

  • A) Sektor nicht-handelbare Güter

  • B) Sektor handelbare Güter (verarbeitende Industrie)

  • C) Sektor handelbare Dienstleistungen

Erläuterung: Die Abbildungen zeigen die prozentuale Veränderung der realen Löhne, des 15., 50. und 85. Perzentils der Lohnverteilung, für in Vollzeit angestellte westdeutsche Männer zwischen 20 und 60 Jahren im Vergleich zum Jahr 1990.

Quelle: Dustman (2014)

 

Deutschland wird immer ungleicher

Heute ist Deutschland eine duale Volkswirtschaft.

„Diese Zahlen zeigen … nicht nur, wie stark die Entwicklung zwischen den einzelnen Einkommensgruppen auseinanderläuft, sondern auch zwischen den verschiedenen Sektoren der deutschen Volkswirtschaft. Viele wissenschaftliche Studien haben diese enormen Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung der Sektoren bereits belegt. Heute ist Deutschland eine duale Volkswirtschaft. Das heißt, einigen enorm erfolgreichen Sektoren, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, stehen viele weniger dynamische Sektoren gegenüber. Viele deutsche Exportunternehmen, etwa im Maschinenbau, der Chemie und Pharmazie und auch der Automobilbranche, sind global sehr wettbewerbsfähig und konnten ihre Marktposition in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur behaupten, sondern häufig noch ausbauen. Diese Unternehmen investieren viel und sind hochproduktiv. Dies erlaubt ihnen somit auch, hohe Löhne zu zahlen und diese Löhne regelmäßig zu erhöhen, wie sich in Abbildung 7B zu den Industrielöhnen zeigt.

Dem stehen viele Sektoren vor allem im Dienstleistungsbereich gegenüber, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen und durch die deutschen Gesetze häufig nach wie vor sehr stark reguliert sind. Dies führt zu geringen Investitionen und somit zu stagnierender Produktivität und Effizienz. Damit können langfristig auch die Löhne in diesen Sektoren nicht steigen. Die Abbildungen für die Sektoren der nicht-handelbaren Güter oder Dienstleistungen illustrieren dies: Die Arbeitnehmerin mit geringen Einkommen hat seit 1990 deutliche Lohneinbußen hinnehmen müssen, selbst wenn man die letzten Jahre seit der globalen Finanzkrise mitberücksichtigt. Die oberen Lohneinkommen dagegen sind über den Gesamtzeitraum von 25 Jahren recht deutlich gestiegen – bei den handelbaren Dienstleistungen sogar um mehr als 10 Prozent.

 

Das gleiche Bild bei der Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen

 

Abb. 8: Verfügbare Haushaltseinkommen nach Einkommensdezilen

Erläuterung: Die Abbildung zeigt die Veränderung der verfügbaren Haushaltseinkommen für das 1., 5. (Median) und 10. Dezil der Verteilung gegenüber dem Jahr 2000 in Prozent.          Quelle: Goebel, Grabka, Schröder (2015)

Das verfügbare Einkommen eines durchschnittlichen deutschen Haushalts zwischen den Jahren 2000 und 2012 ist insgesamt praktisch nicht gewachsen. Es stagnierte (5. Dezil). Aber das verfügbare Einkommen der ärmsten 10 Prozent (1. Dezil) der Haushalte ist geschrumpft, während die reichsten 10 Prozent mehr als 16 Prozent Einkommen hinzugewinnen konnten. Begriffserklärung:

 

Gini-Koeffizient

Nimmt einen Wert zwischen 0 (bei einer gleichmäßigen Verteilung) und 1 (wenn nur eine Person das komplette Einkommen erhält, d.h. bei maximaler Ungleichverteilung) an.

OECD =

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) Organisation for Economic Co-operation and Development

Ist eine internationale Organisation mit 36 Mitgliedstaaten,

die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen.

Die meisten Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und gelten als entwickelte Länder.

 

Die Rolle von Transferzahlungen

Deutschland wird immer ungleicher, versucht aber diese Ungleichheit durch Transferzahlungen auszugleichen.

Deutschland ist durchschnittlich ungleich (OECD) beim verfügbaren Einkommen (nach den Transferzahlungen)

Deutschland ist stark ungleich beim Markteinkommen (vor Transfers und Steuern)

„Das bedeutet einerseits, dass die relative Gleichheit der Lebensverhältnisse in Deutschland durch die staatliche Umverteilung auf den Durchschnitt aller OECD-Staaten angehoben wird. Auf der anderen Seite heißt es jedoch auch, dass diese Umverteilung in anderen Ländern nicht notwendig ist, weil bereits die am Markt erzielten Einkommen der Bürger weniger stark auseinanderklaffen. Deutschlands Ungleichheit bei den Markteinkommen ist gar genauso hoch wie die in den USA. Die Unterscheidung zwischen Markteinkommen und verfügbaren Einkommen ist wichtig: Der Marktprozess in Deutschland führt zu sehr ungleichen Löhnen und Einkommen, die dann der deutsche Staat durch vergleichsweise hohe Steuern und Transferzahlungen teilweise auszugleichen versucht.

„Fassen wir zusammen:

Die Ungleichheit der Markteinkommen gehört in Deutschland mit zu den höchsten aller Industrieländer und ist genauso hoch wie in den USA.

Der deutsche Staat verteilt im internationalen Vergleich ungewöhnlich viel Einkommen durch Sozialleistungen und Steuern um und trägt damit zu einer geringeren Ungleichheit der verfügbaren Einkommen bei.

Diese Umverteilung ist jedoch über die letzten drei Jahrzehnte zunehmend geringer geworden, sie reduziert die Ungleichheit der Markteinkommen immer weniger.

Zudem ist über die letzten 30 Jahre die Ungleichheit sowohl der Markteinkommen als auch der verfügbaren Einkommen in kaum einem anderen Industrieland so stark gestiegen wie in Deutschland.

Dieser Anstieg der Einkommensungleichheit ist nicht nur durch die Lohnzugewinne der besserverdienenden 10 Prozent zu erklären, sondern vor allem durch die schwache Lohnentwicklung der einkommensschwächsten 40 Prozent der Bevölkerung.

Für mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer – nämlich die Hälfte mit den niedrigsten Löhnen – ist die Kaufkraft ihrer Löhne heute geringer als noch vor 15 Jahren. Ihre Reallöhne sind gesunken. Die schwache Lohn- und Einkommensentwicklung bei den bereits Einkommensschwachen hat entscheidend zum starken Anstieg der Armutsquote in Deutschland beigetragen.“

 

3 Das Mobilitäts-Puzzle

„Nach einer Studie des DIW Berlin waren mehr als die Hälfte der Menschen, die im Jahr 2002 keinerlei privates Vermögen besaßen, auch zehn Jahre später noch genauso mittellos oder netto sogar verschuldet. Es ist in unserem Land offensichtlich sehr schwierig, aus dieser Spirale der Vermögensarmut auszubrechen, sich finanziell besser zu stellen und private Vorsorge zu betreiben.“

„Zwei von drei Deutschen, die im Jahr 2002 zu den reichsten 10 Prozent der Bevölkerung gehörten, waren auch im Jahr 2012 noch Teil dieser Gruppe.“

„Ähnlich wie bei den Vermögen ist die Mobilität der Deutschen auch bei den verfügbaren Einkommen sehr niedrig. Sie ist, wie in Abbildung 13 erkennbar, seit Anfang der 1990er Jahre zudem stark gesunken.7 Der dunkle Graph zeigt die Mobilität der von Armut bedrohten Menschen, also der Bürger, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens erhalten, und für die Bürger, die mit mehr als dem Doppelten des Medianeinkommens die höchsten Einkommen erzielen.“

 

Abb. 13: Einkommensmobilität

Erläuterung: Die Abbildung zeigt den Anteil der Personen, die über einen 3-Jahreshorizont in ihren Einkommensgruppen verharren. So verblieben zwischen 1991 und 1994 44 % der Personen mit weniger als 60 % des Medianeinkommens in ihrer Einkommensgruppe. Zwischen 2008 und 2011 waren es 54 %, die verblieben.

Quelle: Grabka und Goebel (2013)

„Sind die Menschen mit den hohen Vermögen auch die mit hohen Einkommen? Und ist im Umkehrschluss die Vermögensarmut eines Menschen verbunden mit Einkommensarmut? Eine Studie des Eurosystems aus dem Jahr 2013 über die Verteilung von privaten Vermögen in Europa zeigt, dass es in Deutschland eine viel engere Verbindung zwischen Vermögen und Einkommen gibt als in den meisten anderen europäischen Ländern.“

„Die Tabelle listet das durchschnittliche Bruttoeinkommen für sechs unterschiedliche Vermögensgruppen auf, von den 20 vermögensärmsten Prozent bis hin zu den 10 Prozent mit den höchsten Nettovermögen. Deutschland hat mit einem Medianeinkommen von 32 500 € eines der höchsten Einkommensniveaus in ganz Europa und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der gesamten Eurozone von 28 600 €. Dagegen haben die Deutschen mit den 20 Prozent der geringsten Nettovermögen nur ein Pro-Kopf-Einkommen von 16 000 €, was deutlich weniger ist als die 17 400 € der Vergleichsgruppe im EU-Durchschnitt. Die Vermögensarmen sind in Deutschland also einkommensschwächer als in anderen europäischen Ländern.“

„Ganz anders sieht das Bild bei den Vermögensreichsten in Deutschland aus. Diese haben mit einem Nettoeinkommen von 73 400 € das zweitgrößte Nettoeinkommen unter allen Ländern der Eurozone und liegen damit knapp 14 000 € über dem Durchschnitt der europäischen Vergleichsgruppe.“

Was sind die Ursachen für diese hohe Ungleichheit in Einkommen, Vermögen und Mobilität in Deutschland?

Diese sind die Fragen, die im Rest des Buches behandelt werden.

Excerpt – Die Tyrannei des Wachstums

20181128 Weltladen Infoabend Gerechtigkeit_Ergänzung Hickel

Excerpt der ersten 10% des Buches, als PDF

Hickel, Jason: Die Tyrannei des Wachstums – Wie globale Ungleichheit die Welt spaltet und was dagegen zu tun ist, dtv 2018 (englisches Original 2017)

Verlagsinformationen:

Jason Hickel, Dr. phil., Anthropologe, geboren in Swaziland, lehrt heute an der London School of Economics. Er schreibt u.a. für den >Guardian< und >Al Jazeera<, engagiert sich in Projekten wie etwa therules.org, hat bereits zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorgelegt und mit seinem ersten Buch für eine allgemeine Leserschaft ein großes Presse-Echo ausgelöst. Schwerpunkte seiner Veröffentlichungen sind: Entwicklung, Ungleichheit und Globalisierung.

Grundthesen des Buches:

1)

Die benachteiligten Länder des Globalen Südens sind nicht unterentwickelt, sondern „hinunterentwickelt.

2)

„Um 1500 herum bestand kein nennenswerter Unterschied in den Einkommen und im Lebensstandard zwischen Europa und dem Rest der Welt.“

3)

Die rasante Wohlstandsentwicklung der letzten 400 Jahre in den nördlichen Ländern beruhte auf der Ausbeutung der Kolonialstaaten.

  • – „Die Plünderung Lateinamerikas kostete 70 Millionen Ureinwohner das Leben; in Indien verhungerten unter der britischen Kolonialherrschaft 30 Millionen Menschen. Der durchschnittliche Lebensstandard in Indien und China, der vor der Kolonialzeit jenem in Großbritannien entsprochen hatte, verschlechterte sich rapide. Das Gleiche gilt für den Anteil dieser Länder am Bruttoweltprodukt, der von 65 auf 10 Prozent fiel, während Europas Anteil sich verdreifachte.“

  • •  „Heute leben rund 4,3 Milliarden Menschen – über 60 Prozent der Weltbevölkerung – in auszehrender Armut und kämpfen darum, mit weniger als dem Gegenwert von fünf US-Dollar pro Tag zu überleben.“

  • •  Die acht reichsten Menschen auf der Welt zusammengenommen besitzen ebenso viel Vermögen wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung.

  • •  „Im Jahr 2000 lag das Durchschnittseinkommen eines US-Bürgers rund neunmal höher als das der Menschen in Lateinamerika, 21-mal höher als das der Bewohner des Nahen Ostens und Nordafrikas, 52-mal über dem in Afrika südlich der Sahara und volle 73-mal über dem der Südasiaten.“

  • •  „Der Abstand zwischen dem realen Pro-Kopf-Einkommen im globalen Norden und dem im globalen Süden hat sich seit 1960 ungefähr verdreifacht.“

4)

Die Entwicklungshilfe, die programmatisch in den Fünfzigerjahren erfunden wurde, ist ein Mittel, diese Ausbeutung fortzusetzen. Ihre unbestreitbaren Erfolge wiegen nicht die Verluste auf, die sie im Globalen Süden mitverursacht.

Für jeden Dollar Entwicklungshilfe, den die Entwicklungsländer erhalten, verlieren sie 24 Dollar durch Nettoabflüsse.

Unbestreitbare Erfolge der Entwicklungshilfe sind:

  • – ihre Steigerung auf derzeit ca. 125 Mrd US$ / jährlich,

  • – und die Verminderung der Kindersterblichkeit.

„So ist zum Beispiel die Zahl der Kinder, die aus vermeidbaren Gründen gestorben sind, von 17 Millionen im Jahr 1990 auf unter 8 Millionen im Jahr 2013 gesunken. Und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter bei der Geburt eines Kindes stirbt, hat im selben Zeitraum um 47 Prozent abgenommen.“

Gemessen an ihren Selbstankündigungen ist die Entwicklungshilfe niederschmettern erfolglos geblieben:

– Beispiel Hunger:

„Auf der ersten Welternährungskonferenz der Vereinten Nationen 1974 in Rom hat bekanntlich der US-Außenminister Henry Kissinger versprochen, dass der Hunger innerhalb von zehn Jahren ausgemerzt sein werde. Damals gab es schätzungsweise 460 Millionen Menschen auf der Welt, die unter Hunger litten. Aber anstatt zu verschwinden, wurde der Hunger immer schlimmer – heute gibt es etwa 800 Millionen unterernährte Menschen, selbst nach konservativsten Maßstäben, und realistischeren Schätzungen zufolge sind es eher zwei Milliarden – beinahe ein Drittel der gesamten Menschheit.“

  • – Beispiel Armut

  • •  „Im Jahr 2015 legten die Vereinten Nationen ihren Abschlussbericht über die Millenniums-Entwicklungsziele [SDG‘s] vor – die erste umfassende Selbstverpflichtung der Welt, Armut zu bekämpfen -, in dem behauptet wird, die Armutsquote sei seit 1990 halbiert worden.“

  • •  Wenn wir uns die absoluten Zahlen ansehen – also das Kriterium, auf das sich die Regierungen der Welt ursprünglich geeinigt hatten -, stellen wir fest, dass es heute ebenso viele arme Menschen gibt wie im Jahr 1981, dem Beginn solcher Erhebungen, nämlich etwa eine Milliarde.“

  • •   [Aber] … „diese Zahlen basieren auf der niedrigsten möglichen Armutsgrenze; in Wirklichkeit ist die Lage noch schlimmer.

  • •  Die Standard-Armutsgrenze erfasst die Anzahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben; doch in vielen Ländern des Globalen Südens reicht ein Dollar pro Tag einfach nicht aus, um eine menschliche Existenz zu führen – ganz zu schweigen von der Würde des Menschen.

  • •  Heute sagen viele Wissenschaftler, ein Mensch brauche etwa das Vierfache dieses Betrages, um eine akzeptable Chance zu haben, bis zu seinem fünften Geburtstag zu überleben, sich ausreichend ernähren und eine normale Lebenserwartung erreichen zu können.

  • •  [Realistisch] „würden wir auf etwa 4,3 Milliarden Menschen kommen, die in Armut leben. Das [sind] . über 60 Prozent der gesamten Menschheit.“

  • – Beispiel Ungleichheit:

  • •  „Als 1960 der Kolonialismus endete, war das Pro-Kopf-Einkommen in den reichsten Ländern der Welt 32-mal höher als im ärmsten Land – ein riesiger Unterschied.“

  • •  . „im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte vergrößerte sich der Unterschied um mehr als das Vierfache: Im Jahr 2000 war das Verhältnis schon auf 134 zu 1 gestiegen.“

  • •  „Anfang 2014 berichtete Oxfam, dass die wohlhabendsten 85 Personen der Welt mehr Reichtum angesammelt hätten als die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung – immerhin 3,6 Milliarden Menschen. Im nächsten Jahr war die Lage noch schlimmer geworden und auch im übernächsten Jahr. Und als Anfang 2017 das Weltwirtschaftsforum in Davos zusammenkam, gab Oxfam bekannt, dass die reichsten acht Menschen der Welt ebenso viel besaßen wie die ärmsten 3,6 Milliarden.“

  • •  „Gegen Ende 2016 veröffentlichten der US-Thinktank Global Financial Integrity (GFI) und das Centre for Applied Research an der Norwegian School of Economics eine Studie, .:

Die Autoren der Studie saldierten sämtliche Finanzressourcen, die jedes Jahr zwischen reichen und armen Ländern transferiert werden: nicht nur Entwicklungshilfe,

Auslandsinvestitionen und Handelsströme, wie es vorher schon in anderen Studien gemacht worden war, sondern auch andere Transfers wie Schuldentilgungen, Überweisungen und Kapitalflucht.

Es handelt sich um die umfassendste Erhebung über Ressourcentransfers, die jemals durchgeführt wurde.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass die Entwicklungsländer im Jahr 2012 gut zwei Billionen Dollar erhalten hatten, einschließlich aller Hilfen, Investitionen und Einkommen aus dem Ausland. Aber mehr als das Doppelte, nämlich etwa fünf Billionen Dollar, flossen im selben Jahr aus diesen Ländern ab.

Mit anderen Worten: Die Entwicklungsländer »schickten« [2012] drei Billionen Dollar mehr in den Rest der Welt, als sie von dort erhielten. Und wenn wir sämtliche Jahre seit 1980 in Betracht ziehen, kumulieren sich diese Nettoabflüsse auf den schwindelerregenden Betrag von insgesamt 26,5 Billionen Dollar – das ist die Summe, die im Laufe der vergangenen paar Jahrzehnte aus dem Globalen Süden abgezogen wurde. [ungefähr die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten und Westeuropas zusammengenommen]

„Drei Billionen Dollar pro Jahr an Netto-Abflüssen ist der 24-fache Betrag des jährlichen Entwicklungshilfebudgets. Mit anderen Worten: Für jeden Dollar Entwicklungshilfe, den die Entwicklungsländer erhalten, verlieren sie 24 Dollar durch Nettoabflüsse.“

20190511 Impuls – Schlusswort: Kirchen, Fairer Handel und Chancen

Ev. Gemeindefest zum Weltladentag 2019
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf
11.05.2019, Text: Lutz Hausmann

Impuls – Schlusswort
Kirchen, Fairer Handel und Chancen

Die Kirchen gehören zu den Ressourcen dieser Welt, die Chancen für Arme schaffen. Entweder ist es das ehrenamtliche Engagement von Menschen, die christlich geprägt sind oder es sind die Gelder, das Engagement und das Know-How kirchlicher Entwicklungsorganisationen, die die Schaffung neuer Strukturen mit ermöglichen. Der Erfolg dieser Bemühungen hängt aber am Ende von den Menschen ab, die überall in der Welt die Empfänger dieser Unterstützung sind. Sie verändern die Welt so wie auch wir die Welt wahrscheinlich bald dringend brauchen werden. Diese Menschen haben den Mut, auf Alternativen zu vertrauen, die seit Jahrzehnten kraftvoll entstehen. Damit sind sie, auch für uns, Hoffnungsträger für eine gemeinsam bewohnbare Welt.

Menschen kommen schneller voran, wenn sie Wege und Straßen benutzen. Die Bedeutung des Fairen Handels besteht vor allem in seiner Funktion, Weg und Straße zu sein. Man darf seinen Erfolg nicht nur nach Zahlen messen. Viele tausend Menschen in den Ländern des globalen Südens haben mit der Hilfe des Fairen Handels ihren Anschluss an ein menschenwürdiges Leben erhalten, weil sie Teil einer tragfähigen Gemeinschaft geworden sind. Es ist ein Unterschied, ob man sich durch das Dornengestrüpp eines globalisierten Weltmarktes hindurch schlägt, oder ob man auf Wegen unterwegs ist, die in der Obhut einer partnerschaftlichen Weltgemeinschaft stehen. Aus den Anfängen dieser alternativen Weltwirtschaft kann außerdem vielleicht einmal plötzlich viel mehr entstehen. Es kommt eben darauf an, Chancen zu geben und Chancen aufrecht zu erhalten.

Der Faire Handel ist in Form der WFTO ein Modell, das die von der UNO beschlossenen nachhaltigen Entwicklungsziele dieser unserer einzigen Erde konkret ausfüllt. Innerhalb der WFTO, diesem tatsächlich funktionierenden Netzwerk mit Modellcharakter, werden die zentralen Faktoren eines anderen Wirtschaftens ausgehandelt. Hier entwickeln und verhandeln alle Partner auf Augenhöhe. Das ist Kommunikation um die guten Dinge des Lebens. Leben, das wiederum Leben ermöglicht und nicht anderes Leben verdrängt, erniedrigt oder tötet.

Hier schließt sich der Kreis hin zu unserem christlichen Bemühen der Schöpfungsbewahrung. Und das ist natürlich auch ein Bemühen um uns selbst, um unsere eigene Lebensqualität.

20190511 Impuls_Wertschöpfungskettengesetz

Ev. Gemeindefest zum Weltladentag 2019
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf
11.05.2019, Text: Lutz Hausmann

Impuls
Wertschöpfungskettengesetz

Lieferkette – Wertschöpfungskette -Supplychain-Management
Die diesjährige Kampagne des Weltladen-Dachverbands

Es zieht ein endlos dichtes Netz von Ketten auf Europa zu. Wir sind dicht verkettet. Ein dichter Schleier von tausenden von Ketten verbindet uns vor allem mit Südostasien. Es gibt auch Ketten, die bei uns nicht ihren Endpunkt haben und wieder umdrehen. Sie bringen z.B. Elektroschrott nach Afrika. Andere Ketten verbinden uns mit slumähnliche Gegenden in Bangladesh in Indien, auf den Philippinen, Indonesien, Malaysia. Diese Ketten beginnen aber auch in apokalyptischen Menschheitsszenerien im Morast der Minen und der bewaffneten Gewalt Zentralafrikas oder in den lebensgefährlichen Minen Südafrikas. Auch die deutschen Autos und Autoteile kommen zu 20-50% von überall her aus der Welt. Unsere Strümpfe kommen schon lange nicht mehr aus dem Sauerland, unsere Schuhe nicht mehr aus der Pfalz.

Alle Massenwaren, die heute in Europa produziert werden, sind Kettenproduktionen. Ein Teil des Produkts wird hier hergestellt, ein anderes dort, zusammengebaut wird ganz woanders. Das passiert selbst mit Lebensmitteln so. Bei ihnen aber innerhalb Europas.

Der Fachausdruck dafür ist „Wertschöpfungskette“. Da stecken die Wörter „Schöpfung“, „Wert“ und „Kette“ drin. – Für Christen ein inspirierender Zusammenhang. – Ein anderer Ausdruck für diese allgegenwärtige Kettenproduktion ist „Lieferkette“, auf Englisch „Supplychain“.

Während eines Studiums der Betriebswirtschaft ist das Fachgebiet „Supplychain-Management“ ein wichtiges Fach. Ein gutes Lieferkettenmanagement ist die Voraussetzung für die gesamte Produktion. Ja, das Lieferkettenmanagement muss eigentlich perfekt sein, weil es darin eigentlich keine Zeitlücken mehr gibt. Alles muss genau zur rechten Zeit geliefert und wieder abgeholt werden. Der Druck, der hierzu im Management herrscht wird an die Einzelglieder in der Lieferkette weiter gegeben. – Und es herrscht noch ein anderer Druck im Produktions-Lieferketten-Management. Das ist der Kostendruck.

Und jetzt, meine Damen und Herren, stellen sie sich vor, so ein Lieferkettenmanager mit diesem Druck organisiert von Deutschland aus den Teil der Lieferkette z.B. in Südostasien, vielleicht auf den Philippinen. Er hat Partner dort. Die kennen die örtlichen Bedingungen und sprechen die Sprache. Der Manager, oft auch eine Managerin, überlässt gerne alles dem örtlichen Partner eben z.B. auf den Philippinen. Die einzige Bedingung ist, dieser Lieferketten-Organisationspartner muss die Verträge einhalten. Wenn er das nicht tut, fliegt er raus aus dem Geschäft und zehn andere Partner stehen schon Schlange.

Hier beginnt eine Misere, die man Ungleichheitsmisere nennen kann. Anders als in Europa sind die Arbeiter vor Ort in den meisten Fällen nicht durch Gesetze geschützt. Arbeitsschutz, ja eine grundsätzliche Beachtung der Menschenrechte sind meistens nicht in den Verträgen vor Ort, mit den örtlichen Partnern enthalten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die vom örtlichen Partner angestellt werden, haben keine Wahl. Die Arbeit, die ihre Familien ernährt, kommt eben z.B. aus Europa. Es ist in diesem Fall der europäische Verbraucher, der ihnen Arbeit gibt. Eine Alternative ist selten vorhanden.

Dies beschreibt eine hunderte Millionen, ja vielleicht milliardenhafte Misere innerhalb unseres Weltwirtschaftssystems. Es sind nicht nur die Europäer, die hier angesprochen sind, etwas zu ändern.

Aber speziell die Europäische Union bemüht sich seit einiger Zeit die beschriebene Ungleichheitsmisere rechtlich zu klären. Ihre Mitgliedsländer haben bis zum Jahr 2020 Zeit, selbst nationale Gesetze zum Schutz der rechtlosen Armen am Ende der Lieferketten zu erlassen. Wenn sie dies nicht tun, wird es eine EU-weite Regelung geben.

Zur Zeit gibt es Entwürfe, man sagt innerhalb des Entwicklungsministeriums, zu einem Wertschöpfungskettengesetz. Hier haben wir wieder die Verknüpfung der Schöpfung mit dem Wert, dem Gesetz und der Kette. Die kirchlichen Verbände, an ihrer Spitze „Brot für die Welt“ und Misereor arbeiten seit langem hinter den Kulissen an der Verwirklichung und an einer entsprechenden Qualität eines solchen Wertschöpfungs-ketten-gesetzes. Der Weltladen-Dachverband hat seine diesjährige Kampagne darauf ausgerichtet. Wir bitten Sie um Ihre Aufmerksamkeit und Unterstützung dafür.

Kommentar zur Schöpfungsbewahrung

Anlässlich eines Gemeindefestes am Weltladentag 2019
11.05.2019

Schöpfung! Wir sind Teil davon. Ohne sie würden wir nicht existieren, könnten wir nicht existieren. Aber das, was wir Schöpfung nennen, könnte gut ohne uns geschehen. Andersherum gibt es nicht wenige Menschen, die glauben, eine technische Nachschöpfung wäre eine Zukunftsoption; künstliches Leben einschließlich Befruchtung in Vitro für den Menschen und alles was er zum Leben benötigt?

Die Mehrheit der Menschen ist zurzeit besorgt. Es gibt kaum jemanden, der den Witz von den zwei Planeten, die sich begegnen, nicht versteht. Dem einen geht es schlecht. Er hat Menschen. Der andere Planet beruhigt ihn. Keine Sorge, diese Krankheit gehe schnell vorüber. Eine Schöpfung ohne Mensch? Ist das von der Schöpfung so gedacht? Ist das von unserem Schöpfer so gewollt?

Die christliche Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Papst Franziskus hat sie in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ beantwortet. Die Initiative der orthodoxen jüdischen Rabbiner, mit der sie den Christen eine Hand reichen, beantwortet die Frage ebenfalls. Die Position der protestantischen Kirchen, ob der Mensch ein gewollter Teil der Schöpfung ist, ist auch eindeutig.

Der Mensch ist für die jüdisch-christlichen Schriften keine Krankheit der Erde, sondern ein ganz besonderer Mittler Gottes zu seiner Schöpfung. So wie Jesus-Christus ein Mittler des Menschen hin zu Gott ist, so ist die Menschheit ein Mittler Gottes hin zu seiner Schöpfung auf dieser Erde.

Gott hat in den Schriften etwas vor mit den Menschen. Nirgendwo kann man herauslesen, dass der Mensch der Zerstörer seiner Schöpfung sein soll. Da stimmt also heute etwas nicht!

Was haben Theologen zum prekären Verhältnis des Menschen zur Schöpfung zu sagen? Im Karl-Barth-Jahr gibt es hin und wieder die Erwähnung seiner Vorstellung der grundsätzlichen Erlöstheit der Menschheit. Luther glaubte noch stark an einen zweifachen Ausgang der Menschheitsgeschichte, an einen Ausgang zum Heil und einen Ausgang zur Verderbnis. Dies wird heute gern als mittelalterlicher, heute überwundener, Höllenglaube abgetan. Aber, ironisch gefragt, wenn der Mensch eine Seele haben sollte und er stürbe, ohne dass seine Seele eine Heimat finden könnte, wäre das nicht sein Verderben?

Also wie ist das mit dem Menschen und der Schöpfung? Das Thema hat wohl irgendwie mit Heimat zu tun und vielleicht irgendwie mit Heimat in einem übergeordneten Sinne.

Das sich wohlfühlende, sich im eigenen Körper Beheimatetfühlen gilt heute als zivilisatorisches Recht des Menschen. Und unsere Zivilisation bietet uns in dieser Hinsicht auch Einiges. Auch sich in besonderen Formen der Familie beheimatet zu fühlen, ist heute mehr und mehr ein zivilisatorisches Recht. Der Besitz schließlich wird ganz besonders beschützt, eben weil er mit der Beheimatung des Menschen so zentral verbunden ist. Aber eben gerade bei der Beheimatung in Körper, Familie und Besitz erleben wir auch die größten Zivilisationsbrüche.

Ein ernstes Symptom unserer zivilisatorischen Verschränktheit ist unsere Unfähigkeit, einen guten Weg zu finden. Unsere Zivilisation führt vermehrt zu Brüchen, weil wir uns immer weniger von ihr lösen können, wenn wir versuchen unser heilig lebendiges Leben zu gestalten.

Wir Menschen besitzen nicht die Schöpfung und wir müssen uns hin und wieder fragen, ob das kleine Königreich, das wir uns geschaffen haben, in die Vorstellung einer übergeordneten Beheimatung in der Schöpfung passt. Das ist ein schwieriges Thema, zu dessen Bewältigung unsere Kultur noch keine Wege kennt.

In den Kirchen beten und fürbitten wir. Aber Wege hinein in eine Einheit des Lebendigen finden wir dort nur als Benennung der Herausforderung. Wenn wir uns mit dem Thema Mensch und Schöpfungsbewahrung beschäftigen, schwanken wir hin und her, wir prallen von einer Wand zur anderen und stoßen uns. Uns als Teil des heiligen Lebens zu empfinden und es zugleich zu gestalten, das wäre der Weg, der uns zu Gott führen würde.

Der christliche Weg damit umzugehen, ist sich der höchsten Instanz, der man zugänglich ist, anzuvertrauen und sowohl Chancen zu schaffen, wie auch Chancen für andere zuzulassen. Zu einer solchen Beheimatung im höheren Sinne gehört auch die Hoffnung. Aber der Freude und Hoffnung im Garten hinter dem Haus entsprechen manchmal drei Autos vor dem Haus. Es sind keine einfachen Verhältnisse, in denen wir leben.

Text: Lutz Hausmann