Buchempfehlungen zum Reformationsjubiläum

Empfehlungen der Deutschlandfunk-Religionsredaktion (Dezember 2016):

Volker Reinhardt: Luther – der Ketzer. Rom und die Reformation. C. H. Beck Verlag. München 2016. 352 Seiten. 24,95 Euro.

Volker Leppin: Die fremde Reformation – Luthers mystische Wurzeln. C. H. Beck Verlag. München 2016. 247 Seiten. 21,95 Euro.

Tillmann Bendikowski: Martin Luther. Der Papst und die Folgen. Verlag C. Bertelsmann / Verlagsgruppe Randomhouse. München 2016. 384 Seiten. 24,99 Euro.

Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde – Reise in die Lutherzeit. Galiani Berlin. Berlin 2016. 496 Seiten. 24,99 Euro.

Joachim Köhler: Luther! Biographie eines Befreiten. Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig 2016. 408 Seiten. 22,90 Euro.

Willi Winkler: Luther – Ein deutscher Rebell  Rowohlt Verlag. Reinbek 2016. 640 Seiten. 29,90 Euro.

Georg Diez: Martin Luther – mein Vater und ich. Verlag C. Bertelsmann / Verlagsgruppe Randomhouse. München 2016. 256 Seiten. 17,99 Euro.

Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation. C. H. Beck Verlag. München 2016. 508 Seiten. 26,95 Euro.

Norbert Bolz: Zurück zu Luther. Verlag Wilhelm Fink. Paderborn 2016. 141 Seiten. 19,90 Euro.

Heinz Schilling: Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs. C.H.Beck Verlag. München 2014.  714 Seiten. 24,99 Euro.

Eugen Drewermann: Luther wollte mehr. Der Reformator und sein Glaube. Verlag Herder. Freiburg 2016. 320 Seiten. 19,99 Euro. Herder 2016. 320 Seiten, 19,99 Euro.

Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2016, 730 Seiten, 28 Euro.

Andre Pettegree: Die Marke Luther. Insel Verlag. Berlin 2016. 407 Seiten, 26 Euro.

20170308 LitAbend – Leppin

Bericht

vom 1. Literaturabend zur Reformation 2017
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf, Gemeindehaus Basdorf

Der erste von fünf Literaturabenden zur Reformation hatte am 08.03. fünf Besucher. Thematisch ging es in erster Linie um die mystischen Wurzeln von Luthers Gnaden- und Rechtfertigungslehre, um deren Ursprünge im gelebten mitelalterlichen Glauben bereits in den 400 Jahren vor Luther. Am Ende der Diskussion hatten wir ein klares Bild der unterschiedlichen geschichtlichen Situation jeweils nördlich und südlich der Alpen zur Zeit der Reformation und davor. Wir haben gelernt, dass es schon im 14. Jahrhundert Predigten auf deutsch gab, und dass vor Luther bereits mindestens 14 Bibelübersetzungen in dialektalem Deutsch existierten. Auch konnten wir die Nachwirkungen der Konzile in Konstanz und Basel im 15. Jahrhundert in ihrer Nachwirkung in die Reformation hinein am Ende des Abends besser nachvollziehen. Auch die Herkunft der Lutherrose mit dem Herzen, und der Zusammenhang zur aktuellen Jahreslosung – „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ (Hesekiel 36,26) – wurde deutlich. Die Beteiligten des ersten Literaturabends waren sich einig, dass durch ihn wichtige Aspekte des Hintergrundwissens zur Reformation fruchtbar vertieft wurden.

Kaufmann: Luthers Juden – Zusammenfassung

20170513 Kaufmann_Luthers Juden_Zusammenfassung für Web

Literaturabend 26.04.2017
Kaufmann, Thomas: Luthers Juden, Reclam 2014
Kaufmann, Thomas: Luthers Judenschriften, Mohr Siebeck 2. Aufl. 2013
Zusammenfassung und Literaturhinweise
Lutz Hausmann

Die zwei Judenschriften von 1523 und 1543

Luther verfasste im Abstand von genau 20 Jahren zwei grundlegende Texte zu den Juden seiner Zeit und Umgebung.

Während der erste Text 1523 um eine Integration der Juden in Kirche und Arbeitsleben warb, verdammte Luther die Juden 1543 grundsätzlich als des Zornes Gottes und des Teufels verfallen. Während er 1523 die Taufe vieler Juden und deren Anerkenntnis von Jesus als Gottessohn erwartete, warb er 1543 bei der Obrigkeit um die Vertreibung aller Juden und die Zerstörung ihrer Häuser und Synagogen. Auch wenn Luther nicht die Vernichtung der Juden an sich forderte, so verdammte er sie doch in einer grundsätzlichen antisemitischen Form.

Was hatte Luthers Meinungsumschwung bewirkt?

Luther war 1543 darüber entsetzt, wie sich das Verhältnis der Juden zur Reformation entwickelt hatte. Er sah sich selbst und durch ihn die Deutschen in Schuld geraten. Diese Schuld wollte Luther abtragen und wieder gut machen, in dem er für die Bereinigung der christlichen Welt von den Juden warb. Luthers und seiner Zeitgenossen Naherwartung des bald kommenden Jüngsten Gerichts spielte hier eine wichtige Rolle. Luther fühlte sich und die Reformation von den Juden verraten. Das las er aus wahrscheinlich nur zwei Unterredungen mit gebildeten Juden und der sogenannten Konvertitenliteratur heraus. In der Konvertitenliteratur schrieben zum Christentum übergetretene zeitgenössische Juden überwiegend negativ über ihre alten Glaubensgenossen. Die Dialogschriften, die in der Nachfolge von Luthers werbender Judenschrift von 1523 erschienen, waren ein weiterer ausschlaggebender Grund für das Verfassen der verdammenden Judenschrift von 1543. Die Dialogschriften bestanden aus zum Teil fiktiven Unterhaltungen zwischen Christen, meist Hebraisten und Juden über ihr gegenseitiges Glaubensverhältnis. Besonders die Dialogschrift von Sebastian Münster (Basel 1540), einer der führenden Hebraisten seiner Zeit, versetzte Luther in einen Alarmzustand, weil hier die Argumentationskraft des Juden erschreckend stark gegen die Argumente des Christen erschienen.

Die unterschiedliche Rezeption der beiden Judenschriften

Während die wohlwollende Judenschrift von 1523 hohe Auflagen und weite Verbreitung fand, wurde die verdammende Judenschrift von 1543 mit viel Kritik und Ablehnung, vor allem der süddeutschen Reformatoren, entgegengenommen. Ihre Verbreitung wurde sogar auf kaiserlichen Erlass hin einige Jahre nach Luthers Tod verboten. Orthodoxe Lutheraner in der Zeit des Konfessionalismus nahmen zwar positiv auf sie Bezug. Sie blieb auch politisch in einigen Gegenden Nord- und Mitteldeutschlands nicht ohne negative Folgen. Aber vom Ende des Dreißigjährigen Krieges an bis zum späten 19. Jahrhundert schien sie unbekannt geblieben zu sein. Die Erneuerung der Reformation im Pietismus folgte Luthers wohlwollender Judenschrift von 1523. Und zu den beiden Reformationsjubiläen 1817 und 1838 beteiligten sich Reformjuden mit positiven Reden auf Luther.

Die prekäre Lutherrezeption im völkischen und später nationalsozialistischen Deutschland

Nach der Reichsgründung 1871 mehrten sich antisemitische Einstellungen im überwiegend nord- und mitteldeutschen protestantischen Bildungsbürgertum. Ein erster Höhepunkt dieser Bewegung war eine Petition an Reichskanzler Bismarck, die mit 265 000 Unterschriften unterstützt wurde. Hier forderte man die Rücknahme der Bürgerrechte, die den Juden seit 1848 gewährt wurden. In diesem Zusammenhang (1881) erschien eine anonyme Schrift eines Theologiestudenten und Lutherkenners, die auf Luthers verdammende Judenschrift von 1543 hinwies. Wenig später (1887) erschien Theodor Fritschs „Handbuch der Judenfrage“ zuerst noch unter einem anderen Titel und dann bis 1944 in insgesamt 44 Auflagen. Fritsch zitierte Luthers antisemitische Aussagen und Forderungen bei gleichzeitiger Weglassung von Luthers theologischer vor allem christologischer Argumentation. Nach diesem Muster und Vorbild erschienen in der nachfolgend völkisch und später nationalsozialistisch geprägten Zeit zahllose antisemitische, auch christliche Publikationen, die sich auf Luthers späte Judenschrift bezogen. Alfred Rosenberg, der Chefideologe der Nationalsozialisten antwortete seinen Anklägern beim Nürnberger Prozess, nicht er, sondern Luther müsste dort eigentlich sitzen. In der Tat waren sich viele Autoren, Pfarrer und auch Bischöfe in ihrem Antisemitismus einig in ihrer Nachfolge Luthers. Die Bewegung der Arisierung von Jesus Ende des 19. Jahrhunderts führte über die Geschlossenheit der völkischen antijüdischen Deutschen Christen in den Zwanziger und Dreißiger Jahren hin zur Gründung des Instituts zur Beseitigung des Judentums aus dem Neuen Testament in Erfurt unter bischöflicher Schirmherrschaft.

So begrüßten der Thüringer Landesbischof Martin Sasse und sein mecklenburgischer Kollege Walter Schultz in einer Broschüre und in einem Sendschreiben an seine Pfarrer wenige Tage nach der Reichsprogromnacht 1938 das Geschehen positiv als Erfüllung des Willens Martin Luthers. Heute werden Auszüge von Martin Luthers später Judenschrift auf rechtsradikalen Seiten im Internet beworben.

Lutherschriften:

1513-15, Erste Psalmenvorlesung
1521, Lobgesang der heiligen Jungfrau Maria, genannt das Magnificat
1523, Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei
1538, Wider die Sabbather an einen guten Freund

1543, Von den Juden und ihren Lügen
1543, Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi
1543, Von den letzten Worten Davids

Auswahl weiterer genannter Literatur:

Lehrbrief Rabbi Samuels an einen Rabbi Isaak, wahrscheinlich 14. Jahrhundert
Lorenzo Valla; 1444, Entlarvung der Konstantinischen Schenkung
Giovanni Pico de la Mirandola:
1506, De rudimentis Hebraicis
1512, 7 Bußpsalmen
Johannes Reuchlin, 1511, Augenspiegel
Anton Margarithas; 1530, Der gantz jüdisch glaub
Sebastian Münster; ca. 1540, Dialogschrift

Philipp Jakob Spener, Pia desideria (Programmschrift des Pietismus), 1675
Gottfried Arnold, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie, Frankfurt 1729, S. 886

Luther und die Juden. Den deutschen Studenten gewidmet von einem Kommilitonen, Leipzig 1881
Theodor Fritschs: Handbuch der Judenfrage, 1887-1944, 44 Aufl.
Alfred Falb, Luther und die Juden, München 1921
Alfred Rosenberg, Protestantische Rompilger, München 1937
Martin Sasse, Martin Luther über die Juden: Wegmitihnen!, Freiburg/Br. 1938

Geschichtsdaten:

Eroberung von Konstantinopel, 1453
Reconquista, 1213 – 1492
4. Laterankonzil, 1215 – Transsubstantiation, Bußpflicht, Judenfleck
Vertreibung der Johanniter von Rhodos, 1526

Thesenpapier zur christlichen Gerechtigkeit

Literaturabend am 07. März 2018
Lutz Hausmann

Der Bund Gottes mit den Israeliten

Alttestamentlich ist Gerechtigkeit die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk. Der Gottesbund nach den Anweisungen, die Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte, führt zu einem gerechten Leben (vor allem 3. und 5. Buch Moses, Levitikus und Deuteronomium).

Gottes Bund der Regeln mit dem jüdischen Volk

Dieser Bund der Gerechtigkeit ist ein Bund, der über die Befolgung von Regeln erhalten wird oder eben auch nicht. Vor allem die Prophetenbücher sind Zeuge für die Ungerechtigkeit des Volkes Israel seinem Gott gegenüber.

Der neue Bund mit Gott über Jesus Christus als Mittler

Für die frühen Christen ist Christus der Gerechte an sich. Er bringt einen völlig neuen Gerechtigkeitsbegriff, den neuen Bund Gottes, den Jesus Christus auf der Erde verankert hat und für den Jesus Christus der Mittler ist und am Ende der Tage der Richter sein wird.

Paulus

Paulus erweitert diesen Bund auf die gesamte Menschheit und löst ihn ab von der Befolgung der speziellen jüdischen Regeln.

Für Paulus wird ein Christ gerecht, wenn er Christus nachfolgt und seinen persönlichen Willen unter den Willen der christlichen Gemeinschaft stellt.

Paulus betont die Gemeinschaft, weil der Einzelne nur in ihr die christliche Wahrheit erfahren kann. Nur in der christlichen Gemeinschaft lebt der Einzelne den Geist der Bergpredigt und damit das Gebot zur Hinwendung zum Nächsten. Indem Jesus Christus die geistige Gemeinschaft mit und unter den Menschen hält, erfährt der Einzelne durch die Aufnahme des Heiligen Geistes eine Form der Einheit mit Gott.

Gerecht werden heißt hier, aus der Abspaltung hinaus zu gehen, in die Einheit mit Gott zurückzukehren und doch als Individuum zu existieren.

Gerechtigkeit Gottes

Gott ist in dieser Vorstellung gerecht, weil er durch das Opfer von Jesus Christus jedem auch noch so verletzten und ausgegrenzten Menschen das Erleben Seiner Gegenwart erlaubt.

Gerechtigkeit des Menschen

Die Menschen sind in dieser Vorstellung gerecht, wenn sie in die Gemeinschaft der Gegenwart Gottes streben.

Der Mensch hat nach der christlichen Vorstellung mit Jesus Christus zwar den Kompass hin zu dieser Gerechtigkeit in sich, aber nicht den Plan.

Nur der dreieinige Gott hält und fügt den Plan zur Einheit seiner Schöpfung.

Gerechtigkeit innerhalb der Einheit der Schöpfung

Wir Menschen handeln und werden nicht aus uns selbst heraus gerecht. Wir müssen, um der Einheit der Schöpfung willen, die die friedliche Gemeinschaft der Menschen untereinander einschließt, um Gerechtigkeit bitten und uns wie die Kinder führen lassen. Gebete, Bitten und das Aufsuchen der lebendigen Glaubensresonanz im Inneren geben den Christen Geborgenheit in einem größeren Ganzen, das sowohl als absolut wie als persönlicher Ursprung erlebt wird. So kann sich Gerechtigkeit einstellen als Ergebnis eines Lebensflusses, der immer wieder in neuem Leben mündet und den Tod überwindet, und so verfliegt die Angst vor der Selbstauflösung, auch wenn sich menschliches Handeln vielfältigen Korrekturen stellen muss.

 

Die Nachwirkungen des frühen und späten Dualismus im christlichen Europa

Schon früh drangen ins Christentum von Außen Vorstellungen einer gespaltenen Schöpfung ein: einer guten, versorgenden, in die Einheit aufnehmenden jenseitigen Geistesschöpfung und einer mit den Schmerzen des Diesseitigen verbundenen, materiellen Schöpfung.

Der Heilsweg des Gläubigen in der Gnosis und beeinflusst vom Manichäismus und später im zweiten Jahrtausend der Heilsweg der Katharer und Bogomilen bestand in der Meidung allen diesseitigen materiellen Lebens.

Diese und andere dualistische Einprägungen haben lange und vielfältige Spuren in der Geschichte des Christentums hinterlassen.

Nicht in den dualistischen Sekten selber, aber im restlichen christlichen Europa gab es immer wieder Zeiten des Ausgrenzens und Ausmerzens von angeblich dem Teufel unwiederbringlich verfallenen Menschengruppen: Muslime, Juden, Türken, Hexen nur als Beispiele.

Diesseitig orientierte, ungebildete einfache Menschen wurden zudem als Menschen zweiter Klasse angesehen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfahren konnte. Ihnen war, aufgrund der Erbsünde, das harte Los des Leidens am Leben vorbehalten. Christlich gebildete Menschen hatten dagegen die Möglichkeit, sich dem Geistigen zu zuwenden und von der geistigen Gerechtigkeit zu profitieren, die den heiligen Märtyrern bereits widerfahren war. Die Zweiteilung der Menschen in geistige und geistliche Menschen einerseits und diesseitig an die Erbsünde gebundene Menschen andererseits gehörte zur Gerechtigkeitsvorstellung des europäischen Christentums vom Kirchenvater Augustin an bis zur beginnenden Neuzeit.

Die Gerechtigkeit des scharfen Schwertes

Beginnend im karolingischen Kaiserreich, weiter während der Inquisition und bis zum lutherischen und calvinistischen Radikalismus, schließlich insgesamt im Zeitalter des Konfessionalismus im 16. und 17. Jahrhundert war der Begriff der Gerechtigkeit des scharfen Schwertes (oder entsprechende Formulierungen) weit verbreitet. Immer ging es um das Abtrennen des Verdorbenen, um das noch Gute zu retten. In diesem Sinne waren Grausamkeiten gerecht, weil sie dem verwerfenden Richterspruch des jüngsten Gerichtes voraus griffen. Christen gaben sich hier das Recht, eine göttliche Gerechtigkeit vorweg zu empfinden und für Gott stellvertretend, strafend zu handeln.

Endzeiterwartungen

Möglich geworden war dies u.a. durch überlieferte Aussprüche Jesu, durch das einflussreiche Weiterwirken der Ideen des Kirchenvaters Augustin, aber auch durch die starke Endzeiterwartung und die apokalyptischen Schriften vom Antichrist.

Augustin, die Verwaltung der Sakramentskirche und die Rechtfertigung vor Gott

In einer Zeit der Wirren und des zerfallenden römischen Reiches entwickelte Augustin die Idee einer das Heil verwaltenden sowohl dies-, wie jenseitigen Sakramentskirche als Rettung der Gläubigen. Diese ursprünglich um der Gerechtigkeit Willen umgesetzte Idee entwickelte mit der Zeit Kräfte gegen sich selbst.

In der Überlieferung dieser Ideen entstand im europäischen Christentum des zweiten Jahrtausends eine Zweiteilung des Heils. Um heil, also gerechtfertigt vor Gott treten zu können, war die Aufnahme aller von der Kirche verwalteten Sakramente während eines Lebenslaufes notwendig. Dem gelehrten Klerus und dem Fürstenstand war dies möglich, dem einfachen Volk aber bewusst verwehrt (kein Abendmahl in beiderlei Gestalt).

Auch entwickelte sich eine Werkgerechtigkeit, die heutige kapitalistische Wertvorstellungen vorwegnahm. Gottes Segen wurde mit diesseitigem Reichtum verbunden, auch wenn dieser wachsende Reichtum mit den Mitteln des Reichtums selbst erzwungen war.

 

Wiederentdeckung der urchristlichen Gerechtigkeitsvorstellungen im Protestantismus

Die Reformationszeit war vor allem eine Reform der Rechtfertigung vor Gott. Diese Reform geschah im Luthertum wie im reformierten Christentum Züricher und Genfer Prägung (dem Calvinismus) und anderen christlichen Ausprägungen der Reformationszeit.

Gerecht wurde der Christ hier vor Gott, wie im paulinischen Urchristentum, allein mit Hilfe des Mittlers Jesus Christus. Die Herausarbeitung und Vermittlung einer gerechten Kirchenlehre wurde hier zentral. Das priesterliche Lehramt führte, als Gerechtigkeitshandlung, den ungebildeten Christen hin zur Aufnahme der gerechten Lehre, die alleine auf die Gegenwart des lebendigen Gottes in jedem Einzelnen zuführte. Diese Gegenwart wurde zur allein gültigen gnädigen Gerechtigkeit Gottes und jedem Menschen als Resonanz auf sein Bemühen zugänglich gemacht.

Calvinismus (reformiertes Christentum) und politische Gerechtigkeit

Im französischen und englischen Europa der sich entwickelnden Neuzeit befand sich das reformierte Christentum fast ständig in einer Opposition zu den politischen Machtverhältnissen. Anders als das Luthertum entwickelte die reformierte Kirche Frankreichs und der Niederlande (der Calvinismus) und die reformierte Kirche Schottlands und Englands ein geistiges, religiöses Widerstandsrecht gegen ungerechte, weil in ihrem Sinne nicht-christliche, politische Verhältnisse.

Reformiertes Christentum und Humanismus verbinden sich zu neuen Gerechtigkeitsvorstellungen

Aus dem reformiert christlichen Widerstandsrecht und dem reichen Erbe der Antike entwickeln sich Gerechtigkeitsvorstellungen, die von anthropologischen Vorstellungen des Entwicklungspotentials des Menschen an sich ausgehen. Gerecht ist hier, was dem Menschen und dem menschlichen Gemeinwesen seine Entfaltung erlaubt.

In der Folge entstehen Gerechtigkeitsformulierungen, angefangen bei der französischen Menschenrechtserklärung und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu sozialistischen Manifesten.

Aufklärung und liberales Christentum entarten kurzfristig im Deutschen Christentum

In Deutschland verbindet sich dieser moderne Humanismus im 18 und 19. Jahrhundert mit der Aufklärung und einem liberalen Christentum. Für ein neues aufgeklärtes, liberales Christentum stehen z.B. Autoren wie Lessing, Goethe, Herder, Kierkegaard und Schleiermacher.

Im liberalen Christentum gerät die Gesamtschöpfung und die „schlechthinnige Abhängigkeit“ des Menschen darin in den Fokus des bürgerlichen christlichen Denkens. Dies geschah um so mehr, indem die Gedanken Charles Darwins aufgenommen wurden.

Es geht dann, in der Folge von Darwin, um eine Schöpfung, in der sich der Mensch behaupten muss als einer unter vielen. Gerecht ist jetzt, wenn man seine eigenen Vorzüge gegen andere ausspielt. Das Gottesgeschenk der eigenen Exzellenz und Überlegenheit muss gegen andere durchgesetzt und bewahrt werden. So wird man in diesem Denken Gottes Schöpfung gerecht.

In Deutschland gipfelten diese christlichen Einstellungen im nationalsozialistischen Deutschen Christentum und anderen entsprechenden christlichen Ausprägungen.

Bewahrung der Schöpfung im Zentrum der christlichen Gerechtigkeit

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dem Aufbau des atomaren Vernichtungspotentials verdichtet sich ein christliches Gerechtigkeits-Pradigma, das der gesamten Schöpfung gerecht werden und sie bewahren will.

Das christliche Gerechtigkeitsempfinden verbindet sich hier wieder mit Vorstellungen des paulinischen Urchristentums. Die Instanz der Gerechtigkeit liegt außerhalb des Menschen in einem versorgenden, behütenden Gott, zu dem wir als Christen wieder eine Verbindung finden müssen. Angestrebt wird eine Verbindung zu Gott, in der sich die Christen wieder notwendig demütig vor der Einheit der gesamten Schöpfung verneigen und sie so bewahren können.

Globalisierung und Nächstenliebe

Jenseits der Bergpredigt, dem Prinzip der Hinwendung zum Nächsten und dem Grundsatz der Bewahrung der Schöpfung sind die Fragen, wie denn christliche Gerechtigkeit im Einzelnen tatsächlich gelebt werden kann, weiterhin offen. Gerade im aufgeklärten Christentum bleibt es dabei: Um Gerechtigkeit muss unter den Menschen gerungen werden. Weiterhin sind auch unter Christen Fragen virulent wie: „Wer gehört alles in das Boot der Gerechtigkeit und wer nicht?“ Geistig wird allen Menschen prinzipiell die Heilsberufung zugesprochen, aber wenn es darum geht, alle Menschen dieses globalisiert zusammengerückten Planeten als Nächste anzusehen, fängt das Ringen an. Genauso ist es mit der Bewahrung der Schöpfung. Vieles ist schon verloren und die Versuchung, weiteres verloren zu geben, ist groß.

Zentral in der christlichen Ethik sind heute die Zugangs- und die Verteilungsgerechtigkeit und die Frage der Einheit der Schöpfung, zu der die Einheit der Menschen untereinander und die Unversehrtheit der Menschen dazu gehören. Zentral ist auch die Ungleichheit zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Wir bewohnen unsere Erde heute in einem von uns gemachten Zustand. Die Göttliche Schöpfung dieses Ortes im Universum ist verborgen hinter dem Schleier des Gemachten der menschlichen Mitschöpfer. Nur, wir erschaffen nicht das Leben, das wieder Leben gebiert. Wir erschaffen Funktionierendes, das das Leben verdrängt.