Essay – Selbstgefühl als Christ

Zugfahrt von Berlin nach Dresden am 05.06.2020

– Der Zug verlässt den Berliner Hauptbahnhof. –

Was fällt mir zu meinem Christsein ein, von dem Ort aus, an dem ich Christ bin?

1) Erst einmal die Frage nach dem Heil

Der Glaube an Gott impliziert die Frage:

Wie bin ich in Gott?

Was bedeutet mein Verhältnis zu Gott für meine Lebensqualität?

Bedeutet meine Existenz eine dauernde Existenz in Gott oder kann mein Verhältnis zu Gott aufhören und meine Existenz damit beendet werden?

Hat meine Existenz hin zu Gott mit Lebensqualität zu tun und meine Existenz weg von Gott mit Leiden?

Letztlich sind dies alles Fragen nach dem Heil.

2) Die Frage nach dem Heil als Christ impliziert natürlich die Frage nach den anderen Religionen und ihren Heilswegen.

Was ist der spezifische Heilsweg eines Christen, der ihn zu einem religiösen Christen macht?

Eine Religion ist eine Lebenspraxis, die den Einzelnen hin zu seinen Existenzwurzeln führt, ihn hin zu dem führt, was für ihn wirklich wichtig ist.

Christen haben hier als zentrales Alleinstellungsmerkmal den Glauben an Jesus-Christus und seinen Einfluss auf unser Leben. Dies unterscheidet uns in allererster Linie wesentlich von den anderen monotheistischen Religionen.

Bei der Frage nach dem Christsein, auch in Abgrenzung von anderen Religionen, sind deshalb die Zeugnisse des Lebens und Wirkens und des Vermächtnisses von Jesus-Christus entscheidend.

Hier tauchen zwei zentrale Fragen auf:

– Wann sind die Evangelien geschrieben worden?

– Ist Jesus Gottes Sohn gewesen?

Die erste Frage ist von der deutschen evangelischen Theologie 150 Jahre lang mit sehr ernüchternden Ergebnissen behandelt worden. In den angelsächsischen Ländern hat man sich in den letzten 30 Jahren mit zahlreichen Publikationen davon distanziert und die Datierung stark zurückgesetzt. Auch zu Paulus gibt es einen „new look“ auf seine Briefe. Das Ziel war es, sich die Evangelien als tatsächliche Zeitzeugnisse zurückzuerobern.

Zur Frage nach der Gottessohnschaft:
Für Juden und Muslime ist Jesus nicht Gottes Sohn gewesen. Für viele Christen auch nicht.

Ab spätestens hier haben wir es mit einer spannenden Dichotomie im Glaubensleben zu tun.

Auf der einen Seite steht der rational geprägte Glaube an Fakten. Auf der anderen Seite steht das Glaubenserleben, die Glaubensresonanz, wie man es lutherisch ausdrücken kann. Diesen erlebten Glauben, das darf man als Christ nicht vergessen, kennen andere Religionen aber auch.

Ab der Dichotomie von Faktenorientierung und erlebten Glauben ergibt sich eine Flut von Fragen und Argumentationen. Der Stand der Dinge dazu im Christentum ist folgender: Klarheit konnte in den letzten 200 Jahren nicht erreicht werden, besteht zurzeit nicht und ist auch nicht zu erwarten.

Von diesem Stand der Dinge aus geht es deshalb in erster Linie jeweils um das Geschenk, das der Glaube dem Einzelnen macht.

Auch hier gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Standpunkte / Denkweisen / Praktiken von Christen.

1)

Die meisten evangelischen Landeschristen und ich denke auch die meisten Predigten in Deutschland in den Landeskirchen, relativieren die konkreten „Worte Gottes“ historisch oder wenigstens mit dem Hinweis auf das Historische.

Wenn Gläubige die Aussagen der Bibel auf ihr eigenes modernes Leben anwenden, dann machen sie in den meisten Fällen einen großen Schritt. Und um „Gottes Wort“ in diesem Schritt zu erhalten (im doppelten Wortsinn) muss historisch relativiert werden. Das Geschenk des Glaubens sind dann, grob gesprochen, ethische Lebensmaxime.

2)

Es gibt aber andere Christen, diese findet man eher in den Freikirchen, für die heißt Christsein, in direktem Dialog mit Jesus-Christus und mit „Gottes Wort“ sein. Die besondere Qualität, die diese Christen sich sichern, ist eine die Zeit überbrückende Direktbeziehung. Hier spielt das Historische nicht die geringste Rolle. Das Christusereignis wird als ein die Zeit sprengendes Ereignis empfunden, in das man ständig als in eine Jetzt-Beziehung eintreten kann.

Diese Glaubenspraxis ist bemüht, das Neue Testament, sehr früh in seiner Entstehung anzusehen, als ein vom direkten Wort inspirierendes Miterlebenszeugnis, das das eigene Erleben mit hineinnimmt. Eine geschichtliche Herleitung der Ereignisse um Jesus schließt diese Haltung aus. Das Geschenk des Glaubens ist hier eine Inspiration und erlebte Gnade mit den entsprechenden Ausprägungen.

Eine von der menschlichen Eigenart geprägte Geschichtlichkeit auf der einen Seite. Ein jede Historie transzendierendes Christusereignis auf der anderen Seite.

Nebenbei bemerkt, das Alte Testament kann beides sein. Es beschreibt den Lernweg des diesseitig Menschlichen an der „Seite Gottes“ und beschreibt zusätzliche Durchbruchsereignisse hin zur Gottesnähe. Auch die Psalmen sind ein herausragendes Ereignis, das immer wieder ist und uns in die zeitlose Gegenwart der Größe unserer Existenz führt.

Wenn wir ab hier in dieser Weise deutlich polarisierten, dann hätten wir auf der einen Seite eine Gruppe, die das Christsein als Heilsnotwendigkeit ansieht, und wir hätten auf der anderen Seite eine Gruppe, die der Meinung ist, dass ihr eigenes und das Leben der anderen besser verläuft, wenn man christlicher Tradition und christlichen Werten folgt. Diese beiden Haltungen mischen sich selbstverständlich. Als handelnd wandelnde Menschen finden wir uns aber doch häufig in polarisierten Haltungen wieder. Manchmal wachen wir darin auf. Manchmal bemühen wir uns um eine Synthese. Diese Synthese ist aber eine Reflektionsarbeit. Oft braucht sie Raum, Zeit und Anlass, damit sie geschieht.

In diesen beiden hypothetischen (Haltungs-)Gruppen gibt es Menschen, die gut informiert sind und andere, die aus dem Bauch heraus entscheiden. Information und Wissen sind aber auf jeden Fall wichtige Faktoren für die Dynamiken in beiden Gruppen, entweder in Form ihrer Anwesenheit oder in der Form ihrer Abwesenheit.

Jeder religiöse Mensch kommt an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss, ob er sich Kräften und einem Geist überantwortet, die weit über ihn hinausgehen. Das ist das Religiöse, dass man sich in die Hände einer Sphäre gibt, die den eigenen Lebenshorizont weit transzendiert.

Die Entscheidung für ein Christsein aus rational-ethischen Gesichtspunkten ist eine Kalkulation, eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Entscheidung andererseits für ein Christsein nur aus dem Bauch heraus ist naiv und ist in der Menschheitsgeschichte schon oft in schlechte Bahnen geraten.

Also: Quo vadis Christ? (Johannes 13, 36)

Salomonisch könnte man sagen, der goldene Weg ist die Mitte. Dieser Weg der Mitte sollte der Weg der Landeskirche sein.

An welchen Kriterien bemerken wir, dass in einer Gemeinde dieser Weg der Mitte gegangen wird?

1) Das Element des sich Überantwortens ist der Gottesdienst. Die Liturgie ist speziell darauf abgestellt. In der Predigt erhält man zusätzlich eine Hilfestellung, das Große, in dem man Geschöpf ist, auf sein eigenes Leben zu beziehen. Spezielle Andachten vertiefen diesen Vorgang thematisch.

2) Das reine Glaubenserleben, die individuelle Glaubensresonanz steht z.B. in Taizé-Andachten im Vordergrund.

3) Aber wo erscheinen Informationen und Wissen?

Während Liturgie-Andacht-Predigt auf der Passivseite des landeskirchlichen Christseins stehen, befinden sich Information und Wissen auf der Aktivseite.

Information und Wissen muss man sich selbst aktiv aneignen. Information und Wissen führen auch mitunter zu einer innerlichen Distanz dem eigenen Glaubenserleben gegenüber. Die Reaktion auf Information und Wissen ist deshalb oft eine aktive innere Versöhnungsarbeit. Wissen einerseits und die persönliche Glaubensbasis andererseits müssen manchmal zu einer neuen Einheit finden. Das will nicht jeder, das kann nicht jeder leisten. Eine gesamtgemeindliche Unterstützungsarbeit dabei, ist deshalb eine Form der Seelsorge.

Früher war es der Pfarrer, der das Lehramt innehatte und seine anvertrauten Seelen durch den heiklen Weg zwischen Versuchung und Heil hindurchführte. Heute wird ein Pfarrer als Manager für das Ganze eben an das Ganze festgenagelt, fast so wie an ein Kreuz.

Die Vermittlung von Wissen und Information einerseits und Glauben andererseits müssen in einer Gemeinde heute anscheinend von anderen geleistet werden, vielleicht sogar von Ressourcen außerhalb der Gemeinde.

Wir haben eine interessante aktuelle Situation:

Einerseits ist das evangelische landeskirchliche Christsein in Deutschland heute mit kaum mehr Verantwortung aufgeladen als bisher. Die Verantwortung ist eine historische und eine aktuell zeitgeschichtliche. Die Verantwortlichkeiten der jüngeren Vergangenheit mischen sich mit den riesengroßen Aufgaben des Menschseins angesichts der rasanten Veränderungen auf diesem Planeten.

Andererseits zieht sich eine verbliebene aktive Restkirche von vielleicht 5% immer mehr von einer historischen (und auch aktuell zeitgeschichtlichen?) Selbstreflektion zurück.

– Das Luthertum war zum Jubiläumsjahr 2017 als historisches Faktenkonvulut kaum präsent.

– Die antisemitische Schuld noch der jüngeren Vergangenheit hat kaum eine Informations- und Wissensbasis erhalten.

– Und das nötige informationelle Basisrüstzeug für den vielbeschworenen Dialog mit den anderen monotheistischen Religionen ist praktisch nicht vorhanden.

Der zentrale Fokus, auf den wir hier kommen, ist die Seelsorge!
Ist die aktuelle kirchliche Praxis der geistigen Versorgung des Gemeindemitglieds Seelsorge oder ist sie es nicht oder ist sie es unzureichend?

Es ist schwierig, in der evangelischen Kirche von Seele zu sprechen, weil das Seelenkonzept nicht christlich ist. Vor kurzem feierte zwar die Notfallseelsorge ein Jubiläum und jeder Christ wird die Seelsorge als Kernkompetenz seiner Kirche bezeichnen, aber eben die Wissens- und Informationsbasis dazu und damit einhergehend auch die Offenbarungsbasis, ist unklar.

Das alte Lehramt des Pfarrers, das den Gläubigen darin unterwies, wie er in Jesus-Christus, neben Jesus-Christus zum allmächtigen Vater gelangen könnte und vor allem müsste, wollte er nicht der ewigen Verdammnis verfallen, gibt es nicht mehr.

Mit diesem Lehramt ist auch der entsprechende Anspruch verfallen. Es gibt heute keine Instanz mehr innerhalb der Landeskirche, die vor der ewigen Verdammnis warnt. Das ist wahrscheinlich auch gut so, aber es hat eine Leere zur Folge.

Besonders in den letzten Jahren sind in diese Leerstelle andere spirituelle Ansätze eingetreten. Man kann heute sagen, dass die durchschnittlich geistig-spirituell orientierte Person, heute in sich Elemente eines neuen Seelen-Paradigmas trägt, das nicht aus der Kirche kommt.

„Seele“, das ist gemeinhin das zentrale des Menschen, das Wesentliche seines Seins. Wer an eine Seele glaubt, ist meistens der Überzeugung, dass er außen etwas tun kann, was der Seele nicht gut täte bzw. nach den Maßstäben der Seele nicht richtig wäre. Von einem so verstandenen Seelenkonzept des Menschen geht die Vorstellung eines „Innen“ und eines „Außen“ des Menschen aus. Außen können wir Menschen uns verstricken, was unserer Seele nicht gut tut. Unsere Seele leidet unter jeder Form der Zerrissenheit. Seelsorge und Seelenheilung heilen diese Zerrissenheit. Das Ziel einer Seele, ist „ganz“ zu sein. Damit einher geht die Vorstellung, mit einer erlangten Ganzheit der Seele Zugang zu wohlwollenden, weil nicht fragmentierenden, Existenzbedingungen zu haben. Die Existenz der Seele wird in der Regel, als ins Jenseitige, Nachtodliche hinüberreichend angesehen.

Die Existenznot eines Menschen, wenn sie nicht organismisch ist, wird in diesem Paradigma als Seelennot verstanden. Ein unerfülltes Leben ruft Seelennöte hervor.

In diesem Zusammenhang wird die Seele häufig auf einem Weg von der Berufung hin zur Erfüllung betrachtet. Ein erfülltes Leben nimmt die Berufung ernst und berufen ist die Seele und nicht die zerrissene Außenfunktion des Menschen.

In diesem Seelenparadigma begegnen wir auch dem Opfer. Korrekturen auf dem Weg von der Berufung zur Erfüllung haben meistens mit einem Opfer zu tun. Manchmal ist es ein Opfer, das dann leicht fällt, wenn man erkannt hat, dass es notwendig ist. Wenn ein Opfer aus der Gesamtsicht des Seelenweges von der Berufung zur Erfüllung, als notwendig erkannt ist, kann es von der Brust fallen, wie ein Mühlstein. Wir sind hier ganz nah bei alten Herz-Metaphern.

Eine individuelle Opfernotwendigkeit, z.B. durch Entscheidungen hervorgerufene deutliche Biografieänderungen, erscheinen in den entsprechenden Erzählungen immer im Zusammenhang einer höheren Seeleneinsicht.

Hier haben wir also ein Glaubenserleben und eine rationale Durchdringungsfähigkeit, die zusammen ein besseres Leben hervorbringen aus der Instanz eines höheren Selbst heraus.

Genau dies wünsche ich mir für die Kirche. Und für den einzelnen Gläubigen wünsche ich mir, dass er in seinen individuellen Seelenprozessen nicht von seiner Gemeinde oder von seiner Kirche ausgebremst wird. Dass dies gerade spirituelle Menschen so erlebt haben, wissen wir von den zahlreichen Schilderungen, warum jemand aus der Kirche ausgetreten ist.

Wenn die heutige Kirche der Ort der Übriggebliebenen werden sollte, die gar nicht verstehen, warum andere in ihr Seelennöte erleiden, dann wäre das schade. Wenn natürlich die Übriggebliebenen darauf antworten, dass eben sie auch Seelennöte erleiden, wenn man sie mit der Aufgabe der Selbstreflektion bedrängt, dann haben wir ein weiteres Problem.

An diesem Punkt möchte ich den Begriff der Barmherzigkeit einbringen.

Für Menschen mitten im Leben soll auch die Kirche mitten im Leben stehen. Man muss eben aufpassen, was man den Menschen anbietet. Etwas, das zum Gruselkabinett der Kirche gehört oder zu dem Positiven, für das sie steht? Auf der anderen Seite geht es auch um eine Heilsverantwortung.

Luther und noch viele nach ihm benutzten den Begriff der „scharfen Barmherzigkeit“, der die Kirche rein hielt von dunklen Einflüssen. Eben dies, neben anderem, empfinden viele aus der Erinnerung als zum Gruselkabinett der Kirche zugehörig, das noch bis vor wenigen Jahrzehnten virulent war.

Im Osten ist die Evangelische Kirsche, weil sie die Systemveränderung mitgetragen hat, viel positiver im Bewusstsein besetzt als vielerorts im Westen. Andererseits haben die alten Kirchenmitglieder im Osten immer noch eine Festungshaltung gegen den atheistischen Mainstream.

Ob bewusst oder nicht, es geht vielerorts immer noch um die Guten und die Bösen. Es geht häufig immer noch eher um Schutz als um barmherzige Integration. Mit „Integration“ meine ich nicht nur die Flüchtlinge. Die Kirchen müssen sich um die Menschen kümmern oder sie tun es eben nicht.

– Der Zug fährt ein in den Bahnhof Dresden-Neustadt. –

– Ich steige in die Tram 6 nach Niedersedlitz ein. –

Kaum habe ich mich gesetzt erscheint oben in der digitalen Werbevorrichtung eine Anzeige des Evangelischen Gymnasiums Dresden.

„Kirche bewegt“

„Hauptfach Mensch“

„Frei entfalten“

„Verantwortungsvoll Handeln“

Schön! Finde ich.

Buchempfehlungen zum Reformationsjubiläum

Empfehlungen der Deutschlandfunk-Religionsredaktion (Dezember 2016):

Volker Reinhardt: Luther – der Ketzer. Rom und die Reformation. C. H. Beck Verlag. München 2016. 352 Seiten. 24,95 Euro.

Volker Leppin: Die fremde Reformation – Luthers mystische Wurzeln. C. H. Beck Verlag. München 2016. 247 Seiten. 21,95 Euro.

Tillmann Bendikowski: Martin Luther. Der Papst und die Folgen. Verlag C. Bertelsmann / Verlagsgruppe Randomhouse. München 2016. 384 Seiten. 24,99 Euro.

Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde – Reise in die Lutherzeit. Galiani Berlin. Berlin 2016. 496 Seiten. 24,99 Euro.

Joachim Köhler: Luther! Biographie eines Befreiten. Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig 2016. 408 Seiten. 22,90 Euro.

Willi Winkler: Luther – Ein deutscher Rebell  Rowohlt Verlag. Reinbek 2016. 640 Seiten. 29,90 Euro.

Georg Diez: Martin Luther – mein Vater und ich. Verlag C. Bertelsmann / Verlagsgruppe Randomhouse. München 2016. 256 Seiten. 17,99 Euro.

Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation. C. H. Beck Verlag. München 2016. 508 Seiten. 26,95 Euro.

Norbert Bolz: Zurück zu Luther. Verlag Wilhelm Fink. Paderborn 2016. 141 Seiten. 19,90 Euro.

Heinz Schilling: Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs. C.H.Beck Verlag. München 2014.  714 Seiten. 24,99 Euro.

Eugen Drewermann: Luther wollte mehr. Der Reformator und sein Glaube. Verlag Herder. Freiburg 2016. 320 Seiten. 19,99 Euro. Herder 2016. 320 Seiten, 19,99 Euro.

Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2016, 730 Seiten, 28 Euro.

Andre Pettegree: Die Marke Luther. Insel Verlag. Berlin 2016. 407 Seiten, 26 Euro.

20170308 LitAbend – Leppin

Bericht

vom 1. Literaturabend zur Reformation 2017
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf, Gemeindehaus Basdorf

Der erste von fünf Literaturabenden zur Reformation hatte am 08.03. fünf Besucher. Thematisch ging es in erster Linie um die mystischen Wurzeln von Luthers Gnaden- und Rechtfertigungslehre, um deren Ursprünge im gelebten mitelalterlichen Glauben bereits in den 400 Jahren vor Luther. Am Ende der Diskussion hatten wir ein klares Bild der unterschiedlichen geschichtlichen Situation jeweils nördlich und südlich der Alpen zur Zeit der Reformation und davor. Wir haben gelernt, dass es schon im 14. Jahrhundert Predigten auf deutsch gab, und dass vor Luther bereits mindestens 14 Bibelübersetzungen in dialektalem Deutsch existierten. Auch konnten wir die Nachwirkungen der Konzile in Konstanz und Basel im 15. Jahrhundert in ihrer Nachwirkung in die Reformation hinein am Ende des Abends besser nachvollziehen. Auch die Herkunft der Lutherrose mit dem Herzen, und der Zusammenhang zur aktuellen Jahreslosung – „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ (Hesekiel 36,26) – wurde deutlich. Die Beteiligten des ersten Literaturabends waren sich einig, dass durch ihn wichtige Aspekte des Hintergrundwissens zur Reformation fruchtbar vertieft wurden.

Drei Erklärungen – drei Lösungen

Literaturabend 19.06.2019 – Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum
Diskussionspapier:
Drei Erklärungen – drei Lösungen
Lutz Hausmann

 

Die gleichzeitige Gültigkeit des neuen und des alten Bundes Gottes als Herausforderung des Glaubens

Als Ergebnis des Dialogprozesses zwischen Juden und Christen stehen der alte und der neue Bund Gottes gleichzeitig und als gegenseitig anerkannt da. Dies lässt sich theologisch nicht auflösen.

Dies bedeutet für die Kirchen einen unüberwindlichen Gegensatz wegen der Heilsfokussierung auf Jesus. Die Dialogerklärungen behelfen sich deshalb mit den entsprechenden Formulierungen.

Für die jüdisch-orthodoxen Rabbiner dagegen löst sich dieser Gegensatz auf, im noachidischen Bund und in der gottgewollten „Partnerschaft mit erheblichen theologischen Differenzen“

Die Kirchen erkennen diesen für sie theologisch nicht auflösbaren Konflikt als Herausforderung des Glaubens. Sie nehmen die Gleichzeitigkeit der Bündnisse als Gottes Plan an, den wir Menschen in seinem Charakter nicht ergründen können (Heilsgeheimnis Gottes).

 

1 ) Jüdisch – Auflösung des Konflikts in Gottes Plan

Noachidisch, Christen haben Anteil am Heilsplan Gottes
(Diesen Heilsanteil gewinnt aber auch jeder Angehörige einer anderen Religion, wenn er die sieben noachidischen Gesetze beachtet.)

Das Besondere im Verhältnis zu den Christen ist eine gottgewollte Partnerschaft mit erheblichen theologischen Differenzen.

Die orthodoxen Rabbiner erkennen an:
– Das Christentum ist kein Zufall und kein Götzendienst
– Es besteht ein gemeinsamer Auftrag Gottes
– Die Christen erfüllen die Gesetze des Noachidischen Bundes

Erklärung:

„Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“, 05. Dezember 2015, (CJCUC, Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation, Erstveröffentlicher)

Es gibt einen Plan Gottes zur Partnerschaft von Juden und Christen mit dem Ziel der moralischen Verbesserung der Welt und zur Beseitigung der Laster:

Hinweise darauf:

– Christen haben die hebräische Bibel [Tannach], insbesondere die Tora zu den Völkern gebracht
– Damit einhergehend: Eingottglaube und Sturz der Götzen
– Verdienst Jesus aus jüdischer Sicht: Unveränderlichkeit der Torah [orthodoxe Position]

Traditionelle rabbinische Grundsätze im Sinne dieser Partnerschaft:
– Gleichstellung von Juden und Christen bei den Pflichten von Mensch zu Mensch (Hirsch)
– Juden und Christen sind zu liebevoller Partnerschaft bestimmt (Berliner)

 

 

2) Katholisch – Nebeneinander – Geheimnis – Geltenlassen

abgrundtiefes Geheimnis Gottes (36)
Geheimnis des Handelns Gottes (37)
Heilsgeheimnis Gottes (Nostra aetate, Punkt 4)

Erklärung:

„Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29)

– Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4)
– Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum (Vatikan), 10. Dezember 2015

36. Aus dem christlichen Bekenntnis, dass es nur einen Heilsweg geben kann, folgt aber in keiner Weise, dass die Juden von Gottes Heil ausgeschlossen wären, weil sie nicht an Jesus Christus als den Messias Israels und den Sohn Gottes glauben. Eine solche Behauptung hätte keinen Anhalt an der heilsgeschichtlichen Schau des Paulus, der im Römerbrief nicht nur seine Überzeugung zum Ausdruck bringt, dass es in der Heilsgeschichte keinen Bruch geben kann, sondern dass das Heil von den Juden kommt (vgl. auch Joh 4,22). Israel bekam von Gott eine einzigartige Sendung anvertraut, Er bringt seinen geheimnisvollen Heilsplan, alle Menschen zu retten (vgl. 1Tim 2,4), nicht zur Erfüllung, ohne in ihn seinen „erstgeborenen Sohn“ (Ex 4,22) einzubeziehen. Von daher versteht es sich von selbst, dass Paulus im Römerbrief die sich selbst gestellte Frage, ob Gott denn sein eigenes Volk verstossen habe, entschieden verneint. Ebenso dezidiert hält er fest: „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11, 29). Dass die Juden Anteil an Gottes Heil haben, steht theologisch ausser Frage, doch wie dies ohne explizites Christusbekenntnis möglich sein kann, ist und bleibt ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes. Es ist deshalb kein Zufall, dass Paulus seine heilsgeschichtlichen Reflexionen in Römer 9-11 über die endgültige Rettung Israels auf dem Hintergrund des Christusmysteriums in eine grossartige Doxologie münden lässt: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11, 33). Bernhard von Clairvaux (De cons. III/I,3) spricht davon, dass für die Juden „ein bestimmter Zeitpunkt festgelegt ist, dem man nicht vorgreifen kann“.

37. Ein anderer Schwerpunkt muss für Katholiken auch weiterhin die theologisch höchst komplexe Frage bleiben, wie der christliche Glaube an die universale Heilsbedeutung Jesu Christi mit der ebenso klaren Glaubensaussage vom nie aufgekündigten Bund Gottes mit Israel kohärent zusammengedacht werden kann. Es ist der Glaube der Kirche, dass Christus der Heiland für alle ist. Damit kann es keine zwei Heilswege geben, denn Christus ist der Retter der Juden, wie auch der Heiden. Hier stossen wir auf das Geheimnis des Handelns Gottes, nicht auf ein Bestreben missionarischer Bemühung, die Juden zu bekehren, sondern vielmehr auf die Erwartung, dass der Herr die Stunde heraufführt, wenn wir alle vereint sein werden, wenn „alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter dienen‘“ („Nostra aetate“ Nr. 4).

 

 

3) Evangelisch

„Die Tatsache, dass Juden dieses Bekenntnis nicht teilen, stellen wir Gott anheim.“ (3)

K U N D G E B U N G
der 12. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auf ihrer 3. Tagung, 9. November 2016
„… der Treue hält ewiglich.“ (Psalm 146,6)
Eine Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes

2. Die Studie „Christen und Juden III“ der Evangelischen Kirche in Deutschland hat im Jahr 2000 festgehalten: „Der Begriff ‚Bund‘ verweist auf das Handeln Gottes, seine begleitende Treue, von der Juden und Christen gleichermaßen leben“ (46). Daraus folgt für uns:
Christen sind – ungeachtet ihrer Sendung in die Welt – nicht berufen, Israel den Weg zu
Gott und seinem Heil zu weisen. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.

3. Christen sind durch den Juden Jesus von Nazareth mit dem Volk Israel bleibend verbunden. Das Verhältnis zu Israel gehört für Christen zur eigenen Glaubensgeschichte und Identität. Sie bekennen sich „zu Jesus Christus, dem Juden, der als Messias Israels der Retter der Welt ist“ (EKIR, Synodalbeschluss von 1980). Die Tatsache, dass Juden dieses Bekenntnis nicht teilen, stellen wir Gott anheim. Auf dem Weg der Umkehr und Erneuerung haben wir von Paulus gelernt: Gott selbst wird sein Volk Israel die Vollendung seines Heils schauen lassen (vgl. Röm 11,25 ff). Das Vertrauen auf Gottes Verheißung an Israel und das Bekenntnis zu Jesus Christus gehören für uns zusammen. Das Geheimnis der Offenbarung Gottes umschließt beides: die Erwartung der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit und die Zuversicht, dass Gott sein erstberufenes Volk rettet.

Diskussionspapier zu Laudato si von Papst Franziskus

20180926 Laudato si‘_Thesen_Literaturabend_Pfarrsprengel Basdorf Wandlitz Zühlsdorf
www.kirche-wandlitz.info/angebote/literaturabend.html

Diskussionspapier von Lutz Hausmann, (auch als PDF)

[Hier gelangen Sie zum Originalpapier, der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus]

ENZYKLIKA

LAUDATO SI‘

VON

PAPST FRANZISKUS

ÜBER DIE SORGE FÜR DAS GEMEINSAME HAUS

Die Enzyklika reagiert auf die Ökologische Krise, den Klimawandel und die Erderwärmung, die vor allem die Armen schon jetzt als ökologische Katastrophe bedrohen.

Sie wurde erlassen am 24. Mai 2015 (Pfingstsonntag) als Impuls zur Klimakonferenz 2015 in Paris.

Die Enzyklika verlangt eine Umkehr der Menschheit zur Rettung des Planeten und des Schöpfungsziels.

Ihr Inhalt ist im Folgenden als Arbeitsthesen zusammengefasst.

Umkehr

Die Enzyklika fordert die Umkehr zu einer Einheit mit Gott und Gottes Willen.

Gemeinschaft

Die Einheit erkennen wir in der Schöpfung, in der Einheit des lebendigen Körpers aller Lebewesen.

Machbarkeit und Relativismus Die Ganzheit/Einheit

Die Einheit mit Gott und der Schöpfung verstehen wir nur ganzheitlich. Die Ansätze des wissenschaftlich-wirtschaftlichen-technologischen Komplexes können nicht zum Wesenskern unserer Lebensbestimmung vordringen, weil ihre Ansätze zu eng fokussiert sind.

Lebensbestimmung = Auftrag Gottes

Wir Menschen sind als erschaffene Personen eine gelebte Einheit in uns, mit unserem Körper und allem, was diesen Körper erhält und nährt. Die Einheit der Schöpfung schließt die geistigen Dimensionen der Schöpfung mit ein.

Die Einheit der Schöpfung zu erkennen, sie zu nähren und weiter auszubauen sieht Papst Franziskus als Auftrag und Bestimmung des Menschen.

Dreifaltigkeit / Dreieinigkeit, vom Tod aufgefahrener Jesus Christus

Der gelebte Wesenskern dieser Einheit des Menschen mit allem Lebendigen ist christlich beschrieben und nachvollziehbar gemacht in den Metaphern „Dreifaltigkeit“/“Dreieinigkeit“ und dem vom Tod aufgefahrenen Jesus Christus.

Sinnbestimmung / Auftrag des Menschen

Theologisch sieht Papst Franziskus den Menschen im Auftrag und in der Pflicht, der Schöpfung, dem lebendigen Ganzen zu dienen.

Die Natur unter die menschliche Herrschaft zu nehmen, ist eine Fehlinterpretation.

Der wirtschaftlich-technologische

Komplex

Das gegenwärtige und seit Jahrhunderten währende Zusammenwirken von Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie ist ein Weg in die Vernichtung der lebendigen Schöpfung auf der Erde und führt in die Katastrophe.

Techno-Science:

Segen vs. Relativismus

Es gibt einen Gegensatz zwischen einer „integrierten Techno-Science“, die die Schöpfung auch biologisch befördert und eines wirtschaftlichtechnologischen Komplexes, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und so keinen Zugang zur Einheit, zum Wesenskern des Seins findet.

Relativismus und Finanzwirtschaft

Auch die gegenwärtige Finanzwirtschaft gehört zu diesem Relativismus.

Der Relativismus führt zur Ausgrenzung.

Die Kosten werden unzulässig verallgemeinert.

Die Konzentration auf das technologisch Machbare führt zur Ausgrenzung vielfältigster Art: Von Zielen, Belangen, biologischen Arten, Teilen des Ökosystems und von vor allem armen Menschen.

Die Kosten des Relativismus werden unzulässig verallgemeinert. Die Kosten der Armut und der Zerstörung werden ausgegrenzt.

Aktuell finden wir eine Reduzierung

– der Einheit/Ganzheit der Schöpfung

– und dadurch des Wirkens und der Verherrlichung Gottes

Aktuell finden wir die Vielfalt der Arten und die Komplexität der Ökosysteme stark von Menschenhand reduziert.

Nach Ansicht von Papst Franziskus sind damit auch das Wirken und die Verherrlichung Gottes innerhalb der Schöpfung reduziert.

Die Menschheit, als integrierter Teil der Schöpfung, ist daher ebenfalls gefährdet und geschädigt.

Kommunikation

vs. Nicht-Kommunikation innerhalb des Wesenskerns,

d.h. Ungleichheit biologischer vs. gemachter Veränderungen

Die menschengemachten Reduzierungen der letzten Jahrhunderte sind nicht gleichzusetzen mit den evolutionären Veränderungen der letzten Jahrtausende, weil hier keine ganzheitlichen Veränderungen aus dem Wesenskern der Schöpfung heraus stattgefunden haben.

Menschenwürde / Würde der Schöpfung/ der biologischen Vielfalt;

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er Gottes Auftrag und Ziel verfolgt.

Personhaftigkeit des Menschen

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er in der Lage ist, Gottes Auftrag und Ziel zu verfolgen.

Dann ist der einzelne Mensch eine Person und nicht irgendetwas.

 

Politische Forderungen

Entmachtung und das Zurückfordern von Macht als gedeihlicher Weg aus der Klimakrise.

Die Macht zur Gestaltung der Erde ist in den Händen des wirtschaftlichtechnologischen Komplexes.

Dieser ist nach Papst Franziskus in einer Dynamik gefangen, die ihm nicht erlaubt, seine Selbstfokussierung von innen heraus zu überwinden. Dies müssen die Konsumenten, die Menschen des Planeten selbst tun.

Zentrale Strukturen der

Normdurchsetzung (Abschnitt 175)

Zur Überwindung dieser Selbstfokussierung benötigt die Menschheit zentrale Strukturen der Normdurchsetzung.

Siehe dazu die Soziallehre der Kirche und Schriften von Papst Benedikt XVI. und von Papst Johannes XXIII.:

Forderungen nach dem „Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität.“

Und wiederum, Umkehr!

Die von Papst Franziskus geforderte Umkehr geschieht im persönlichen, familiären, sozialen und kulturellen Kreis

– in Form einer „positiven Askese“,

– der Konzentration auf das Notwendige,

– der Solidarität mit den Ausgegrenzten und/oder Armen,

– der Solidarität mit dem Leben (gegen Abtreibung).

Kommentar zur Schöpfungsbewahrung

Anlässlich eines Gemeindefestes am Weltladentag 2019
11.05.2019

Schöpfung! Wir sind Teil davon. Ohne sie würden wir nicht existieren, könnten wir nicht existieren. Aber das, was wir Schöpfung nennen, könnte gut ohne uns geschehen. Andersherum gibt es nicht wenige Menschen, die glauben, eine technische Nachschöpfung wäre eine Zukunftsoption; künstliches Leben einschließlich Befruchtung in Vitro für den Menschen und alles was er zum Leben benötigt?

Die Mehrheit der Menschen ist zurzeit besorgt. Es gibt kaum jemanden, der den Witz von den zwei Planeten, die sich begegnen, nicht versteht. Dem einen geht es schlecht. Er hat Menschen. Der andere Planet beruhigt ihn. Keine Sorge, diese Krankheit gehe schnell vorüber. Eine Schöpfung ohne Mensch? Ist das von der Schöpfung so gedacht? Ist das von unserem Schöpfer so gewollt?

Die christliche Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Papst Franziskus hat sie in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ beantwortet. Die Initiative der orthodoxen jüdischen Rabbiner, mit der sie den Christen eine Hand reichen, beantwortet die Frage ebenfalls. Die Position der protestantischen Kirchen, ob der Mensch ein gewollter Teil der Schöpfung ist, ist auch eindeutig.

Der Mensch ist für die jüdisch-christlichen Schriften keine Krankheit der Erde, sondern ein ganz besonderer Mittler Gottes zu seiner Schöpfung. So wie Jesus-Christus ein Mittler des Menschen hin zu Gott ist, so ist die Menschheit ein Mittler Gottes hin zu seiner Schöpfung auf dieser Erde.

Gott hat in den Schriften etwas vor mit den Menschen. Nirgendwo kann man herauslesen, dass der Mensch der Zerstörer seiner Schöpfung sein soll. Da stimmt also heute etwas nicht!

Was haben Theologen zum prekären Verhältnis des Menschen zur Schöpfung zu sagen? Im Karl-Barth-Jahr gibt es hin und wieder die Erwähnung seiner Vorstellung der grundsätzlichen Erlöstheit der Menschheit. Luther glaubte noch stark an einen zweifachen Ausgang der Menschheitsgeschichte, an einen Ausgang zum Heil und einen Ausgang zur Verderbnis. Dies wird heute gern als mittelalterlicher, heute überwundener, Höllenglaube abgetan. Aber, ironisch gefragt, wenn der Mensch eine Seele haben sollte und er stürbe, ohne dass seine Seele eine Heimat finden könnte, wäre das nicht sein Verderben?

Also wie ist das mit dem Menschen und der Schöpfung? Das Thema hat wohl irgendwie mit Heimat zu tun und vielleicht irgendwie mit Heimat in einem übergeordneten Sinne.

Das sich wohlfühlende, sich im eigenen Körper Beheimatetfühlen gilt heute als zivilisatorisches Recht des Menschen. Und unsere Zivilisation bietet uns in dieser Hinsicht auch Einiges. Auch sich in besonderen Formen der Familie beheimatet zu fühlen, ist heute mehr und mehr ein zivilisatorisches Recht. Der Besitz schließlich wird ganz besonders beschützt, eben weil er mit der Beheimatung des Menschen so zentral verbunden ist. Aber eben gerade bei der Beheimatung in Körper, Familie und Besitz erleben wir auch die größten Zivilisationsbrüche.

Ein ernstes Symptom unserer zivilisatorischen Verschränktheit ist unsere Unfähigkeit, einen guten Weg zu finden. Unsere Zivilisation führt vermehrt zu Brüchen, weil wir uns immer weniger von ihr lösen können, wenn wir versuchen unser heilig lebendiges Leben zu gestalten.

Wir Menschen besitzen nicht die Schöpfung und wir müssen uns hin und wieder fragen, ob das kleine Königreich, das wir uns geschaffen haben, in die Vorstellung einer übergeordneten Beheimatung in der Schöpfung passt. Das ist ein schwieriges Thema, zu dessen Bewältigung unsere Kultur noch keine Wege kennt.

In den Kirchen beten und fürbitten wir. Aber Wege hinein in eine Einheit des Lebendigen finden wir dort nur als Benennung der Herausforderung. Wenn wir uns mit dem Thema Mensch und Schöpfungsbewahrung beschäftigen, schwanken wir hin und her, wir prallen von einer Wand zur anderen und stoßen uns. Uns als Teil des heiligen Lebens zu empfinden und es zugleich zu gestalten, das wäre der Weg, der uns zu Gott führen würde.

Der christliche Weg damit umzugehen, ist sich der höchsten Instanz, der man zugänglich ist, anzuvertrauen und sowohl Chancen zu schaffen, wie auch Chancen für andere zuzulassen. Zu einer solchen Beheimatung im höheren Sinne gehört auch die Hoffnung. Aber der Freude und Hoffnung im Garten hinter dem Haus entsprechen manchmal drei Autos vor dem Haus. Es sind keine einfachen Verhältnisse, in denen wir leben.

Text: Lutz Hausmann

Thesenpapier zur christlichen Gerechtigkeit

Literaturabend am 07. März 2018
Lutz Hausmann

Der Bund Gottes mit den Israeliten

Alttestamentlich ist Gerechtigkeit die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk. Der Gottesbund nach den Anweisungen, die Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte, führt zu einem gerechten Leben (vor allem 3. und 5. Buch Moses, Levitikus und Deuteronomium).

Gottes Bund der Regeln mit dem jüdischen Volk

Dieser Bund der Gerechtigkeit ist ein Bund, der über die Befolgung von Regeln erhalten wird oder eben auch nicht. Vor allem die Prophetenbücher sind Zeuge für die Ungerechtigkeit des Volkes Israel seinem Gott gegenüber.

Der neue Bund mit Gott über Jesus Christus als Mittler

Für die frühen Christen ist Christus der Gerechte an sich. Er bringt einen völlig neuen Gerechtigkeitsbegriff, den neuen Bund Gottes, den Jesus Christus auf der Erde verankert hat und für den Jesus Christus der Mittler ist und am Ende der Tage der Richter sein wird.

Paulus

Paulus erweitert diesen Bund auf die gesamte Menschheit und löst ihn ab von der Befolgung der speziellen jüdischen Regeln.

Für Paulus wird ein Christ gerecht, wenn er Christus nachfolgt und seinen persönlichen Willen unter den Willen der christlichen Gemeinschaft stellt.

Paulus betont die Gemeinschaft, weil der Einzelne nur in ihr die christliche Wahrheit erfahren kann. Nur in der christlichen Gemeinschaft lebt der Einzelne den Geist der Bergpredigt und damit das Gebot zur Hinwendung zum Nächsten. Indem Jesus Christus die geistige Gemeinschaft mit und unter den Menschen hält, erfährt der Einzelne durch die Aufnahme des Heiligen Geistes eine Form der Einheit mit Gott.

Gerecht werden heißt hier, aus der Abspaltung hinaus zu gehen, in die Einheit mit Gott zurückzukehren und doch als Individuum zu existieren.

Gerechtigkeit Gottes

Gott ist in dieser Vorstellung gerecht, weil er durch das Opfer von Jesus Christus jedem auch noch so verletzten und ausgegrenzten Menschen das Erleben Seiner Gegenwart erlaubt.

Gerechtigkeit des Menschen

Die Menschen sind in dieser Vorstellung gerecht, wenn sie in die Gemeinschaft der Gegenwart Gottes streben.

Der Mensch hat nach der christlichen Vorstellung mit Jesus Christus zwar den Kompass hin zu dieser Gerechtigkeit in sich, aber nicht den Plan.

Nur der dreieinige Gott hält und fügt den Plan zur Einheit seiner Schöpfung.

Gerechtigkeit innerhalb der Einheit der Schöpfung

Wir Menschen handeln und werden nicht aus uns selbst heraus gerecht. Wir müssen, um der Einheit der Schöpfung willen, die die friedliche Gemeinschaft der Menschen untereinander einschließt, um Gerechtigkeit bitten und uns wie die Kinder führen lassen. Gebete, Bitten und das Aufsuchen der lebendigen Glaubensresonanz im Inneren geben den Christen Geborgenheit in einem größeren Ganzen, das sowohl als absolut wie als persönlicher Ursprung erlebt wird. So kann sich Gerechtigkeit einstellen als Ergebnis eines Lebensflusses, der immer wieder in neuem Leben mündet und den Tod überwindet, und so verfliegt die Angst vor der Selbstauflösung, auch wenn sich menschliches Handeln vielfältigen Korrekturen stellen muss.

 

Die Nachwirkungen des frühen und späten Dualismus im christlichen Europa

Schon früh drangen ins Christentum von Außen Vorstellungen einer gespaltenen Schöpfung ein: einer guten, versorgenden, in die Einheit aufnehmenden jenseitigen Geistesschöpfung und einer mit den Schmerzen des Diesseitigen verbundenen, materiellen Schöpfung.

Der Heilsweg des Gläubigen in der Gnosis und beeinflusst vom Manichäismus und später im zweiten Jahrtausend der Heilsweg der Katharer und Bogomilen bestand in der Meidung allen diesseitigen materiellen Lebens.

Diese und andere dualistische Einprägungen haben lange und vielfältige Spuren in der Geschichte des Christentums hinterlassen.

Nicht in den dualistischen Sekten selber, aber im restlichen christlichen Europa gab es immer wieder Zeiten des Ausgrenzens und Ausmerzens von angeblich dem Teufel unwiederbringlich verfallenen Menschengruppen: Muslime, Juden, Türken, Hexen nur als Beispiele.

Diesseitig orientierte, ungebildete einfache Menschen wurden zudem als Menschen zweiter Klasse angesehen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfahren konnte. Ihnen war, aufgrund der Erbsünde, das harte Los des Leidens am Leben vorbehalten. Christlich gebildete Menschen hatten dagegen die Möglichkeit, sich dem Geistigen zu zuwenden und von der geistigen Gerechtigkeit zu profitieren, die den heiligen Märtyrern bereits widerfahren war. Die Zweiteilung der Menschen in geistige und geistliche Menschen einerseits und diesseitig an die Erbsünde gebundene Menschen andererseits gehörte zur Gerechtigkeitsvorstellung des europäischen Christentums vom Kirchenvater Augustin an bis zur beginnenden Neuzeit.

Die Gerechtigkeit des scharfen Schwertes

Beginnend im karolingischen Kaiserreich, weiter während der Inquisition und bis zum lutherischen und calvinistischen Radikalismus, schließlich insgesamt im Zeitalter des Konfessionalismus im 16. und 17. Jahrhundert war der Begriff der Gerechtigkeit des scharfen Schwertes (oder entsprechende Formulierungen) weit verbreitet. Immer ging es um das Abtrennen des Verdorbenen, um das noch Gute zu retten. In diesem Sinne waren Grausamkeiten gerecht, weil sie dem verwerfenden Richterspruch des jüngsten Gerichtes voraus griffen. Christen gaben sich hier das Recht, eine göttliche Gerechtigkeit vorweg zu empfinden und für Gott stellvertretend, strafend zu handeln.

Endzeiterwartungen

Möglich geworden war dies u.a. durch überlieferte Aussprüche Jesu, durch das einflussreiche Weiterwirken der Ideen des Kirchenvaters Augustin, aber auch durch die starke Endzeiterwartung und die apokalyptischen Schriften vom Antichrist.

Augustin, die Verwaltung der Sakramentskirche und die Rechtfertigung vor Gott

In einer Zeit der Wirren und des zerfallenden römischen Reiches entwickelte Augustin die Idee einer das Heil verwaltenden sowohl dies-, wie jenseitigen Sakramentskirche als Rettung der Gläubigen. Diese ursprünglich um der Gerechtigkeit Willen umgesetzte Idee entwickelte mit der Zeit Kräfte gegen sich selbst.

In der Überlieferung dieser Ideen entstand im europäischen Christentum des zweiten Jahrtausends eine Zweiteilung des Heils. Um heil, also gerechtfertigt vor Gott treten zu können, war die Aufnahme aller von der Kirche verwalteten Sakramente während eines Lebenslaufes notwendig. Dem gelehrten Klerus und dem Fürstenstand war dies möglich, dem einfachen Volk aber bewusst verwehrt (kein Abendmahl in beiderlei Gestalt).

Auch entwickelte sich eine Werkgerechtigkeit, die heutige kapitalistische Wertvorstellungen vorwegnahm. Gottes Segen wurde mit diesseitigem Reichtum verbunden, auch wenn dieser wachsende Reichtum mit den Mitteln des Reichtums selbst erzwungen war.

 

Wiederentdeckung der urchristlichen Gerechtigkeitsvorstellungen im Protestantismus

Die Reformationszeit war vor allem eine Reform der Rechtfertigung vor Gott. Diese Reform geschah im Luthertum wie im reformierten Christentum Züricher und Genfer Prägung (dem Calvinismus) und anderen christlichen Ausprägungen der Reformationszeit.

Gerecht wurde der Christ hier vor Gott, wie im paulinischen Urchristentum, allein mit Hilfe des Mittlers Jesus Christus. Die Herausarbeitung und Vermittlung einer gerechten Kirchenlehre wurde hier zentral. Das priesterliche Lehramt führte, als Gerechtigkeitshandlung, den ungebildeten Christen hin zur Aufnahme der gerechten Lehre, die alleine auf die Gegenwart des lebendigen Gottes in jedem Einzelnen zuführte. Diese Gegenwart wurde zur allein gültigen gnädigen Gerechtigkeit Gottes und jedem Menschen als Resonanz auf sein Bemühen zugänglich gemacht.

Calvinismus (reformiertes Christentum) und politische Gerechtigkeit

Im französischen und englischen Europa der sich entwickelnden Neuzeit befand sich das reformierte Christentum fast ständig in einer Opposition zu den politischen Machtverhältnissen. Anders als das Luthertum entwickelte die reformierte Kirche Frankreichs und der Niederlande (der Calvinismus) und die reformierte Kirche Schottlands und Englands ein geistiges, religiöses Widerstandsrecht gegen ungerechte, weil in ihrem Sinne nicht-christliche, politische Verhältnisse.

Reformiertes Christentum und Humanismus verbinden sich zu neuen Gerechtigkeitsvorstellungen

Aus dem reformiert christlichen Widerstandsrecht und dem reichen Erbe der Antike entwickeln sich Gerechtigkeitsvorstellungen, die von anthropologischen Vorstellungen des Entwicklungspotentials des Menschen an sich ausgehen. Gerecht ist hier, was dem Menschen und dem menschlichen Gemeinwesen seine Entfaltung erlaubt.

In der Folge entstehen Gerechtigkeitsformulierungen, angefangen bei der französischen Menschenrechtserklärung und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu sozialistischen Manifesten.

Aufklärung und liberales Christentum entarten kurzfristig im Deutschen Christentum

In Deutschland verbindet sich dieser moderne Humanismus im 18 und 19. Jahrhundert mit der Aufklärung und einem liberalen Christentum. Für ein neues aufgeklärtes, liberales Christentum stehen z.B. Autoren wie Lessing, Goethe, Herder, Kierkegaard und Schleiermacher.

Im liberalen Christentum gerät die Gesamtschöpfung und die „schlechthinnige Abhängigkeit“ des Menschen darin in den Fokus des bürgerlichen christlichen Denkens. Dies geschah um so mehr, indem die Gedanken Charles Darwins aufgenommen wurden.

Es geht dann, in der Folge von Darwin, um eine Schöpfung, in der sich der Mensch behaupten muss als einer unter vielen. Gerecht ist jetzt, wenn man seine eigenen Vorzüge gegen andere ausspielt. Das Gottesgeschenk der eigenen Exzellenz und Überlegenheit muss gegen andere durchgesetzt und bewahrt werden. So wird man in diesem Denken Gottes Schöpfung gerecht.

In Deutschland gipfelten diese christlichen Einstellungen im nationalsozialistischen Deutschen Christentum und anderen entsprechenden christlichen Ausprägungen.

Bewahrung der Schöpfung im Zentrum der christlichen Gerechtigkeit

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dem Aufbau des atomaren Vernichtungspotentials verdichtet sich ein christliches Gerechtigkeits-Pradigma, das der gesamten Schöpfung gerecht werden und sie bewahren will.

Das christliche Gerechtigkeitsempfinden verbindet sich hier wieder mit Vorstellungen des paulinischen Urchristentums. Die Instanz der Gerechtigkeit liegt außerhalb des Menschen in einem versorgenden, behütenden Gott, zu dem wir als Christen wieder eine Verbindung finden müssen. Angestrebt wird eine Verbindung zu Gott, in der sich die Christen wieder notwendig demütig vor der Einheit der gesamten Schöpfung verneigen und sie so bewahren können.

Globalisierung und Nächstenliebe

Jenseits der Bergpredigt, dem Prinzip der Hinwendung zum Nächsten und dem Grundsatz der Bewahrung der Schöpfung sind die Fragen, wie denn christliche Gerechtigkeit im Einzelnen tatsächlich gelebt werden kann, weiterhin offen. Gerade im aufgeklärten Christentum bleibt es dabei: Um Gerechtigkeit muss unter den Menschen gerungen werden. Weiterhin sind auch unter Christen Fragen virulent wie: „Wer gehört alles in das Boot der Gerechtigkeit und wer nicht?“ Geistig wird allen Menschen prinzipiell die Heilsberufung zugesprochen, aber wenn es darum geht, alle Menschen dieses globalisiert zusammengerückten Planeten als Nächste anzusehen, fängt das Ringen an. Genauso ist es mit der Bewahrung der Schöpfung. Vieles ist schon verloren und die Versuchung, weiteres verloren zu geben, ist groß.

Zentral in der christlichen Ethik sind heute die Zugangs- und die Verteilungsgerechtigkeit und die Frage der Einheit der Schöpfung, zu der die Einheit der Menschen untereinander und die Unversehrtheit der Menschen dazu gehören. Zentral ist auch die Ungleichheit zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Wir bewohnen unsere Erde heute in einem von uns gemachten Zustand. Die Göttliche Schöpfung dieses Ortes im Universum ist verborgen hinter dem Schleier des Gemachten der menschlichen Mitschöpfer. Nur, wir erschaffen nicht das Leben, das wieder Leben gebiert. Wir erschaffen Funktionierendes, das das Leben verdrängt.