Gewordenes und Gemachtes – Menschliche Existenz als Gewordenes im Gemachten

Gewordenes und Gemachtes – Menschliche Existenz als Gewordenes im Gemachten

Gewordenes und Gemachtes als zwei Formenkreise, die sich auf der Erde gegenüber stehen

Menschliche Existenz als Gewordenes im Gemachten

Wir leben in einer planetaren Umgebung, in der das Gemachte das Gewordene zunehmend verdrängt. Dass man dies als planetarische Tatsache ausdrücken kann, ist relativ neu. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Prozess verstetigt und gilt seit geraumer Zeit in jeder Weltgegend als unumkehrbar.

Die Versiegelung und Verstädterung der Erde, die zahlreichen erheblichen Umweltbelastungen und das Artensterben sind Indikatoren, die am deutlichsten das neue Bild des Lebens auf diesem Planeten bestimmen.

So erleben viele Menschen das Gewordene nur inselhaft oder unklar. Selbst auf dem Land ist es nicht so präsent, wie es den Anschein hat. Erstens hat sich auf das Gewordene ein Schleier gelegt. Es sind Microplastik, Quecksilber, Weichmacher, Pestizide und Klimagase, die praktisch überall als menschengemacht nachweisbar sind. Zweitens leben die meisten westlichen Menschen in einer undurchdringlichen Blase des Gemachten. Selbst wenn hinter ihrem Haus ein Garten liegt, betreten sie das Gewordene fest eingefügt in das Gemachte, das sie immer mit sich nehmen. Das ist auch in Urlauben und Ausflügen der Fall. Der mentale Ort, an dem die meisten Menschen auf der Erde leben, ist im Gemachten.

Wenn wir feststellen, dass das Gemachte das Gewordene verdrängt, betrifft dies deshalb nicht nur die Biosphäre. Es betrifft auf genauso dramatische Weise unser Bewusstsein, unsere Art, wir selber zu sein, unsere Personhaftigkeit. Darum soll es im Folgenden gehen.

 

Unser waches Ich-Bewusstsein, unser „Jetzt-Fokus“, aus dem wir uns in der Welt erleben, hat kein klar umschriebenes physisches Korrelat. Es gibt viele Gehirn- und andere Körperteile, die dazu beitragen, aber es gibt keine Zentrale dafür. Es ist vielmehr so, dass sich alle relevanten neuronalen Funktionsteile wie in einem Qualitätsfokus dezentral verbinden und zusammenwirken, ohne dass das wache Ich-Bewusstsein selbst spezifisch neuronal situiert wäre.

Hypothetisch könnte man formulieren: Der bewusst erlebte Jetzt-Fokus ist mental bereits da und wird nicht von Gehirn und restlichem Körper erzeugt. Der bewusst erlebte Jetzt-Fokus scheint ein Qualitätsfokus zu sein, in dem sich alle relevanten Gehirn- und Körperteile selektiv versammeln.

Der spezifische Qualitätsfokus, der das Gewordene der letzten 13,8 Milliarden Jahre weiter Gewordenes und Werdendes sein lässt, ist so als Ausdruck unserer Identität oder zumindest als qualitatives Äquivalent, eventuell auch in unserem wachen Ich-Bewusstsein anwesend.

Mehr noch, es ist nicht abwegig zu vermuten, dass die spezifische Qualität des Gewordenen mit unserem wachen Ich-Bewusstsein auf eine Art und Weise kongruent ist und wir diese Qualität sind.

In Trance und kreativen Flow-Erfahrungen weitet sich dieser Qualitätsfokus weit über uns hinaus aus, und wir sind im Jetzt-Erleben das alles, was uns handelnde Person sein lässt. Wir erleben eine Einheit als Handelnde mit dem Rahmen, in welchem wir handeln. Dies ist ein besonderes Einheits-Erlebnis, das ebenfalls in Ruhe, nur aus einer Beobachtungshaltung heraus, erlebt werden kann. Auch im Alltagsbewusstsein sind wir nie nur wir selber alleine. Aber das, was wir bewusst als Selbst erleben, ist, anders als in Trance oder Flow, im Alltag eine zeitlich wie räumlich deutlich strukturierte Erfahrung. Dabei hat der Qualitätsfokus, der uns ich-bewusst und Selbst sein lässt, eine stark integrierende Funktion.

Solange wir dabei wach bleiben und uns als Ich erfahren, das dies alles erlebt, sind wir, mit Hilfe dieser integrierenden Funktion, Person. Unser Leben vollzieht sich in der Form der Personhaftigkeit. An anderer Stelle gehe ich unter dem Thema Dreieinigkeit darauf ein. Anders als in der kirchlichen Dreifaltigkeit ist damit die Einigkeit der drei Dimensionen AUS, MIT und ALS gemeint.

Manchmal bleiben wir fasziniert vor einem älteren Baum stehen. In der Wuchsform und in der Gestalt des Stammes spüren wir sein Gewordensein. Sie erreicht uns plötzlich als seine formgewordene Existenz. Der Baum „ist“ die Zeit, in der er geworden ist. Diese Zeit tritt uns in der Gestalt des Baumes entgegen. Fasziniert sind wir wie glücklich gefesselt von dieser Präsenz, die schon so lange währt; gewachsene Zeit, Gewordenheit, die ständig ist.

Das, was uns als plötzliches Gewahrwerden einer solchen Präsenz in der Natur fasziniert, ist eventuell das, was wir als Gewordenes selber ebenso sind. Wir sind aus einer Herkunft. Wir sind dies mit allem, was sich seitdem in unser Leben hineingewoben hat, und unser waches Ich-Bewusstsein erlebt sich „als das alles“.

Dies alles kann als Personhaftigkeit bezeichnet werden. Die Grundstruktur dieser Personhaftigkeit ist der Qualitätsfokus der Dreieinigkeit von AUS, MIT und ALS.

Es ist praktisch nicht möglich, diesen Qualitätsfokus unseres Gewordenseins zu verlassen, so wie wir unser Gewordensein nicht verlassen können.

Dieser Fokus kann in Trance und anderen Erfahrungen sehr ausgeweitet, andererseits aber durch besondere Existenzerfahrungen auch stark eingeengt werden. Ein traumatisches Ereignis ist der Extremfall einer solchen Einengungserfahrung unserer Personhaftigkeit.

Immer dort, wo es um Leben und Tod geht und oft dort, wo es um Existenzfragen geht, sind wir verletzbar dafür, dass daraus ein unsere Existenz bestimmendes Ereignis erwächst. Existenzereignisse öffnen und verschließen uns, je nachdem. Mehr oder weniger aufdringlich oder mehr oder weniger subtil sind wir dann fortan AUS diesem Existenzereignis, MIT allem, was daraus erwuchs, ALS das alles. Oft überlagern sich, auf diese gleiche Weise, verschiedene Existenzempfindungen.

Der Schmerz, unter dem wir mittlerweile alle leiden, ist der, nicht mehr im Gewordenen zu leben. Wir haben nicht unsere Dreieinigkeit verloren, aber wir sind nun dreieinig innerhalb des Gemachten.

Dies ist eine Art Gefängnis, in dem wir uns arrangiert haben. Unsere Personhaftigkeit webt, auch innerhalb des Gemachten, ein Leben, das immer weiter geht. Dass es weiter geht, das ist unser Leben, obwohl es längst seine eigentliche Qualität verloren hat.

Wenn etwas wächst, wächst es in etwas hinein. Wir wachsen als Gewordenes in das Gemachte hinein.
Was bedeutet dies nun für uns als handelnde Wesen?

Es ist schwer für uns als gewordene Wesen sowohl im Gemachten, wie im Gewordenen zu verweilen. Es ist das Gemachte, in dem wir in unserer Personhaftigkeit in Dreieinigkeit existent sind. Wir existieren in Dreieinigkeit im Gemachten. Deshalb können wir das Gemachte auch nie wirklich verlassen, auch wenn wir herrliche Naturerlebnisse haben.

Wir sind einer Qualität verbunden und glauben, sie im Gemachten zu erleben. Deswegen geben wir unsere Lebenskraft in etwas, was diese Lebenskraft nicht halten kann. Mit dieser Umschichtung leben wir uns aus dem Gewordenen hinaus, das wir selber sind, in das Gemachte hinein. Eine fatale Situation, die sich planetar gerade zuspitzt.

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