Diskussionspapier zu Laudato si von Papst Franziskus

20180926 Laudato si‘_Thesen_Literaturabend_Pfarrsprengel Basdorf Wandlitz Zühlsdorf
www.kirche-wandlitz.info/angebote/literaturabend.html

Diskussionspapier von Lutz Hausmann, (auch als PDF)

[Hier gelangen Sie zum Originalpapier, der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus]

ENZYKLIKA

LAUDATO SI‘

VON

PAPST FRANZISKUS

ÜBER DIE SORGE FÜR DAS GEMEINSAME HAUS

Die Enzyklika reagiert auf die Ökologische Krise, den Klimawandel und die Erderwärmung, die vor allem die Armen schon jetzt als ökologische Katastrophe bedrohen.

Sie wurde erlassen am 24. Mai 2015 (Pfingstsonntag) als Impuls zur Klimakonferenz 2015 in Paris.

Die Enzyklika verlangt eine Umkehr der Menschheit zur Rettung des Planeten und des Schöpfungsziels.

Ihr Inhalt ist im Folgenden als Arbeitsthesen zusammengefasst.

Umkehr

Die Enzyklika fordert die Umkehr zu einer Einheit mit Gott und Gottes Willen.

Gemeinschaft

Die Einheit erkennen wir in der Schöpfung, in der Einheit des lebendigen Körpers aller Lebewesen.

Machbarkeit und Relativismus Die Ganzheit/Einheit

Die Einheit mit Gott und der Schöpfung verstehen wir nur ganzheitlich. Die Ansätze des wissenschaftlich-wirtschaftlichen-technologischen Komplexes können nicht zum Wesenskern unserer Lebensbestimmung vordringen, weil ihre Ansätze zu eng fokussiert sind.

Lebensbestimmung = Auftrag Gottes

Wir Menschen sind als erschaffene Personen eine gelebte Einheit in uns, mit unserem Körper und allem, was diesen Körper erhält und nährt. Die Einheit der Schöpfung schließt die geistigen Dimensionen der Schöpfung mit ein.

Die Einheit der Schöpfung zu erkennen, sie zu nähren und weiter auszubauen sieht Papst Franziskus als Auftrag und Bestimmung des Menschen.

Dreifaltigkeit / Dreieinigkeit, vom Tod aufgefahrener Jesus Christus

Der gelebte Wesenskern dieser Einheit des Menschen mit allem Lebendigen ist christlich beschrieben und nachvollziehbar gemacht in den Metaphern „Dreifaltigkeit“/“Dreieinigkeit“ und dem vom Tod aufgefahrenen Jesus Christus.

Sinnbestimmung / Auftrag des Menschen

Theologisch sieht Papst Franziskus den Menschen im Auftrag und in der Pflicht, der Schöpfung, dem lebendigen Ganzen zu dienen.

Die Natur unter die menschliche Herrschaft zu nehmen, ist eine Fehlinterpretation.

Der wirtschaftlich-technologische

Komplex

Das gegenwärtige und seit Jahrhunderten währende Zusammenwirken von Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie ist ein Weg in die Vernichtung der lebendigen Schöpfung auf der Erde und führt in die Katastrophe.

Techno-Science:

Segen vs. Relativismus

Es gibt einen Gegensatz zwischen einer „integrierten Techno-Science“, die die Schöpfung auch biologisch befördert und eines wirtschaftlichtechnologischen Komplexes, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und so keinen Zugang zur Einheit, zum Wesenskern des Seins findet.

Relativismus und Finanzwirtschaft

Auch die gegenwärtige Finanzwirtschaft gehört zu diesem Relativismus.

Der Relativismus führt zur Ausgrenzung.

Die Kosten werden unzulässig verallgemeinert.

Die Konzentration auf das technologisch Machbare führt zur Ausgrenzung vielfältigster Art: Von Zielen, Belangen, biologischen Arten, Teilen des Ökosystems und von vor allem armen Menschen.

Die Kosten des Relativismus werden unzulässig verallgemeinert. Die Kosten der Armut und der Zerstörung werden ausgegrenzt.

Aktuell finden wir eine Reduzierung

– der Einheit/Ganzheit der Schöpfung

– und dadurch des Wirkens und der Verherrlichung Gottes

Aktuell finden wir die Vielfalt der Arten und die Komplexität der Ökosysteme stark von Menschenhand reduziert.

Nach Ansicht von Papst Franziskus sind damit auch das Wirken und die Verherrlichung Gottes innerhalb der Schöpfung reduziert.

Die Menschheit, als integrierter Teil der Schöpfung, ist daher ebenfalls gefährdet und geschädigt.

Kommunikation

vs. Nicht-Kommunikation innerhalb des Wesenskerns,

d.h. Ungleichheit biologischer vs. gemachter Veränderungen

Die menschengemachten Reduzierungen der letzten Jahrhunderte sind nicht gleichzusetzen mit den evolutionären Veränderungen der letzten Jahrtausende, weil hier keine ganzheitlichen Veränderungen aus dem Wesenskern der Schöpfung heraus stattgefunden haben.

Menschenwürde / Würde der Schöpfung/ der biologischen Vielfalt;

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er Gottes Auftrag und Ziel verfolgt.

Personhaftigkeit des Menschen

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er in der Lage ist, Gottes Auftrag und Ziel zu verfolgen.

Dann ist der einzelne Mensch eine Person und nicht irgendetwas.

 

Politische Forderungen

Entmachtung und das Zurückfordern von Macht als gedeihlicher Weg aus der Klimakrise.

Die Macht zur Gestaltung der Erde ist in den Händen des wirtschaftlichtechnologischen Komplexes.

Dieser ist nach Papst Franziskus in einer Dynamik gefangen, die ihm nicht erlaubt, seine Selbstfokussierung von innen heraus zu überwinden. Dies müssen die Konsumenten, die Menschen des Planeten selbst tun.

Zentrale Strukturen der

Normdurchsetzung (Abschnitt 175)

Zur Überwindung dieser Selbstfokussierung benötigt die Menschheit zentrale Strukturen der Normdurchsetzung.

Siehe dazu die Soziallehre der Kirche und Schriften von Papst Benedikt XVI. und von Papst Johannes XXIII.:

Forderungen nach dem „Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität.“

Und wiederum, Umkehr!

Die von Papst Franziskus geforderte Umkehr geschieht im persönlichen, familiären, sozialen und kulturellen Kreis

– in Form einer „positiven Askese“,

– der Konzentration auf das Notwendige,

– der Solidarität mit den Ausgegrenzten und/oder Armen,

– der Solidarität mit dem Leben (gegen Abtreibung).

Excerpt – Die Tyrannei des Wachstums

20181128 Weltladen Infoabend Gerechtigkeit_Ergänzung Hickel

Excerpt der ersten 10% des Buches, als PDF

Hickel, Jason: Die Tyrannei des Wachstums – Wie globale Ungleichheit die Welt spaltet und was dagegen zu tun ist, dtv 2018 (englisches Original 2017)

Verlagsinformationen:

Jason Hickel, Dr. phil., Anthropologe, geboren in Swaziland, lehrt heute an der London School of Economics. Er schreibt u.a. für den >Guardian< und >Al Jazeera<, engagiert sich in Projekten wie etwa therules.org, hat bereits zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorgelegt und mit seinem ersten Buch für eine allgemeine Leserschaft ein großes Presse-Echo ausgelöst. Schwerpunkte seiner Veröffentlichungen sind: Entwicklung, Ungleichheit und Globalisierung.

Grundthesen des Buches:

1)

Die benachteiligten Länder des Globalen Südens sind nicht unterentwickelt, sondern „hinunterentwickelt.

2)

„Um 1500 herum bestand kein nennenswerter Unterschied in den Einkommen und im Lebensstandard zwischen Europa und dem Rest der Welt.“

3)

Die rasante Wohlstandsentwicklung der letzten 400 Jahre in den nördlichen Ländern beruhte auf der Ausbeutung der Kolonialstaaten.

  • – „Die Plünderung Lateinamerikas kostete 70 Millionen Ureinwohner das Leben; in Indien verhungerten unter der britischen Kolonialherrschaft 30 Millionen Menschen. Der durchschnittliche Lebensstandard in Indien und China, der vor der Kolonialzeit jenem in Großbritannien entsprochen hatte, verschlechterte sich rapide. Das Gleiche gilt für den Anteil dieser Länder am Bruttoweltprodukt, der von 65 auf 10 Prozent fiel, während Europas Anteil sich verdreifachte.“

  • •  „Heute leben rund 4,3 Milliarden Menschen – über 60 Prozent der Weltbevölkerung – in auszehrender Armut und kämpfen darum, mit weniger als dem Gegenwert von fünf US-Dollar pro Tag zu überleben.“

  • •  Die acht reichsten Menschen auf der Welt zusammengenommen besitzen ebenso viel Vermögen wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung.

  • •  „Im Jahr 2000 lag das Durchschnittseinkommen eines US-Bürgers rund neunmal höher als das der Menschen in Lateinamerika, 21-mal höher als das der Bewohner des Nahen Ostens und Nordafrikas, 52-mal über dem in Afrika südlich der Sahara und volle 73-mal über dem der Südasiaten.“

  • •  „Der Abstand zwischen dem realen Pro-Kopf-Einkommen im globalen Norden und dem im globalen Süden hat sich seit 1960 ungefähr verdreifacht.“

4)

Die Entwicklungshilfe, die programmatisch in den Fünfzigerjahren erfunden wurde, ist ein Mittel, diese Ausbeutung fortzusetzen. Ihre unbestreitbaren Erfolge wiegen nicht die Verluste auf, die sie im Globalen Süden mitverursacht.

Für jeden Dollar Entwicklungshilfe, den die Entwicklungsländer erhalten, verlieren sie 24 Dollar durch Nettoabflüsse.

Unbestreitbare Erfolge der Entwicklungshilfe sind:

  • – ihre Steigerung auf derzeit ca. 125 Mrd US$ / jährlich,

  • – und die Verminderung der Kindersterblichkeit.

„So ist zum Beispiel die Zahl der Kinder, die aus vermeidbaren Gründen gestorben sind, von 17 Millionen im Jahr 1990 auf unter 8 Millionen im Jahr 2013 gesunken. Und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter bei der Geburt eines Kindes stirbt, hat im selben Zeitraum um 47 Prozent abgenommen.“

Gemessen an ihren Selbstankündigungen ist die Entwicklungshilfe niederschmettern erfolglos geblieben:

– Beispiel Hunger:

„Auf der ersten Welternährungskonferenz der Vereinten Nationen 1974 in Rom hat bekanntlich der US-Außenminister Henry Kissinger versprochen, dass der Hunger innerhalb von zehn Jahren ausgemerzt sein werde. Damals gab es schätzungsweise 460 Millionen Menschen auf der Welt, die unter Hunger litten. Aber anstatt zu verschwinden, wurde der Hunger immer schlimmer – heute gibt es etwa 800 Millionen unterernährte Menschen, selbst nach konservativsten Maßstäben, und realistischeren Schätzungen zufolge sind es eher zwei Milliarden – beinahe ein Drittel der gesamten Menschheit.“

  • – Beispiel Armut

  • •  „Im Jahr 2015 legten die Vereinten Nationen ihren Abschlussbericht über die Millenniums-Entwicklungsziele [SDG‘s] vor – die erste umfassende Selbstverpflichtung der Welt, Armut zu bekämpfen -, in dem behauptet wird, die Armutsquote sei seit 1990 halbiert worden.“

  • •  Wenn wir uns die absoluten Zahlen ansehen – also das Kriterium, auf das sich die Regierungen der Welt ursprünglich geeinigt hatten -, stellen wir fest, dass es heute ebenso viele arme Menschen gibt wie im Jahr 1981, dem Beginn solcher Erhebungen, nämlich etwa eine Milliarde.“

  • •   [Aber] … „diese Zahlen basieren auf der niedrigsten möglichen Armutsgrenze; in Wirklichkeit ist die Lage noch schlimmer.

  • •  Die Standard-Armutsgrenze erfasst die Anzahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben; doch in vielen Ländern des Globalen Südens reicht ein Dollar pro Tag einfach nicht aus, um eine menschliche Existenz zu führen – ganz zu schweigen von der Würde des Menschen.

  • •  Heute sagen viele Wissenschaftler, ein Mensch brauche etwa das Vierfache dieses Betrages, um eine akzeptable Chance zu haben, bis zu seinem fünften Geburtstag zu überleben, sich ausreichend ernähren und eine normale Lebenserwartung erreichen zu können.

  • •  [Realistisch] „würden wir auf etwa 4,3 Milliarden Menschen kommen, die in Armut leben. Das [sind] . über 60 Prozent der gesamten Menschheit.“

  • – Beispiel Ungleichheit:

  • •  „Als 1960 der Kolonialismus endete, war das Pro-Kopf-Einkommen in den reichsten Ländern der Welt 32-mal höher als im ärmsten Land – ein riesiger Unterschied.“

  • •  . „im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte vergrößerte sich der Unterschied um mehr als das Vierfache: Im Jahr 2000 war das Verhältnis schon auf 134 zu 1 gestiegen.“

  • •  „Anfang 2014 berichtete Oxfam, dass die wohlhabendsten 85 Personen der Welt mehr Reichtum angesammelt hätten als die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung – immerhin 3,6 Milliarden Menschen. Im nächsten Jahr war die Lage noch schlimmer geworden und auch im übernächsten Jahr. Und als Anfang 2017 das Weltwirtschaftsforum in Davos zusammenkam, gab Oxfam bekannt, dass die reichsten acht Menschen der Welt ebenso viel besaßen wie die ärmsten 3,6 Milliarden.“

  • •  „Gegen Ende 2016 veröffentlichten der US-Thinktank Global Financial Integrity (GFI) und das Centre for Applied Research an der Norwegian School of Economics eine Studie, .:

Die Autoren der Studie saldierten sämtliche Finanzressourcen, die jedes Jahr zwischen reichen und armen Ländern transferiert werden: nicht nur Entwicklungshilfe,

Auslandsinvestitionen und Handelsströme, wie es vorher schon in anderen Studien gemacht worden war, sondern auch andere Transfers wie Schuldentilgungen, Überweisungen und Kapitalflucht.

Es handelt sich um die umfassendste Erhebung über Ressourcentransfers, die jemals durchgeführt wurde.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass die Entwicklungsländer im Jahr 2012 gut zwei Billionen Dollar erhalten hatten, einschließlich aller Hilfen, Investitionen und Einkommen aus dem Ausland. Aber mehr als das Doppelte, nämlich etwa fünf Billionen Dollar, flossen im selben Jahr aus diesen Ländern ab.

Mit anderen Worten: Die Entwicklungsländer »schickten« [2012] drei Billionen Dollar mehr in den Rest der Welt, als sie von dort erhielten. Und wenn wir sämtliche Jahre seit 1980 in Betracht ziehen, kumulieren sich diese Nettoabflüsse auf den schwindelerregenden Betrag von insgesamt 26,5 Billionen Dollar – das ist die Summe, die im Laufe der vergangenen paar Jahrzehnte aus dem Globalen Süden abgezogen wurde. [ungefähr die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten und Westeuropas zusammengenommen]

„Drei Billionen Dollar pro Jahr an Netto-Abflüssen ist der 24-fache Betrag des jährlichen Entwicklungshilfebudgets. Mit anderen Worten: Für jeden Dollar Entwicklungshilfe, den die Entwicklungsländer erhalten, verlieren sie 24 Dollar durch Nettoabflüsse.“

Thesenpapier zur christlichen Gerechtigkeit

Literaturabend am 07. März 2018
Lutz Hausmann

Der Bund Gottes mit den Israeliten

Alttestamentlich ist Gerechtigkeit die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk. Der Gottesbund nach den Anweisungen, die Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte, führt zu einem gerechten Leben (vor allem 3. und 5. Buch Moses, Levitikus und Deuteronomium).

Gottes Bund der Regeln mit dem jüdischen Volk

Dieser Bund der Gerechtigkeit ist ein Bund, der über die Befolgung von Regeln erhalten wird oder eben auch nicht. Vor allem die Prophetenbücher sind Zeuge für die Ungerechtigkeit des Volkes Israel seinem Gott gegenüber.

Der neue Bund mit Gott über Jesus Christus als Mittler

Für die frühen Christen ist Christus der Gerechte an sich. Er bringt einen völlig neuen Gerechtigkeitsbegriff, den neuen Bund Gottes, den Jesus Christus auf der Erde verankert hat und für den Jesus Christus der Mittler ist und am Ende der Tage der Richter sein wird.

Paulus

Paulus erweitert diesen Bund auf die gesamte Menschheit und löst ihn ab von der Befolgung der speziellen jüdischen Regeln.

Für Paulus wird ein Christ gerecht, wenn er Christus nachfolgt und seinen persönlichen Willen unter den Willen der christlichen Gemeinschaft stellt.

Paulus betont die Gemeinschaft, weil der Einzelne nur in ihr die christliche Wahrheit erfahren kann. Nur in der christlichen Gemeinschaft lebt der Einzelne den Geist der Bergpredigt und damit das Gebot zur Hinwendung zum Nächsten. Indem Jesus Christus die geistige Gemeinschaft mit und unter den Menschen hält, erfährt der Einzelne durch die Aufnahme des Heiligen Geistes eine Form der Einheit mit Gott.

Gerecht werden heißt hier, aus der Abspaltung hinaus zu gehen, in die Einheit mit Gott zurückzukehren und doch als Individuum zu existieren.

Gerechtigkeit Gottes

Gott ist in dieser Vorstellung gerecht, weil er durch das Opfer von Jesus Christus jedem auch noch so verletzten und ausgegrenzten Menschen das Erleben Seiner Gegenwart erlaubt.

Gerechtigkeit des Menschen

Die Menschen sind in dieser Vorstellung gerecht, wenn sie in die Gemeinschaft der Gegenwart Gottes streben.

Der Mensch hat nach der christlichen Vorstellung mit Jesus Christus zwar den Kompass hin zu dieser Gerechtigkeit in sich, aber nicht den Plan.

Nur der dreieinige Gott hält und fügt den Plan zur Einheit seiner Schöpfung.

Gerechtigkeit innerhalb der Einheit der Schöpfung

Wir Menschen handeln und werden nicht aus uns selbst heraus gerecht. Wir müssen, um der Einheit der Schöpfung willen, die die friedliche Gemeinschaft der Menschen untereinander einschließt, um Gerechtigkeit bitten und uns wie die Kinder führen lassen. Gebete, Bitten und das Aufsuchen der lebendigen Glaubensresonanz im Inneren geben den Christen Geborgenheit in einem größeren Ganzen, das sowohl als absolut wie als persönlicher Ursprung erlebt wird. So kann sich Gerechtigkeit einstellen als Ergebnis eines Lebensflusses, der immer wieder in neuem Leben mündet und den Tod überwindet, und so verfliegt die Angst vor der Selbstauflösung, auch wenn sich menschliches Handeln vielfältigen Korrekturen stellen muss.

 

Die Nachwirkungen des frühen und späten Dualismus im christlichen Europa

Schon früh drangen ins Christentum von Außen Vorstellungen einer gespaltenen Schöpfung ein: einer guten, versorgenden, in die Einheit aufnehmenden jenseitigen Geistesschöpfung und einer mit den Schmerzen des Diesseitigen verbundenen, materiellen Schöpfung.

Der Heilsweg des Gläubigen in der Gnosis und beeinflusst vom Manichäismus und später im zweiten Jahrtausend der Heilsweg der Katharer und Bogomilen bestand in der Meidung allen diesseitigen materiellen Lebens.

Diese und andere dualistische Einprägungen haben lange und vielfältige Spuren in der Geschichte des Christentums hinterlassen.

Nicht in den dualistischen Sekten selber, aber im restlichen christlichen Europa gab es immer wieder Zeiten des Ausgrenzens und Ausmerzens von angeblich dem Teufel unwiederbringlich verfallenen Menschengruppen: Muslime, Juden, Türken, Hexen nur als Beispiele.

Diesseitig orientierte, ungebildete einfache Menschen wurden zudem als Menschen zweiter Klasse angesehen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfahren konnte. Ihnen war, aufgrund der Erbsünde, das harte Los des Leidens am Leben vorbehalten. Christlich gebildete Menschen hatten dagegen die Möglichkeit, sich dem Geistigen zu zuwenden und von der geistigen Gerechtigkeit zu profitieren, die den heiligen Märtyrern bereits widerfahren war. Die Zweiteilung der Menschen in geistige und geistliche Menschen einerseits und diesseitig an die Erbsünde gebundene Menschen andererseits gehörte zur Gerechtigkeitsvorstellung des europäischen Christentums vom Kirchenvater Augustin an bis zur beginnenden Neuzeit.

Die Gerechtigkeit des scharfen Schwertes

Beginnend im karolingischen Kaiserreich, weiter während der Inquisition und bis zum lutherischen und calvinistischen Radikalismus, schließlich insgesamt im Zeitalter des Konfessionalismus im 16. und 17. Jahrhundert war der Begriff der Gerechtigkeit des scharfen Schwertes (oder entsprechende Formulierungen) weit verbreitet. Immer ging es um das Abtrennen des Verdorbenen, um das noch Gute zu retten. In diesem Sinne waren Grausamkeiten gerecht, weil sie dem verwerfenden Richterspruch des jüngsten Gerichtes voraus griffen. Christen gaben sich hier das Recht, eine göttliche Gerechtigkeit vorweg zu empfinden und für Gott stellvertretend, strafend zu handeln.

Endzeiterwartungen

Möglich geworden war dies u.a. durch überlieferte Aussprüche Jesu, durch das einflussreiche Weiterwirken der Ideen des Kirchenvaters Augustin, aber auch durch die starke Endzeiterwartung und die apokalyptischen Schriften vom Antichrist.

Augustin, die Verwaltung der Sakramentskirche und die Rechtfertigung vor Gott

In einer Zeit der Wirren und des zerfallenden römischen Reiches entwickelte Augustin die Idee einer das Heil verwaltenden sowohl dies-, wie jenseitigen Sakramentskirche als Rettung der Gläubigen. Diese ursprünglich um der Gerechtigkeit Willen umgesetzte Idee entwickelte mit der Zeit Kräfte gegen sich selbst.

In der Überlieferung dieser Ideen entstand im europäischen Christentum des zweiten Jahrtausends eine Zweiteilung des Heils. Um heil, also gerechtfertigt vor Gott treten zu können, war die Aufnahme aller von der Kirche verwalteten Sakramente während eines Lebenslaufes notwendig. Dem gelehrten Klerus und dem Fürstenstand war dies möglich, dem einfachen Volk aber bewusst verwehrt (kein Abendmahl in beiderlei Gestalt).

Auch entwickelte sich eine Werkgerechtigkeit, die heutige kapitalistische Wertvorstellungen vorwegnahm. Gottes Segen wurde mit diesseitigem Reichtum verbunden, auch wenn dieser wachsende Reichtum mit den Mitteln des Reichtums selbst erzwungen war.

 

Wiederentdeckung der urchristlichen Gerechtigkeitsvorstellungen im Protestantismus

Die Reformationszeit war vor allem eine Reform der Rechtfertigung vor Gott. Diese Reform geschah im Luthertum wie im reformierten Christentum Züricher und Genfer Prägung (dem Calvinismus) und anderen christlichen Ausprägungen der Reformationszeit.

Gerecht wurde der Christ hier vor Gott, wie im paulinischen Urchristentum, allein mit Hilfe des Mittlers Jesus Christus. Die Herausarbeitung und Vermittlung einer gerechten Kirchenlehre wurde hier zentral. Das priesterliche Lehramt führte, als Gerechtigkeitshandlung, den ungebildeten Christen hin zur Aufnahme der gerechten Lehre, die alleine auf die Gegenwart des lebendigen Gottes in jedem Einzelnen zuführte. Diese Gegenwart wurde zur allein gültigen gnädigen Gerechtigkeit Gottes und jedem Menschen als Resonanz auf sein Bemühen zugänglich gemacht.

Calvinismus (reformiertes Christentum) und politische Gerechtigkeit

Im französischen und englischen Europa der sich entwickelnden Neuzeit befand sich das reformierte Christentum fast ständig in einer Opposition zu den politischen Machtverhältnissen. Anders als das Luthertum entwickelte die reformierte Kirche Frankreichs und der Niederlande (der Calvinismus) und die reformierte Kirche Schottlands und Englands ein geistiges, religiöses Widerstandsrecht gegen ungerechte, weil in ihrem Sinne nicht-christliche, politische Verhältnisse.

Reformiertes Christentum und Humanismus verbinden sich zu neuen Gerechtigkeitsvorstellungen

Aus dem reformiert christlichen Widerstandsrecht und dem reichen Erbe der Antike entwickeln sich Gerechtigkeitsvorstellungen, die von anthropologischen Vorstellungen des Entwicklungspotentials des Menschen an sich ausgehen. Gerecht ist hier, was dem Menschen und dem menschlichen Gemeinwesen seine Entfaltung erlaubt.

In der Folge entstehen Gerechtigkeitsformulierungen, angefangen bei der französischen Menschenrechtserklärung und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu sozialistischen Manifesten.

Aufklärung und liberales Christentum entarten kurzfristig im Deutschen Christentum

In Deutschland verbindet sich dieser moderne Humanismus im 18 und 19. Jahrhundert mit der Aufklärung und einem liberalen Christentum. Für ein neues aufgeklärtes, liberales Christentum stehen z.B. Autoren wie Lessing, Goethe, Herder, Kierkegaard und Schleiermacher.

Im liberalen Christentum gerät die Gesamtschöpfung und die „schlechthinnige Abhängigkeit“ des Menschen darin in den Fokus des bürgerlichen christlichen Denkens. Dies geschah um so mehr, indem die Gedanken Charles Darwins aufgenommen wurden.

Es geht dann, in der Folge von Darwin, um eine Schöpfung, in der sich der Mensch behaupten muss als einer unter vielen. Gerecht ist jetzt, wenn man seine eigenen Vorzüge gegen andere ausspielt. Das Gottesgeschenk der eigenen Exzellenz und Überlegenheit muss gegen andere durchgesetzt und bewahrt werden. So wird man in diesem Denken Gottes Schöpfung gerecht.

In Deutschland gipfelten diese christlichen Einstellungen im nationalsozialistischen Deutschen Christentum und anderen entsprechenden christlichen Ausprägungen.

Bewahrung der Schöpfung im Zentrum der christlichen Gerechtigkeit

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dem Aufbau des atomaren Vernichtungspotentials verdichtet sich ein christliches Gerechtigkeits-Pradigma, das der gesamten Schöpfung gerecht werden und sie bewahren will.

Das christliche Gerechtigkeitsempfinden verbindet sich hier wieder mit Vorstellungen des paulinischen Urchristentums. Die Instanz der Gerechtigkeit liegt außerhalb des Menschen in einem versorgenden, behütenden Gott, zu dem wir als Christen wieder eine Verbindung finden müssen. Angestrebt wird eine Verbindung zu Gott, in der sich die Christen wieder notwendig demütig vor der Einheit der gesamten Schöpfung verneigen und sie so bewahren können.

Globalisierung und Nächstenliebe

Jenseits der Bergpredigt, dem Prinzip der Hinwendung zum Nächsten und dem Grundsatz der Bewahrung der Schöpfung sind die Fragen, wie denn christliche Gerechtigkeit im Einzelnen tatsächlich gelebt werden kann, weiterhin offen. Gerade im aufgeklärten Christentum bleibt es dabei: Um Gerechtigkeit muss unter den Menschen gerungen werden. Weiterhin sind auch unter Christen Fragen virulent wie: „Wer gehört alles in das Boot der Gerechtigkeit und wer nicht?“ Geistig wird allen Menschen prinzipiell die Heilsberufung zugesprochen, aber wenn es darum geht, alle Menschen dieses globalisiert zusammengerückten Planeten als Nächste anzusehen, fängt das Ringen an. Genauso ist es mit der Bewahrung der Schöpfung. Vieles ist schon verloren und die Versuchung, weiteres verloren zu geben, ist groß.

Zentral in der christlichen Ethik sind heute die Zugangs- und die Verteilungsgerechtigkeit und die Frage der Einheit der Schöpfung, zu der die Einheit der Menschen untereinander und die Unversehrtheit der Menschen dazu gehören. Zentral ist auch die Ungleichheit zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Wir bewohnen unsere Erde heute in einem von uns gemachten Zustand. Die Göttliche Schöpfung dieses Ortes im Universum ist verborgen hinter dem Schleier des Gemachten der menschlichen Mitschöpfer. Nur, wir erschaffen nicht das Leben, das wieder Leben gebiert. Wir erschaffen Funktionierendes, das das Leben verdrängt.