Fratzscher – Verteilungskampf – Ungleichheit in Deutschland

20181121 Literaturabend Gerechtigkeit_Fratzscher_gekürzt für WL-Infoabend

Excerpt von:

Fratzscher, Marcel: Verteilungskampf – Warum Deutschland immer ungleicher wird, Hanser 2016

Marcel Fratzscher (geb. 1971) ist ein deutscher Ökonom, der seine Ausbildung in Harvard bekommen hat. Er leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Davor war er seit 2008 Leiter der Abteilung ‚International Policy Analysis‘ bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Wikipedia:

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Sitz in Berlin ist das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut. Das Institut beschäftigt 334 Mitarbeiter, davon sind 139 Wissenschaftler. Die Einrichtung ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) des DIW:

Kaum eine wissenschaftliche Institution hat zum Thema der Ungleichheit eine bessere Expertise und, mittlerweile seit über drei Jahrzehnten, einen größeren Beitrag geleistet als das DIW Berlin mit seinem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Seit über 30 Jahren erhebt das SOEP jährlich Daten von heute etwa 30 000 Menschen in 11 000 Haushalten und stellt diese der Wissenschaft zu Verfügung. Mitarbeiter: Stefan Bach, Kurt Geppert, Markus Grabka, Elke Holst, Martin Kroh, Norma Schmitt, Carsten Schröder, Jürgen Schupp und Katharina Spieß

 

Deutschland, das Land der Ungleichheit

  • 1) Das Vermögenspuzzle

  • 2) Das Einkommenspuzzle

  • 3) Das Mobilitätspuzzle

1 Das Vermögens-Puzzle – auf Augenhöhe mit den USA

Ein durchschnittlicher Deutscher hat ein deutlich niedrigeres Vermögen angespart als andere Europäer

Es ist sogar eines der niedrigsten Vermögen, die sich unter allen Industrieländern finden lassen.

Es gibt kaum ein Land, in dem die privaten Vermögen ungleicher verteilt sind, also die reichsten 10 Prozent mehr und die ärmsten 40 Prozent weniger des gesamten Vermögens besitzen.

Obwohl fast alle anderen europäischen Länder ein deutlich niedrigeres Pro-KopfEinkommen erwirtschaften, ist das deutsche Privatvermögen eines der geringsten.

Begriffserklärungen:

Medianhaushalt = derjenige Haushalt, der die Gesamtheit der Haushalte in zwei gleich große Gruppen teilt – in eine Hälfte mit einem höheren und die andere Hälfte mit einem geringeren Vermögen.

Vermögen = Erspartes in Form von Bankeinlagen, Aktien oder anderen Anlageformen ebenso wie ein Eigenheim, andere Immobilien, Lebensversicherungen, Bausparverträge und auch materielle Werte, wie Hausrat und Autos.

Nettovermögen = alle Vermögenswerte abzüglich von Schulden und Verbindlichkeiten

Abb. 1: Deutschland mit dem geringsten privaten Nettovermögen für den durchschnittlichen Haushalt

Erläuterung: Gezeigt wird das Nettovermögen (alle Vermögenswerte abzüglich von Schulden und Verbindlichkeiten) für den durchschnittlichen Haushalt der jeweiligen Länder.

Quelle: Eurosystem Household and Consumption Survey, 2013

Warum besitzen die Deutschen so wenig Vermögen?

Die Deutschen Sparen zu wenig? – Nein: Wir Deutschen sind »Sparweltmeister«. „Es gibt kaum ein Industrieland, in dem die Menschen so große Teile ihres Einkommens sparen: Knapp 15 Prozent ihres Arbeitseinkommens legen sie zum Vermögensaufbau auf die hohe Kante, wobei Nicht-Berufstätige wie Studenten, Rentner oder Arbeitslose faktisch nichts sparen, die meisten Angestellten hingegen im Durchschnitt über 20 Prozent ihres verfügbaren

Einkommens. … US-Amerikaner etwa legen von ihrem Arbeitseinkommen nur rund halb so viel beiseite wie Deutsche.“

Verschuldung? Nein: Die Verschuldung der Privathaushalte ist in Deutschland sogar etwas geringer als in vielen anderen europäischen Ländern. Der durchschnittliche deutsche Haushalt muss Verbindlichkeiten in Höhe von knapp 12 600 € bedienen.

Hohe Einlagen in die Sozialversicherungssysteme? Nein: Selbst wenn man solche Anwartschaften der deutschen Bürger berücksichtigt, so ändert sich nichts an der Tatsache, dass die meisten Deutschen deutlich geringere Vermögen haben als andere Europäer.

Wertverlust des Nettovermögens? – Ja: Nach Berechnungen des DIW Berlin ist der Wert der realen, also inflationsbereinigten Nettovermögens eines durchschnittlichen deutschen Haushalts seit 2002 um knapp 15 Prozent gesunken. Damit hat ein durchschnittlicher deutscher Haushalt über das vergangene Jahrzehnt rund 20 000 € Nettovermögen verloren.

Das Ersparte wird schlecht angelegt? – Ja: Wir Deutschen legen unser Erspartes extrem schlecht an und erleiden dadurch immer wieder hohe Verluste.

Ungleiche Verteilung der Vermögen? – Ja: Während die unteren 40% in Deutschland ärmer sind als in anderen Teilen Europas, sind die Reichen reicher. Jedes der Nettovermögen der oberen 5% ist 33 Mal größer als das durchschnittliche deutsche Nettovermögen. (Die reichsten 10% besitzen offiziell im Durchschnitt in Deutschland 1,21 Mio. €, die reichsten 5% 5 Mio. €.)

„Über 63 Prozent des gesamten Nettovermögens im Land gehören den reichsten 10 Prozent der Deutschen. Je mehr man die Spitze der Reichtumspyramide in den Blick nimmt, umso größer wird die Vermögenskonzentration. Fast 29 Prozent aller privaten Nettovermögen befinden sich im Besitz des reichsten einen Prozents. Bei unseren europäischen Nachbarn ist diese Konzentration deutlich geringer. So hält das reichste Prozent der Einwohner Italiens »lediglich« 13 Prozent des gesamten Privatvermögens des Landes. In Frankreich sind es gut 16 Prozent, in Österreich knapp 24 Prozent.“

Die Ungleichheit ist höher als die offiziellen Zahlen ausdrücken:

„Eine Studie des DIW Berlin schätzt, dass die Vermögen des reichsten einen Prozents um mehr als ein Drittel größer sind als in den offiziellen Umfragen dargestellt. Für das oberste Promille, also 0,1 Prozent der Bevölkerung oder etwa 40 000 Haushalte, ist der Effekt noch größer. So hat dieses oberste Tausendstel der reichsten Deutschen nicht 4 Prozent des Gesamtvermögens, sondern über 17 Prozent, also ein Nettovermögen von 11 Millionen € je Haushalt und ein Gesamtvermögen von 1,5 Billionen €. Schon jetzt, auf der Basis erhobener Daten, ist die in Deutschland herrschende Vermögensungleichheit im internationalen Vergleich hoch – in Wirklichkeit steht das Land gegenüber anderen Industriestaaten wohl aber noch viel schlechter da.“

Die Erklärung für das geringe durchschnittliche Vermögen in Deutschland liegt bei der hohen Vermögensungleichheit in Deutschland, bei der Vermögensarmut des Mittelstands und der unteren 40 Prozent. Die unteren 40% besitzen in Deutschland praktisch kein Nettovermögen.

Bildungsabhängigkeit der Nettovermögen – starke Ungleichheit in Deutschland

 

Abb. 4: Vermögensunterschiede nach Bildungsniveau

Erläuterung: Die Abbildung zeigt das durchschnittliche Nettovermögen eines Arbeitnehmers mit unterschiedlichen Bildungsniveaus, relativ zu einem Arbeitnehmer mit Abschluss der Sekundarstufe II. [Mittlere Reife]

Quelle: OECD (2015a)

Ein deutscher Haushalt, „dessen Bewohner über einen Hochschulabschluss verfügen, hat ein knapp fünf Mal höheres Nettovermögen als ein solcher, in dem der höchste Bildungsabschluss die mittlere Reife ist. Es gibt kein Industrieland außer den USA, in dem Bildungsgrad und Nettovermögen so eng miteinander verknüpft sind.“

„Als Fazit gilt festzuhalten:

In keinem anderen Land Europas sind die Privatvermögen für so viele Menschen so gering und gleichzeitig so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Vermögensungleichheit ist hierzulande ähnlich hoch wie in den USA, dem Land also, in dem Ungleichheit stärker toleriert und als Teil des Wirtschaftssystems akzeptiert wird. Diese Ungleichheit ist in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal deutlich gewachsen. Im internationalen Vergleich ist sie in Deutschland vor allem das Resultat der geringen Nettovermögen der vermögensärmsten 40 Prozent der Bevölkerung, die praktisch keine Nettovermögen haben aufbauen können.

Zudem werden die Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung gerade in Deutschland massiv unterschätzt, so dass die Ungleichheit in Privatvermögen in unserem Land nicht nur deutlich über der anderer Industrieländer liegt, sondern auch deutlich größer ist, als die offiziellen Umfragen ergeben.

 

2 Das Einkommens-Puzzle

Die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen. Die Umverteilung des deutschen Staates wird immer ineffektiver darin, einen Ausgleich über gesellschaftliche Gruppen hinweg zu gewährleisten.

Das Dilemma der unteren 40 Prozent

Begriffserklärungen:

Arbeitseinkommen

= Stundenlohn x Anzahl der Arbeitsstunden (Teilzeit / Vollzeit) + Zulagen

Markteinkommen

= Arbeitseinkommen + Erbschaften + Schenkungen + Kapitalerträge + Einkommen aus selbstständiger Arbeit

verfügbares Einkommen

= Markteinkommen plus Zahlungen des Staates wie Arbeitslosengeld oder Kindergeld, abzüglich direkter Steuern wie der Einkommensteuer

Nominallohn

= reines Entgelt für geleistete Arbeit ohne Aussage über Kaufkraft (Gegensatz: Reallohn)

Reallohn

= das Verhältnis von Nominallohn und Preisniveau; steigt der Nominallohn langsamer als die Güterpreise, dann sinkt der Reallohn. Kurz: Der Reallohn ist das, was man sich dafür kaufen kann.

 

Abb. 5: Entwicklung der Reallöhne und Wirtschaftsleistung pro Kopf seit 1992

Erläuterung: Die Abbildung zeigt den Reallohnindex und die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf, normiert auf das Jahr 1992.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014

„Aus Sicht der Arbeitnehmer war die Lohnentwicklung in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren enttäuschend. Im Durchschnitt sind die deutschen Reallöhne heute kleiner als 1990. Zwar war die Inflation in diesem Zeitraum recht gering, aber sie war immer noch höher als der Anstieg der Nominallöhne der Arbeitnehmer. Viele Arbeitnehmer konnten in diesem Zeitraum gar keinen Anstieg ihrer Nominallöhne verzeichnen oder verdienen heute auch nominal weniger als vor einem Vierteljahrhundert (siehe Abbildung 5). Im gleichen Zeitraum ist jedoch die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Deutschland um mehr als 25 Prozent gestiegen. Auch wenn man einen leichten Anstieg der Erwerbsquote berücksichtigt, also die Tatsache, dass heute mehr Menschen wirtschaftlich aktiv sind als früher, so stellt sich die Frage, wem diese Zuwächse der wirtschaftlichen Leistung hauptsächlich zugutegekommen sind. Wer hat sie bekommen, wenn nicht die Arbeitnehmer?“ „Die Antwort auf diese Frage lautet: hauptsächlich die Vermögenden. Ein immer größerer Teil der Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen drei Jahrzehnten denen zugutegekommen, die über ein hohes Vermögen verfügen, entweder weil sie ein Unternehmen besitzen oder andere Vermögenswerte, aus denen sie Einkommen beziehen können. So sind die durchschnittlichen realen Arbeitnehmerentgelte – wie die Grafik des DIW Berlin (Abb. 6) zeigt – seit dem Jahr 2000 nur um gut 6 Prozent gestiegen, das Unternehmens- und Vermögenseinkommen hingegen um knapp 30 Prozent.“

 

Abb. 6: Unterschiede zwischen Arbeitnehmerentgelten und Unternehmens- und Vermögenseinkommen

Erläuterung: Die Abbildung zeigt die prozentuale Veränderung der Arbeitnehmerentgelte sowie der Unternehmens- und Vermögenseinkommen seit dem Jahr 2000.

Quelle: Statistisches Bundesamt (2015); Goebel, Grabka, Schröder (2015)

 

Abb. 7: Lohnwachstum in Westdeutschland (1990 = 0) in verschiedenen Sektoren:

  • A) Sektor nicht-handelbare Güter

  • B) Sektor handelbare Güter (verarbeitende Industrie)

  • C) Sektor handelbare Dienstleistungen

Erläuterung: Die Abbildungen zeigen die prozentuale Veränderung der realen Löhne, des 15., 50. und 85. Perzentils der Lohnverteilung, für in Vollzeit angestellte westdeutsche Männer zwischen 20 und 60 Jahren im Vergleich zum Jahr 1990.

Quelle: Dustman (2014)

 

Deutschland wird immer ungleicher

Heute ist Deutschland eine duale Volkswirtschaft.

„Diese Zahlen zeigen … nicht nur, wie stark die Entwicklung zwischen den einzelnen Einkommensgruppen auseinanderläuft, sondern auch zwischen den verschiedenen Sektoren der deutschen Volkswirtschaft. Viele wissenschaftliche Studien haben diese enormen Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung der Sektoren bereits belegt. Heute ist Deutschland eine duale Volkswirtschaft. Das heißt, einigen enorm erfolgreichen Sektoren, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, stehen viele weniger dynamische Sektoren gegenüber. Viele deutsche Exportunternehmen, etwa im Maschinenbau, der Chemie und Pharmazie und auch der Automobilbranche, sind global sehr wettbewerbsfähig und konnten ihre Marktposition in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur behaupten, sondern häufig noch ausbauen. Diese Unternehmen investieren viel und sind hochproduktiv. Dies erlaubt ihnen somit auch, hohe Löhne zu zahlen und diese Löhne regelmäßig zu erhöhen, wie sich in Abbildung 7B zu den Industrielöhnen zeigt.

Dem stehen viele Sektoren vor allem im Dienstleistungsbereich gegenüber, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen und durch die deutschen Gesetze häufig nach wie vor sehr stark reguliert sind. Dies führt zu geringen Investitionen und somit zu stagnierender Produktivität und Effizienz. Damit können langfristig auch die Löhne in diesen Sektoren nicht steigen. Die Abbildungen für die Sektoren der nicht-handelbaren Güter oder Dienstleistungen illustrieren dies: Die Arbeitnehmerin mit geringen Einkommen hat seit 1990 deutliche Lohneinbußen hinnehmen müssen, selbst wenn man die letzten Jahre seit der globalen Finanzkrise mitberücksichtigt. Die oberen Lohneinkommen dagegen sind über den Gesamtzeitraum von 25 Jahren recht deutlich gestiegen – bei den handelbaren Dienstleistungen sogar um mehr als 10 Prozent.

 

Das gleiche Bild bei der Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen

 

Abb. 8: Verfügbare Haushaltseinkommen nach Einkommensdezilen

Erläuterung: Die Abbildung zeigt die Veränderung der verfügbaren Haushaltseinkommen für das 1., 5. (Median) und 10. Dezil der Verteilung gegenüber dem Jahr 2000 in Prozent.          Quelle: Goebel, Grabka, Schröder (2015)

Das verfügbare Einkommen eines durchschnittlichen deutschen Haushalts zwischen den Jahren 2000 und 2012 ist insgesamt praktisch nicht gewachsen. Es stagnierte (5. Dezil). Aber das verfügbare Einkommen der ärmsten 10 Prozent (1. Dezil) der Haushalte ist geschrumpft, während die reichsten 10 Prozent mehr als 16 Prozent Einkommen hinzugewinnen konnten. Begriffserklärung:

 

Gini-Koeffizient

Nimmt einen Wert zwischen 0 (bei einer gleichmäßigen Verteilung) und 1 (wenn nur eine Person das komplette Einkommen erhält, d.h. bei maximaler Ungleichverteilung) an.

OECD =

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) Organisation for Economic Co-operation and Development

Ist eine internationale Organisation mit 36 Mitgliedstaaten,

die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen.

Die meisten Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und gelten als entwickelte Länder.

 

Die Rolle von Transferzahlungen

Deutschland wird immer ungleicher, versucht aber diese Ungleichheit durch Transferzahlungen auszugleichen.

Deutschland ist durchschnittlich ungleich (OECD) beim verfügbaren Einkommen (nach den Transferzahlungen)

Deutschland ist stark ungleich beim Markteinkommen (vor Transfers und Steuern)

„Das bedeutet einerseits, dass die relative Gleichheit der Lebensverhältnisse in Deutschland durch die staatliche Umverteilung auf den Durchschnitt aller OECD-Staaten angehoben wird. Auf der anderen Seite heißt es jedoch auch, dass diese Umverteilung in anderen Ländern nicht notwendig ist, weil bereits die am Markt erzielten Einkommen der Bürger weniger stark auseinanderklaffen. Deutschlands Ungleichheit bei den Markteinkommen ist gar genauso hoch wie die in den USA. Die Unterscheidung zwischen Markteinkommen und verfügbaren Einkommen ist wichtig: Der Marktprozess in Deutschland führt zu sehr ungleichen Löhnen und Einkommen, die dann der deutsche Staat durch vergleichsweise hohe Steuern und Transferzahlungen teilweise auszugleichen versucht.

„Fassen wir zusammen:

Die Ungleichheit der Markteinkommen gehört in Deutschland mit zu den höchsten aller Industrieländer und ist genauso hoch wie in den USA.

Der deutsche Staat verteilt im internationalen Vergleich ungewöhnlich viel Einkommen durch Sozialleistungen und Steuern um und trägt damit zu einer geringeren Ungleichheit der verfügbaren Einkommen bei.

Diese Umverteilung ist jedoch über die letzten drei Jahrzehnte zunehmend geringer geworden, sie reduziert die Ungleichheit der Markteinkommen immer weniger.

Zudem ist über die letzten 30 Jahre die Ungleichheit sowohl der Markteinkommen als auch der verfügbaren Einkommen in kaum einem anderen Industrieland so stark gestiegen wie in Deutschland.

Dieser Anstieg der Einkommensungleichheit ist nicht nur durch die Lohnzugewinne der besserverdienenden 10 Prozent zu erklären, sondern vor allem durch die schwache Lohnentwicklung der einkommensschwächsten 40 Prozent der Bevölkerung.

Für mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer – nämlich die Hälfte mit den niedrigsten Löhnen – ist die Kaufkraft ihrer Löhne heute geringer als noch vor 15 Jahren. Ihre Reallöhne sind gesunken. Die schwache Lohn- und Einkommensentwicklung bei den bereits Einkommensschwachen hat entscheidend zum starken Anstieg der Armutsquote in Deutschland beigetragen.“

 

3 Das Mobilitäts-Puzzle

„Nach einer Studie des DIW Berlin waren mehr als die Hälfte der Menschen, die im Jahr 2002 keinerlei privates Vermögen besaßen, auch zehn Jahre später noch genauso mittellos oder netto sogar verschuldet. Es ist in unserem Land offensichtlich sehr schwierig, aus dieser Spirale der Vermögensarmut auszubrechen, sich finanziell besser zu stellen und private Vorsorge zu betreiben.“

„Zwei von drei Deutschen, die im Jahr 2002 zu den reichsten 10 Prozent der Bevölkerung gehörten, waren auch im Jahr 2012 noch Teil dieser Gruppe.“

„Ähnlich wie bei den Vermögen ist die Mobilität der Deutschen auch bei den verfügbaren Einkommen sehr niedrig. Sie ist, wie in Abbildung 13 erkennbar, seit Anfang der 1990er Jahre zudem stark gesunken.7 Der dunkle Graph zeigt die Mobilität der von Armut bedrohten Menschen, also der Bürger, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens erhalten, und für die Bürger, die mit mehr als dem Doppelten des Medianeinkommens die höchsten Einkommen erzielen.“

 

Abb. 13: Einkommensmobilität

Erläuterung: Die Abbildung zeigt den Anteil der Personen, die über einen 3-Jahreshorizont in ihren Einkommensgruppen verharren. So verblieben zwischen 1991 und 1994 44 % der Personen mit weniger als 60 % des Medianeinkommens in ihrer Einkommensgruppe. Zwischen 2008 und 2011 waren es 54 %, die verblieben.

Quelle: Grabka und Goebel (2013)

„Sind die Menschen mit den hohen Vermögen auch die mit hohen Einkommen? Und ist im Umkehrschluss die Vermögensarmut eines Menschen verbunden mit Einkommensarmut? Eine Studie des Eurosystems aus dem Jahr 2013 über die Verteilung von privaten Vermögen in Europa zeigt, dass es in Deutschland eine viel engere Verbindung zwischen Vermögen und Einkommen gibt als in den meisten anderen europäischen Ländern.“

„Die Tabelle listet das durchschnittliche Bruttoeinkommen für sechs unterschiedliche Vermögensgruppen auf, von den 20 vermögensärmsten Prozent bis hin zu den 10 Prozent mit den höchsten Nettovermögen. Deutschland hat mit einem Medianeinkommen von 32 500 € eines der höchsten Einkommensniveaus in ganz Europa und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der gesamten Eurozone von 28 600 €. Dagegen haben die Deutschen mit den 20 Prozent der geringsten Nettovermögen nur ein Pro-Kopf-Einkommen von 16 000 €, was deutlich weniger ist als die 17 400 € der Vergleichsgruppe im EU-Durchschnitt. Die Vermögensarmen sind in Deutschland also einkommensschwächer als in anderen europäischen Ländern.“

„Ganz anders sieht das Bild bei den Vermögensreichsten in Deutschland aus. Diese haben mit einem Nettoeinkommen von 73 400 € das zweitgrößte Nettoeinkommen unter allen Ländern der Eurozone und liegen damit knapp 14 000 € über dem Durchschnitt der europäischen Vergleichsgruppe.“

Was sind die Ursachen für diese hohe Ungleichheit in Einkommen, Vermögen und Mobilität in Deutschland?

Diese sind die Fragen, die im Rest des Buches behandelt werden.

Diskussionspapier zu Laudato si von Papst Franziskus

20180926 Laudato si‘_Thesen_Literaturabend_Pfarrsprengel Basdorf Wandlitz Zühlsdorf
www.kirche-wandlitz.info/angebote/literaturabend.html

Diskussionspapier von Lutz Hausmann, (auch als PDF)

[Hier gelangen Sie zum Originalpapier, der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus]

ENZYKLIKA

LAUDATO SI‘

VON

PAPST FRANZISKUS

ÜBER DIE SORGE FÜR DAS GEMEINSAME HAUS

Die Enzyklika reagiert auf die Ökologische Krise, den Klimawandel und die Erderwärmung, die vor allem die Armen schon jetzt als ökologische Katastrophe bedrohen.

Sie wurde erlassen am 24. Mai 2015 (Pfingstsonntag) als Impuls zur Klimakonferenz 2015 in Paris.

Die Enzyklika verlangt eine Umkehr der Menschheit zur Rettung des Planeten und des Schöpfungsziels.

Ihr Inhalt ist im Folgenden als Arbeitsthesen zusammengefasst.

Umkehr

Die Enzyklika fordert die Umkehr zu einer Einheit mit Gott und Gottes Willen.

Gemeinschaft

Die Einheit erkennen wir in der Schöpfung, in der Einheit des lebendigen Körpers aller Lebewesen.

Machbarkeit und Relativismus Die Ganzheit/Einheit

Die Einheit mit Gott und der Schöpfung verstehen wir nur ganzheitlich. Die Ansätze des wissenschaftlich-wirtschaftlichen-technologischen Komplexes können nicht zum Wesenskern unserer Lebensbestimmung vordringen, weil ihre Ansätze zu eng fokussiert sind.

Lebensbestimmung = Auftrag Gottes

Wir Menschen sind als erschaffene Personen eine gelebte Einheit in uns, mit unserem Körper und allem, was diesen Körper erhält und nährt. Die Einheit der Schöpfung schließt die geistigen Dimensionen der Schöpfung mit ein.

Die Einheit der Schöpfung zu erkennen, sie zu nähren und weiter auszubauen sieht Papst Franziskus als Auftrag und Bestimmung des Menschen.

Dreifaltigkeit / Dreieinigkeit, vom Tod aufgefahrener Jesus Christus

Der gelebte Wesenskern dieser Einheit des Menschen mit allem Lebendigen ist christlich beschrieben und nachvollziehbar gemacht in den Metaphern „Dreifaltigkeit“/“Dreieinigkeit“ und dem vom Tod aufgefahrenen Jesus Christus.

Sinnbestimmung / Auftrag des Menschen

Theologisch sieht Papst Franziskus den Menschen im Auftrag und in der Pflicht, der Schöpfung, dem lebendigen Ganzen zu dienen.

Die Natur unter die menschliche Herrschaft zu nehmen, ist eine Fehlinterpretation.

Der wirtschaftlich-technologische

Komplex

Das gegenwärtige und seit Jahrhunderten währende Zusammenwirken von Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie ist ein Weg in die Vernichtung der lebendigen Schöpfung auf der Erde und führt in die Katastrophe.

Techno-Science:

Segen vs. Relativismus

Es gibt einen Gegensatz zwischen einer „integrierten Techno-Science“, die die Schöpfung auch biologisch befördert und eines wirtschaftlichtechnologischen Komplexes, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und so keinen Zugang zur Einheit, zum Wesenskern des Seins findet.

Relativismus und Finanzwirtschaft

Auch die gegenwärtige Finanzwirtschaft gehört zu diesem Relativismus.

Der Relativismus führt zur Ausgrenzung.

Die Kosten werden unzulässig verallgemeinert.

Die Konzentration auf das technologisch Machbare führt zur Ausgrenzung vielfältigster Art: Von Zielen, Belangen, biologischen Arten, Teilen des Ökosystems und von vor allem armen Menschen.

Die Kosten des Relativismus werden unzulässig verallgemeinert. Die Kosten der Armut und der Zerstörung werden ausgegrenzt.

Aktuell finden wir eine Reduzierung

– der Einheit/Ganzheit der Schöpfung

– und dadurch des Wirkens und der Verherrlichung Gottes

Aktuell finden wir die Vielfalt der Arten und die Komplexität der Ökosysteme stark von Menschenhand reduziert.

Nach Ansicht von Papst Franziskus sind damit auch das Wirken und die Verherrlichung Gottes innerhalb der Schöpfung reduziert.

Die Menschheit, als integrierter Teil der Schöpfung, ist daher ebenfalls gefährdet und geschädigt.

Kommunikation

vs. Nicht-Kommunikation innerhalb des Wesenskerns,

d.h. Ungleichheit biologischer vs. gemachter Veränderungen

Die menschengemachten Reduzierungen der letzten Jahrhunderte sind nicht gleichzusetzen mit den evolutionären Veränderungen der letzten Jahrtausende, weil hier keine ganzheitlichen Veränderungen aus dem Wesenskern der Schöpfung heraus stattgefunden haben.

Menschenwürde / Würde der Schöpfung/ der biologischen Vielfalt;

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er Gottes Auftrag und Ziel verfolgt.

Personhaftigkeit des Menschen

Der Mensch ist in seiner Würde, wenn er in der Lage ist, Gottes Auftrag und Ziel zu verfolgen.

Dann ist der einzelne Mensch eine Person und nicht irgendetwas.

 

Politische Forderungen

Entmachtung und das Zurückfordern von Macht als gedeihlicher Weg aus der Klimakrise.

Die Macht zur Gestaltung der Erde ist in den Händen des wirtschaftlichtechnologischen Komplexes.

Dieser ist nach Papst Franziskus in einer Dynamik gefangen, die ihm nicht erlaubt, seine Selbstfokussierung von innen heraus zu überwinden. Dies müssen die Konsumenten, die Menschen des Planeten selbst tun.

Zentrale Strukturen der

Normdurchsetzung (Abschnitt 175)

Zur Überwindung dieser Selbstfokussierung benötigt die Menschheit zentrale Strukturen der Normdurchsetzung.

Siehe dazu die Soziallehre der Kirche und Schriften von Papst Benedikt XVI. und von Papst Johannes XXIII.:

Forderungen nach dem „Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität.“

Und wiederum, Umkehr!

Die von Papst Franziskus geforderte Umkehr geschieht im persönlichen, familiären, sozialen und kulturellen Kreis

– in Form einer „positiven Askese“,

– der Konzentration auf das Notwendige,

– der Solidarität mit den Ausgegrenzten und/oder Armen,

– der Solidarität mit dem Leben (gegen Abtreibung).

Thesenpapier zur christlichen Gerechtigkeit

Literaturabend am 07. März 2018
Lutz Hausmann

Der Bund Gottes mit den Israeliten

Alttestamentlich ist Gerechtigkeit die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk. Der Gottesbund nach den Anweisungen, die Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte, führt zu einem gerechten Leben (vor allem 3. und 5. Buch Moses, Levitikus und Deuteronomium).

Gottes Bund der Regeln mit dem jüdischen Volk

Dieser Bund der Gerechtigkeit ist ein Bund, der über die Befolgung von Regeln erhalten wird oder eben auch nicht. Vor allem die Prophetenbücher sind Zeuge für die Ungerechtigkeit des Volkes Israel seinem Gott gegenüber.

Der neue Bund mit Gott über Jesus Christus als Mittler

Für die frühen Christen ist Christus der Gerechte an sich. Er bringt einen völlig neuen Gerechtigkeitsbegriff, den neuen Bund Gottes, den Jesus Christus auf der Erde verankert hat und für den Jesus Christus der Mittler ist und am Ende der Tage der Richter sein wird.

Paulus

Paulus erweitert diesen Bund auf die gesamte Menschheit und löst ihn ab von der Befolgung der speziellen jüdischen Regeln.

Für Paulus wird ein Christ gerecht, wenn er Christus nachfolgt und seinen persönlichen Willen unter den Willen der christlichen Gemeinschaft stellt.

Paulus betont die Gemeinschaft, weil der Einzelne nur in ihr die christliche Wahrheit erfahren kann. Nur in der christlichen Gemeinschaft lebt der Einzelne den Geist der Bergpredigt und damit das Gebot zur Hinwendung zum Nächsten. Indem Jesus Christus die geistige Gemeinschaft mit und unter den Menschen hält, erfährt der Einzelne durch die Aufnahme des Heiligen Geistes eine Form der Einheit mit Gott.

Gerecht werden heißt hier, aus der Abspaltung hinaus zu gehen, in die Einheit mit Gott zurückzukehren und doch als Individuum zu existieren.

Gerechtigkeit Gottes

Gott ist in dieser Vorstellung gerecht, weil er durch das Opfer von Jesus Christus jedem auch noch so verletzten und ausgegrenzten Menschen das Erleben Seiner Gegenwart erlaubt.

Gerechtigkeit des Menschen

Die Menschen sind in dieser Vorstellung gerecht, wenn sie in die Gemeinschaft der Gegenwart Gottes streben.

Der Mensch hat nach der christlichen Vorstellung mit Jesus Christus zwar den Kompass hin zu dieser Gerechtigkeit in sich, aber nicht den Plan.

Nur der dreieinige Gott hält und fügt den Plan zur Einheit seiner Schöpfung.

Gerechtigkeit innerhalb der Einheit der Schöpfung

Wir Menschen handeln und werden nicht aus uns selbst heraus gerecht. Wir müssen, um der Einheit der Schöpfung willen, die die friedliche Gemeinschaft der Menschen untereinander einschließt, um Gerechtigkeit bitten und uns wie die Kinder führen lassen. Gebete, Bitten und das Aufsuchen der lebendigen Glaubensresonanz im Inneren geben den Christen Geborgenheit in einem größeren Ganzen, das sowohl als absolut wie als persönlicher Ursprung erlebt wird. So kann sich Gerechtigkeit einstellen als Ergebnis eines Lebensflusses, der immer wieder in neuem Leben mündet und den Tod überwindet, und so verfliegt die Angst vor der Selbstauflösung, auch wenn sich menschliches Handeln vielfältigen Korrekturen stellen muss.

 

Die Nachwirkungen des frühen und späten Dualismus im christlichen Europa

Schon früh drangen ins Christentum von Außen Vorstellungen einer gespaltenen Schöpfung ein: einer guten, versorgenden, in die Einheit aufnehmenden jenseitigen Geistesschöpfung und einer mit den Schmerzen des Diesseitigen verbundenen, materiellen Schöpfung.

Der Heilsweg des Gläubigen in der Gnosis und beeinflusst vom Manichäismus und später im zweiten Jahrtausend der Heilsweg der Katharer und Bogomilen bestand in der Meidung allen diesseitigen materiellen Lebens.

Diese und andere dualistische Einprägungen haben lange und vielfältige Spuren in der Geschichte des Christentums hinterlassen.

Nicht in den dualistischen Sekten selber, aber im restlichen christlichen Europa gab es immer wieder Zeiten des Ausgrenzens und Ausmerzens von angeblich dem Teufel unwiederbringlich verfallenen Menschengruppen: Muslime, Juden, Türken, Hexen nur als Beispiele.

Diesseitig orientierte, ungebildete einfache Menschen wurden zudem als Menschen zweiter Klasse angesehen, denen im Diesseits keine Gerechtigkeit widerfahren konnte. Ihnen war, aufgrund der Erbsünde, das harte Los des Leidens am Leben vorbehalten. Christlich gebildete Menschen hatten dagegen die Möglichkeit, sich dem Geistigen zu zuwenden und von der geistigen Gerechtigkeit zu profitieren, die den heiligen Märtyrern bereits widerfahren war. Die Zweiteilung der Menschen in geistige und geistliche Menschen einerseits und diesseitig an die Erbsünde gebundene Menschen andererseits gehörte zur Gerechtigkeitsvorstellung des europäischen Christentums vom Kirchenvater Augustin an bis zur beginnenden Neuzeit.

Die Gerechtigkeit des scharfen Schwertes

Beginnend im karolingischen Kaiserreich, weiter während der Inquisition und bis zum lutherischen und calvinistischen Radikalismus, schließlich insgesamt im Zeitalter des Konfessionalismus im 16. und 17. Jahrhundert war der Begriff der Gerechtigkeit des scharfen Schwertes (oder entsprechende Formulierungen) weit verbreitet. Immer ging es um das Abtrennen des Verdorbenen, um das noch Gute zu retten. In diesem Sinne waren Grausamkeiten gerecht, weil sie dem verwerfenden Richterspruch des jüngsten Gerichtes voraus griffen. Christen gaben sich hier das Recht, eine göttliche Gerechtigkeit vorweg zu empfinden und für Gott stellvertretend, strafend zu handeln.

Endzeiterwartungen

Möglich geworden war dies u.a. durch überlieferte Aussprüche Jesu, durch das einflussreiche Weiterwirken der Ideen des Kirchenvaters Augustin, aber auch durch die starke Endzeiterwartung und die apokalyptischen Schriften vom Antichrist.

Augustin, die Verwaltung der Sakramentskirche und die Rechtfertigung vor Gott

In einer Zeit der Wirren und des zerfallenden römischen Reiches entwickelte Augustin die Idee einer das Heil verwaltenden sowohl dies-, wie jenseitigen Sakramentskirche als Rettung der Gläubigen. Diese ursprünglich um der Gerechtigkeit Willen umgesetzte Idee entwickelte mit der Zeit Kräfte gegen sich selbst.

In der Überlieferung dieser Ideen entstand im europäischen Christentum des zweiten Jahrtausends eine Zweiteilung des Heils. Um heil, also gerechtfertigt vor Gott treten zu können, war die Aufnahme aller von der Kirche verwalteten Sakramente während eines Lebenslaufes notwendig. Dem gelehrten Klerus und dem Fürstenstand war dies möglich, dem einfachen Volk aber bewusst verwehrt (kein Abendmahl in beiderlei Gestalt).

Auch entwickelte sich eine Werkgerechtigkeit, die heutige kapitalistische Wertvorstellungen vorwegnahm. Gottes Segen wurde mit diesseitigem Reichtum verbunden, auch wenn dieser wachsende Reichtum mit den Mitteln des Reichtums selbst erzwungen war.

 

Wiederentdeckung der urchristlichen Gerechtigkeitsvorstellungen im Protestantismus

Die Reformationszeit war vor allem eine Reform der Rechtfertigung vor Gott. Diese Reform geschah im Luthertum wie im reformierten Christentum Züricher und Genfer Prägung (dem Calvinismus) und anderen christlichen Ausprägungen der Reformationszeit.

Gerecht wurde der Christ hier vor Gott, wie im paulinischen Urchristentum, allein mit Hilfe des Mittlers Jesus Christus. Die Herausarbeitung und Vermittlung einer gerechten Kirchenlehre wurde hier zentral. Das priesterliche Lehramt führte, als Gerechtigkeitshandlung, den ungebildeten Christen hin zur Aufnahme der gerechten Lehre, die alleine auf die Gegenwart des lebendigen Gottes in jedem Einzelnen zuführte. Diese Gegenwart wurde zur allein gültigen gnädigen Gerechtigkeit Gottes und jedem Menschen als Resonanz auf sein Bemühen zugänglich gemacht.

Calvinismus (reformiertes Christentum) und politische Gerechtigkeit

Im französischen und englischen Europa der sich entwickelnden Neuzeit befand sich das reformierte Christentum fast ständig in einer Opposition zu den politischen Machtverhältnissen. Anders als das Luthertum entwickelte die reformierte Kirche Frankreichs und der Niederlande (der Calvinismus) und die reformierte Kirche Schottlands und Englands ein geistiges, religiöses Widerstandsrecht gegen ungerechte, weil in ihrem Sinne nicht-christliche, politische Verhältnisse.

Reformiertes Christentum und Humanismus verbinden sich zu neuen Gerechtigkeitsvorstellungen

Aus dem reformiert christlichen Widerstandsrecht und dem reichen Erbe der Antike entwickeln sich Gerechtigkeitsvorstellungen, die von anthropologischen Vorstellungen des Entwicklungspotentials des Menschen an sich ausgehen. Gerecht ist hier, was dem Menschen und dem menschlichen Gemeinwesen seine Entfaltung erlaubt.

In der Folge entstehen Gerechtigkeitsformulierungen, angefangen bei der französischen Menschenrechtserklärung und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu sozialistischen Manifesten.

Aufklärung und liberales Christentum entarten kurzfristig im Deutschen Christentum

In Deutschland verbindet sich dieser moderne Humanismus im 18 und 19. Jahrhundert mit der Aufklärung und einem liberalen Christentum. Für ein neues aufgeklärtes, liberales Christentum stehen z.B. Autoren wie Lessing, Goethe, Herder, Kierkegaard und Schleiermacher.

Im liberalen Christentum gerät die Gesamtschöpfung und die „schlechthinnige Abhängigkeit“ des Menschen darin in den Fokus des bürgerlichen christlichen Denkens. Dies geschah um so mehr, indem die Gedanken Charles Darwins aufgenommen wurden.

Es geht dann, in der Folge von Darwin, um eine Schöpfung, in der sich der Mensch behaupten muss als einer unter vielen. Gerecht ist jetzt, wenn man seine eigenen Vorzüge gegen andere ausspielt. Das Gottesgeschenk der eigenen Exzellenz und Überlegenheit muss gegen andere durchgesetzt und bewahrt werden. So wird man in diesem Denken Gottes Schöpfung gerecht.

In Deutschland gipfelten diese christlichen Einstellungen im nationalsozialistischen Deutschen Christentum und anderen entsprechenden christlichen Ausprägungen.

Bewahrung der Schöpfung im Zentrum der christlichen Gerechtigkeit

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dem Aufbau des atomaren Vernichtungspotentials verdichtet sich ein christliches Gerechtigkeits-Pradigma, das der gesamten Schöpfung gerecht werden und sie bewahren will.

Das christliche Gerechtigkeitsempfinden verbindet sich hier wieder mit Vorstellungen des paulinischen Urchristentums. Die Instanz der Gerechtigkeit liegt außerhalb des Menschen in einem versorgenden, behütenden Gott, zu dem wir als Christen wieder eine Verbindung finden müssen. Angestrebt wird eine Verbindung zu Gott, in der sich die Christen wieder notwendig demütig vor der Einheit der gesamten Schöpfung verneigen und sie so bewahren können.

Globalisierung und Nächstenliebe

Jenseits der Bergpredigt, dem Prinzip der Hinwendung zum Nächsten und dem Grundsatz der Bewahrung der Schöpfung sind die Fragen, wie denn christliche Gerechtigkeit im Einzelnen tatsächlich gelebt werden kann, weiterhin offen. Gerade im aufgeklärten Christentum bleibt es dabei: Um Gerechtigkeit muss unter den Menschen gerungen werden. Weiterhin sind auch unter Christen Fragen virulent wie: „Wer gehört alles in das Boot der Gerechtigkeit und wer nicht?“ Geistig wird allen Menschen prinzipiell die Heilsberufung zugesprochen, aber wenn es darum geht, alle Menschen dieses globalisiert zusammengerückten Planeten als Nächste anzusehen, fängt das Ringen an. Genauso ist es mit der Bewahrung der Schöpfung. Vieles ist schon verloren und die Versuchung, weiteres verloren zu geben, ist groß.

Zentral in der christlichen Ethik sind heute die Zugangs- und die Verteilungsgerechtigkeit und die Frage der Einheit der Schöpfung, zu der die Einheit der Menschen untereinander und die Unversehrtheit der Menschen dazu gehören. Zentral ist auch die Ungleichheit zwischen dem Gewordenen und dem Gemachten. Wir bewohnen unsere Erde heute in einem von uns gemachten Zustand. Die Göttliche Schöpfung dieses Ortes im Universum ist verborgen hinter dem Schleier des Gemachten der menschlichen Mitschöpfer. Nur, wir erschaffen nicht das Leben, das wieder Leben gebiert. Wir erschaffen Funktionierendes, das das Leben verdrängt.