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Essay – Selbstgefühl als Christ

Zugfahrt von Berlin nach Dresden am 05.06.2020

– Der Zug verlässt den Berliner Hauptbahnhof. –

Was fällt mir zu meinem Christsein ein, von dem Ort aus, an dem ich Christ bin?

1) Erst einmal die Frage nach dem Heil

Der Glaube an Gott impliziert die Frage:

Wie bin ich in Gott?

Was bedeutet mein Verhältnis zu Gott für meine Lebensqualität?

Bedeutet meine Existenz eine dauernde Existenz in Gott oder kann mein Verhältnis zu Gott aufhören und meine Existenz damit beendet werden?

Hat meine Existenz hin zu Gott mit Lebensqualität zu tun und meine Existenz weg von Gott mit Leiden?

Letztlich sind dies alles Fragen nach dem Heil.

2) Die Frage nach dem Heil als Christ impliziert natürlich die Frage nach den anderen Religionen und ihren Heilswegen.

Was ist der spezifische Heilsweg eines Christen, der ihn zu einem religiösen Christen macht?

Eine Religion ist eine Lebenspraxis, die den Einzelnen hin zu seinen Existenzwurzeln führt, ihn hin zu dem führt, was für ihn wirklich wichtig ist.

Christen haben hier als zentrales Alleinstellungsmerkmal den Glauben an Jesus-Christus und seinen Einfluss auf unser Leben. Dies unterscheidet uns in allererster Linie wesentlich von den anderen monotheistischen Religionen.

Bei der Frage nach dem Christsein, auch in Abgrenzung von anderen Religionen, sind deshalb die Zeugnisse des Lebens und Wirkens und des Vermächtnisses von Jesus-Christus entscheidend.

Hier tauchen zwei zentrale Fragen auf:

– Wann sind die Evangelien geschrieben worden?

– Ist Jesus Gottes Sohn gewesen?

Die erste Frage ist von der deutschen evangelischen Theologie 150 Jahre lang mit sehr ernüchternden Ergebnissen behandelt worden. In den angelsächsischen Ländern hat man sich in den letzten 30 Jahren mit zahlreichen Publikationen davon distanziert und die Datierung stark zurückgesetzt. Auch zu Paulus gibt es einen „new look“ auf seine Briefe. Das Ziel war es, sich die Evangelien als tatsächliche Zeitzeugnisse zurückzuerobern.

Zur Frage nach der Gottessohnschaft:
Für Juden und Muslime ist Jesus nicht Gottes Sohn gewesen. Für viele Christen auch nicht.

Ab spätestens hier haben wir es mit einer spannenden Dichotomie im Glaubensleben zu tun.

Auf der einen Seite steht der rational geprägte Glaube an Fakten. Auf der anderen Seite steht das Glaubenserleben, die Glaubensresonanz, wie man es lutherisch ausdrücken kann. Diesen erlebten Glauben, das darf man als Christ nicht vergessen, kennen andere Religionen aber auch.

Ab der Dichotomie von Faktenorientierung und erlebten Glauben ergibt sich eine Flut von Fragen und Argumentationen. Der Stand der Dinge dazu im Christentum ist folgender: Klarheit konnte in den letzten 200 Jahren nicht erreicht werden, besteht zurzeit nicht und ist auch nicht zu erwarten.

Von diesem Stand der Dinge aus geht es deshalb in erster Linie jeweils um das Geschenk, das der Glaube dem Einzelnen macht.

Auch hier gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Standpunkte / Denkweisen / Praktiken von Christen.

1)

Die meisten evangelischen Landeschristen und ich denke auch die meisten Predigten in Deutschland in den Landeskirchen, relativieren die konkreten „Worte Gottes“ historisch oder wenigstens mit dem Hinweis auf das Historische.

Wenn Gläubige die Aussagen der Bibel auf ihr eigenes modernes Leben anwenden, dann machen sie in den meisten Fällen einen großen Schritt. Und um „Gottes Wort“ in diesem Schritt zu erhalten (im doppelten Wortsinn) muss historisch relativiert werden. Das Geschenk des Glaubens sind dann, grob gesprochen, ethische Lebensmaxime.

2)

Es gibt aber andere Christen, diese findet man eher in den Freikirchen, für die heißt Christsein, in direktem Dialog mit Jesus-Christus und mit „Gottes Wort“ sein. Die besondere Qualität, die diese Christen sich sichern, ist eine die Zeit überbrückende Direktbeziehung. Hier spielt das Historische nicht die geringste Rolle. Das Christusereignis wird als ein die Zeit sprengendes Ereignis empfunden, in das man ständig als in eine Jetzt-Beziehung eintreten kann.

Diese Glaubenspraxis ist bemüht, das Neue Testament, sehr früh in seiner Entstehung anzusehen, als ein vom direkten Wort inspirierendes Miterlebenszeugnis, das das eigene Erleben mit hineinnimmt. Eine geschichtliche Herleitung der Ereignisse um Jesus schließt diese Haltung aus. Das Geschenk des Glaubens ist hier eine Inspiration und erlebte Gnade mit den entsprechenden Ausprägungen.

Eine von der menschlichen Eigenart geprägte Geschichtlichkeit auf der einen Seite. Ein jede Historie transzendierendes Christusereignis auf der anderen Seite.

Nebenbei bemerkt, das Alte Testament kann beides sein. Es beschreibt den Lernweg des diesseitig Menschlichen an der „Seite Gottes“ und beschreibt zusätzliche Durchbruchsereignisse hin zur Gottesnähe. Auch die Psalmen sind ein herausragendes Ereignis, das immer wieder ist und uns in die zeitlose Gegenwart der Größe unserer Existenz führt.

Wenn wir ab hier in dieser Weise deutlich polarisierten, dann hätten wir auf der einen Seite eine Gruppe, die das Christsein als Heilsnotwendigkeit ansieht, und wir hätten auf der anderen Seite eine Gruppe, die der Meinung ist, dass ihr eigenes und das Leben der anderen besser verläuft, wenn man christlicher Tradition und christlichen Werten folgt. Diese beiden Haltungen mischen sich selbstverständlich. Als handelnd wandelnde Menschen finden wir uns aber doch häufig in polarisierten Haltungen wieder. Manchmal wachen wir darin auf. Manchmal bemühen wir uns um eine Synthese. Diese Synthese ist aber eine Reflektionsarbeit. Oft braucht sie Raum, Zeit und Anlass, damit sie geschieht.

In diesen beiden hypothetischen (Haltungs-)Gruppen gibt es Menschen, die gut informiert sind und andere, die aus dem Bauch heraus entscheiden. Information und Wissen sind aber auf jeden Fall wichtige Faktoren für die Dynamiken in beiden Gruppen, entweder in Form ihrer Anwesenheit oder in der Form ihrer Abwesenheit.

Jeder religiöse Mensch kommt an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss, ob er sich Kräften und einem Geist überantwortet, die weit über ihn hinausgehen. Das ist das Religiöse, dass man sich in die Hände einer Sphäre gibt, die den eigenen Lebenshorizont weit transzendiert.

Die Entscheidung für ein Christsein aus rational-ethischen Gesichtspunkten ist eine Kalkulation, eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Entscheidung andererseits für ein Christsein nur aus dem Bauch heraus ist naiv und ist in der Menschheitsgeschichte schon oft in schlechte Bahnen geraten.

Also: Quo vadis Christ? (Johannes 13, 36)

Salomonisch könnte man sagen, der goldene Weg ist die Mitte. Dieser Weg der Mitte sollte der Weg der Landeskirche sein.

An welchen Kriterien bemerken wir, dass in einer Gemeinde dieser Weg der Mitte gegangen wird?

1) Das Element des sich Überantwortens ist der Gottesdienst. Die Liturgie ist speziell darauf abgestellt. In der Predigt erhält man zusätzlich eine Hilfestellung, das Große, in dem man Geschöpf ist, auf sein eigenes Leben zu beziehen. Spezielle Andachten vertiefen diesen Vorgang thematisch.

2) Das reine Glaubenserleben, die individuelle Glaubensresonanz steht z.B. in Taizé-Andachten im Vordergrund.

3) Aber wo erscheinen Informationen und Wissen?

Während Liturgie-Andacht-Predigt auf der Passivseite des landeskirchlichen Christseins stehen, befinden sich Information und Wissen auf der Aktivseite.

Information und Wissen muss man sich selbst aktiv aneignen. Information und Wissen führen auch mitunter zu einer innerlichen Distanz dem eigenen Glaubenserleben gegenüber. Die Reaktion auf Information und Wissen ist deshalb oft eine aktive innere Versöhnungsarbeit. Wissen einerseits und die persönliche Glaubensbasis andererseits müssen manchmal zu einer neuen Einheit finden. Das will nicht jeder, das kann nicht jeder leisten. Eine gesamtgemeindliche Unterstützungsarbeit dabei, ist deshalb eine Form der Seelsorge.

Früher war es der Pfarrer, der das Lehramt innehatte und seine anvertrauten Seelen durch den heiklen Weg zwischen Versuchung und Heil hindurchführte. Heute wird ein Pfarrer als Manager für das Ganze eben an das Ganze festgenagelt, fast so wie an ein Kreuz.

Die Vermittlung von Wissen und Information einerseits und Glauben andererseits müssen in einer Gemeinde heute anscheinend von anderen geleistet werden, vielleicht sogar von Ressourcen außerhalb der Gemeinde.

Wir haben eine interessante aktuelle Situation:

Einerseits ist das evangelische landeskirchliche Christsein in Deutschland heute mit kaum mehr Verantwortung aufgeladen als bisher. Die Verantwortung ist eine historische und eine aktuell zeitgeschichtliche. Die Verantwortlichkeiten der jüngeren Vergangenheit mischen sich mit den riesengroßen Aufgaben des Menschseins angesichts der rasanten Veränderungen auf diesem Planeten.

Andererseits zieht sich eine verbliebene aktive Restkirche von vielleicht 5% immer mehr von einer historischen (und auch aktuell zeitgeschichtlichen?) Selbstreflektion zurück.

– Das Luthertum war zum Jubiläumsjahr 2017 als historisches Faktenkonvulut kaum präsent.

– Die antisemitische Schuld noch der jüngeren Vergangenheit hat kaum eine Informations- und Wissensbasis erhalten.

– Und das nötige informationelle Basisrüstzeug für den vielbeschworenen Dialog mit den anderen monotheistischen Religionen ist praktisch nicht vorhanden.

Der zentrale Fokus, auf den wir hier kommen, ist die Seelsorge!
Ist die aktuelle kirchliche Praxis der geistigen Versorgung des Gemeindemitglieds Seelsorge oder ist sie es nicht oder ist sie es unzureichend?

Es ist schwierig, in der evangelischen Kirche von Seele zu sprechen, weil das Seelenkonzept nicht christlich ist. Vor kurzem feierte zwar die Notfallseelsorge ein Jubiläum und jeder Christ wird die Seelsorge als Kernkompetenz seiner Kirche bezeichnen, aber eben die Wissens- und Informationsbasis dazu und damit einhergehend auch die Offenbarungsbasis, ist unklar.

Das alte Lehramt des Pfarrers, das den Gläubigen darin unterwies, wie er in Jesus-Christus, neben Jesus-Christus zum allmächtigen Vater gelangen könnte und vor allem müsste, wollte er nicht der ewigen Verdammnis verfallen, gibt es nicht mehr.

Mit diesem Lehramt ist auch der entsprechende Anspruch verfallen. Es gibt heute keine Instanz mehr innerhalb der Landeskirche, die vor der ewigen Verdammnis warnt. Das ist wahrscheinlich auch gut so, aber es hat eine Leere zur Folge.

Besonders in den letzten Jahren sind in diese Leerstelle andere spirituelle Ansätze eingetreten. Man kann heute sagen, dass die durchschnittlich geistig-spirituell orientierte Person, heute in sich Elemente eines neuen Seelen-Paradigmas trägt, das nicht aus der Kirche kommt.

„Seele“, das ist gemeinhin das zentrale des Menschen, das Wesentliche seines Seins. Wer an eine Seele glaubt, ist meistens der Überzeugung, dass er außen etwas tun kann, was der Seele nicht gut täte bzw. nach den Maßstäben der Seele nicht richtig wäre. Von einem so verstandenen Seelenkonzept des Menschen geht die Vorstellung eines „Innen“ und eines „Außen“ des Menschen aus. Außen können wir Menschen uns verstricken, was unserer Seele nicht gut tut. Unsere Seele leidet unter jeder Form der Zerrissenheit. Seelsorge und Seelenheilung heilen diese Zerrissenheit. Das Ziel einer Seele, ist „ganz“ zu sein. Damit einher geht die Vorstellung, mit einer erlangten Ganzheit der Seele Zugang zu wohlwollenden, weil nicht fragmentierenden, Existenzbedingungen zu haben. Die Existenz der Seele wird in der Regel, als ins Jenseitige, Nachtodliche hinüberreichend angesehen.

Die Existenznot eines Menschen, wenn sie nicht organismisch ist, wird in diesem Paradigma als Seelennot verstanden. Ein unerfülltes Leben ruft Seelennöte hervor.

In diesem Zusammenhang wird die Seele häufig auf einem Weg von der Berufung hin zur Erfüllung betrachtet. Ein erfülltes Leben nimmt die Berufung ernst und berufen ist die Seele und nicht die zerrissene Außenfunktion des Menschen.

In diesem Seelenparadigma begegnen wir auch dem Opfer. Korrekturen auf dem Weg von der Berufung zur Erfüllung haben meistens mit einem Opfer zu tun. Manchmal ist es ein Opfer, das dann leicht fällt, wenn man erkannt hat, dass es notwendig ist. Wenn ein Opfer aus der Gesamtsicht des Seelenweges von der Berufung zur Erfüllung, als notwendig erkannt ist, kann es von der Brust fallen, wie ein Mühlstein. Wir sind hier ganz nah bei alten Herz-Metaphern.

Eine individuelle Opfernotwendigkeit, z.B. durch Entscheidungen hervorgerufene deutliche Biografieänderungen, erscheinen in den entsprechenden Erzählungen immer im Zusammenhang einer höheren Seeleneinsicht.

Hier haben wir also ein Glaubenserleben und eine rationale Durchdringungsfähigkeit, die zusammen ein besseres Leben hervorbringen aus der Instanz eines höheren Selbst heraus.

Genau dies wünsche ich mir für die Kirche. Und für den einzelnen Gläubigen wünsche ich mir, dass er in seinen individuellen Seelenprozessen nicht von seiner Gemeinde oder von seiner Kirche ausgebremst wird. Dass dies gerade spirituelle Menschen so erlebt haben, wissen wir von den zahlreichen Schilderungen, warum jemand aus der Kirche ausgetreten ist.

Wenn die heutige Kirche der Ort der Übriggebliebenen werden sollte, die gar nicht verstehen, warum andere in ihr Seelennöte erleiden, dann wäre das schade. Wenn natürlich die Übriggebliebenen darauf antworten, dass eben sie auch Seelennöte erleiden, wenn man sie mit der Aufgabe der Selbstreflektion bedrängt, dann haben wir ein weiteres Problem.

An diesem Punkt möchte ich den Begriff der Barmherzigkeit einbringen.

Für Menschen mitten im Leben soll auch die Kirche mitten im Leben stehen. Man muss eben aufpassen, was man den Menschen anbietet. Etwas, das zum Gruselkabinett der Kirche gehört oder zu dem Positiven, für das sie steht? Auf der anderen Seite geht es auch um eine Heilsverantwortung.

Luther und noch viele nach ihm benutzten den Begriff der „scharfen Barmherzigkeit“, der die Kirche rein hielt von dunklen Einflüssen. Eben dies, neben anderem, empfinden viele aus der Erinnerung als zum Gruselkabinett der Kirche zugehörig, das noch bis vor wenigen Jahrzehnten virulent war.

Im Osten ist die Evangelische Kirsche, weil sie die Systemveränderung mitgetragen hat, viel positiver im Bewusstsein besetzt als vielerorts im Westen. Andererseits haben die alten Kirchenmitglieder im Osten immer noch eine Festungshaltung gegen den atheistischen Mainstream.

Ob bewusst oder nicht, es geht vielerorts immer noch um die Guten und die Bösen. Es geht häufig immer noch eher um Schutz als um barmherzige Integration. Mit „Integration“ meine ich nicht nur die Flüchtlinge. Die Kirchen müssen sich um die Menschen kümmern oder sie tun es eben nicht.

– Der Zug fährt ein in den Bahnhof Dresden-Neustadt. –

– Ich steige in die Tram 6 nach Niedersedlitz ein. –

Kaum habe ich mich gesetzt erscheint oben in der digitalen Werbevorrichtung eine Anzeige des Evangelischen Gymnasiums Dresden.

„Kirche bewegt“

„Hauptfach Mensch“

„Frei entfalten“

„Verantwortungsvoll Handeln“

Schön! Finde ich.

Fairer Handel und Kirchen

Juni 2020, Für den Weltladen Bahnhof Wandlitzsee

Die gemeinsame Wertebasis von Fairem Handel und Kirchen

Das Lieferkettengesetz kämpft für Fairness im globalen Handel.
So tut dies auch der Faire Handel und so tun dies auch die Kirchen, die den Fairen Handel und die Weltladenbewegung seit 50 Jahren unterstützend begleiten.

Was sind die zentralen Werte, die Kirchen und Weltladenbewegung teilen, wie sieht die gemeinsame ethische Schnittmenge aus?

Der zentrale gemeinsame Schnittpunkt ist das Leben. Es sind die Lebensqualität und die Lebensmöglichkeiten. Sowohl die Kirchen wie der Faire Handel haben hier einen hohen Anspruch.

Gerecht oder „Fair“ ist für beide, wenn das Leben, das jemand führt, nicht eben dieses Leben zerstören muss, damit es weitergeht.

Was verbindet hier die Kirchen und der Faire Handel?
Beide gehen davon aus, dass das Leben die Bedingungen für sein Gedeihen mitbringt. Das ist die zentrale Gerechtigkeit des Lebens. Das kann man mehr oder weniger religiös sehen. Das kann man mehr oder weniger bezogen auf eine „gute Instanz“ sehen.

Im Fairen Handel ist Gerechtigkeit eine Überzeugung, in den Kirchen ist es der Glaube an Gerechtigkeit.

Die Überzeugung und der Glaube, dass für alle genug da ist, wenn Leben Leben gebiert, ist die ethische Schnittmenge zwischen Fairem Handel und Kirchen. Von hier leiten sich die 10 Grundsätze des Fairen Handels ab und alle Fürsorge, Gnade und Barmherzigkeits-Vorstellungen von Christen. Auch die 17 Ziele für eine nachhaltige Weltentwicklung der Vereinten Nationen, die SDG‘s, gehören in diesen Kanon.

Leben gebiert dann Leben, wenn das Leben sein Potential in sich trägt und nicht schon den Tod. Hier ist die christliche Überzeugung von der Überwindung des Todes angesiedelt. Der Faire Handel bezieht sich hier auf gelebte Erfahrungen, die ihm bestätigen, dass die Lebensqualität steigt, wenn auch wirtschaftliche Zielsetzungen davon bestimmt werden.

Es sind die Erfahrungen des biologischen Landbaus, die Erfahrungen eines Lebens im Bemühen um sozialen Ausgleich, und natürlich die Erfahrung der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Handreichung. Dies alles sind reiche und tiefe Erfahrungen, die die Überzeugung gestärkt haben, dass Gerechtigkeit gelebt werden kann.

Für die Kirchen wie für den Fairen Handel bedeutet so die Menschenwürde das gelebte Potential des Menschen. Dieses Potential zu leben, benötigen die Menschen Chancen, im armen Süden, wie im reichen Norden. Fairer Handel und kirchliche Institutionen geben gemeinsam diese Chancen.

Lutz Hausmann, Weltladen Bahnhof Wandlitzsee

Querflöte – ältere Aufnahmen

Querflöte solo – Improvisationen
ältere Aufnahmen
Alle Aufnahmen sind als freie Improvisationen entstanden.
 

Creative Commons Lizenzvertrag

CD-Cover Improvisationen zu Vogelaufnahmen
Querflöten-Improvisationen zu verlangsamten Vogelaufnahmen September 2014

Zaunkönig2 02:50
Hohentreswitz2 07:34
Gartenrotschwanz3 08:26

Mönchsgrasmücke1
[09:12 MP3] [FLAC]

Gartengrasmücke1
[07:52 MP3] [FLAC]

Rotkehlchen1 09:13

CD-Cover Prenden
Querflöten-Improvisationen
in der Dorfkirche von Prenden – Barnim
August 2007

Prenden 1 03:10
Prenden 2 03:07
Prenden 3 04:27
Prenden 4 01:04
Prenden 5 02:49
Prenden 6 04:09

Prenden 7
[03:13 MP3] [FLAC]

CD-Cover Menz II
Querflöten-Improvisationen
in der Dorfkirche von Menz – Oberhavel
Juli 2003

Menz II 01
[02:21 MP3] [FLAC]

Menz II 02 – 02:22
Menz II 03 – 04:17
Menz II 04 – 17:06

CD-Cover Menz I
Querflöten-Improvisationen
in der Dorfkirche von Menz – Oberhavel
November 2002

Menz I 01 – 02:49

Menz I 02
[08:47 MP3] [FLAC]

Menz I 03 – 08:20
Menz I 04 – 07:04

CD-Cover Herbstknospen
Querflöten-Improvisationen
in einem historischen Gebäude in Wandlitz – Barnim
November 1999

Die Höhle unter der Erde – 07:58

Wind und Feuer
[05:42 MP3] [FLAC]

Wasser – 06:25
Herbstknospen – 04:49

20190511 Impuls_Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte

Ev. Gemeindefest zum Weltladentag 2019
Pfarrsprengel Basdorf-Wandlitz-Zühlsdorf
11.05.2019, Text: Lutz Hausmann

Impuls
Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte

Kirchliche Organisationen wie „Brot für die Welt“ und andere Menschenrechtsorganisationen bemühen sich seit Jahren um ein Gesetz zum Schutz der Ärmsten der Armen in den Produktionsstätten des Globalen Südens. Dies geht auch auf eine Forderung der EU nach nationalen Aktionsplänen für Wirtschaft und Menschenrechte zurück. Wenn in einer Phase der Freiwilligkeit bis 2020 keine nationalen Regelungen getroffen werden, wird es danach eine EU-weite Regelung geben. Das Entwicklungsministerium hat nun einen Entwurf zu einem entsprechenden Wertschöpfungskettengesetz (Wert-Schöpfungs-Ketten-Gesetz) erarbeitet.
Was steckt aus christlicher Sicht dahinter?

Die Marktstrategie verlangt, dass Teilnehmer verdrängt werden, die den Ansprüchen nicht genügen. Das ist in der gängigen Wirtschaftstheorie ethisch akzeptabel, weil jeder Teilnehmer am Markt ja theoretisch woanders hingehen und andere Partner finden könnte. In der Realität bedeutet dies jedoch, dass Marktteilnehmer am unteren Ende, die keine Wahlmöglichkeiten haben, keine Partner in diesem Prozess sind. Denn Fairness ist nur unter gleichberechtigten Partnern möglich. Diese Ungleichheits-Misere, die an der Ethik der Wirtschaftsdoktrin vorbeigeht, herrscht nun in den benachteiligten Ländern des Globalen Südens überwiegend vor.

Die Marktteilnehmer am unteren Ende bezahlen mit der Selbstverletzung ihrer eigenen Menschenwürde, um scheinbar weiter Partner in einem ungleichen Spiel zu bleiben. Sie bezahlen mit zu wenig Schlaf, zu wenig Essen, zu wenig Bildung, zu wenig Schutz für die Familie, ganz allgemein mit zu wenig Vorsorge, auch gesundheitlicher Art. Schlimm wirken sich auch gefährliche Arbeitsplätze aus.

Eine Existenz bei verletzter Menschenwürde ist für Christen nicht schöpfungsgerecht. Christen glauben an einen fürsorglichen und gerechten Gott.

Jeder ist für die Fürsorge und Gerechtigkeit Gottes mitverantwortlich, auch dass sie ihm selber widerfährt, aber wenn jemand keine Wahl hat, kann er gegen seine Misere selbst nichts unternehmen.

Jeder Mensch verdient Chancen. Christen geben Chancen.

Millionen, ja Milliarden Menschen sind davon betroffen, dass zwei grundsätzliche Alternativlosigkeiten aufeinandertreffen. Einmal, scheinbar alternativlos dem Kostendruck nachzugeben und andererseits alternativlos einfach existieren zu müssen.

Wer alternativlos existiert ohne die Attribute der menschlichen Existenz, hat seine Menschenwürde verloren.

Christliche Nichtregierungsorganisationen wie Brot für die Welt und Misereor und zahlreiche zivilgesellschaftliche NGO‘s arbeiten seit Jahren daran, diese unhaltbare Situation mit gesetzlichen Mitteln zu verbessern. Jetzt scheint diese Arbeit Früchte zu tragen. Innerhalb unserer Regierung gibt es Entwürfe für ein entsprechendes Gesetz.

In der Diskussion wird dieses Gesetz als „Wert-Schöpfungs-Ketten-Gesetz“ bezeichnet. Es regelt die Verantwortlichkeit wirtschaftlicher Akteure gegenüber Partnern am unteren Ende von Lieferketten, die eigentlich keine Partner sind und deshalb des besonderen Schutzes bedürfen.

Die diesjährige Kampagne des Weltladen-Dachverbands will den zarten Winden, die in Richtung dieses Wertschöpfungskettengesetzes wehen, Kraft und Aufmerksamkeit geben. Es ist nicht nur Kraft für ein Gesetz, sondern auch für eine Hoffnung, strukturelle Entgleisungen unseres Wirtschaftssystems wieder in eine Observanz und menschengerechte Fürsorglichkeit hineinzunehmen.

Jede und jeder, der sich als Teil dieser menschengerechten Fürsorglichkeit empfindet, ist aufgerufen, sich an der Kampagne zu beteiligen oder sie einfach geistig zu unterstützen.

Menschen brauchen Solidarität, damit die Kraft der Einheit alles Lebendigen sich unter den Menschen wohltuend verteilt. Das, was wir für andere tun, tun wir auch für uns selbst.

Musik – Texte – Pythagologkonzept

Das pythagolog-Konzept zur frei improvisierten Neuen Musik

pythagolog
Pythagoras, früher bedeutender Philosoph der griechisch geprägten Antike,
geboren auf der griechischen Insel Samos um 570 v. Chr., gestorben nach 510 v. Chr. im süditalienischen Metapont
log, logo (griechisch) für Wort, Rede, Rechnung, Vernunft, Verhältnis

Vorbemerkungen

Der Name Pythagoras steht für die Verbindung der Konzepte Diesseitigkeit und Jenseitigkeit. In der Musik kann er dafür stehen, das eine aus dem anderen zu begreifen. Über die Einfühlung in das Pythagoreische klären wir sowohl als Musizierender wie als Hörer den Ort in uns, aus dem wir hörend empfinden. Die Empfindung geht über die Wahrnehmung von Attributärem hinaus und führt uns in ein gestalthaft Substantielles hinein. Das Pythagoreische ist das Selbstbild, in dem die Empfindung einer musikalischen Gestalt über die Basisarbeit unseres neurobiologischen Apparates hinaus geht. Eine resonierende, schwingende, klingende musikalische Gestalt ist das Zusammenwirken verschiedener Dimensionen, die sich bei näherem Hinsehen in Einheit befinden. Kraftvolle, nährende Klanggestalten sind ein Spiegel des Einheitscharakters des Seins selbst.

Mit der heutigen Teilchenphysik und Kosmologie haben wir eine Schablone erhalten, die uns klar macht, welche Welten Pythagoras in seiner Philosophie vereint haben mag. Genau kennen wir seine Philosophie allerdings nicht. Selbst sein berühmter Satz ist wahrscheinlich nicht von ihm. Die harmonikalen Studien und das Monochord bringen uns nahe an ihn heran. Nur seine geistige Größe erklären sie nicht.

Für Pythagoras bilden in der Schöpfung das Wissen (also die Potenz zu erschaffen – heute würde man Information sagen) und das Geschaffene eine Einheit – mehr noch: eine klingende Einheit. Genau so begegnen wir im aktuellen physikalischen Weltbild dem was klingt oder anders ausgedrückt, dem was jeweils aus seiner Eigenschwingung heraus mit seiner Umgebung resoniert. Physikalisch existent sein, heißt eine Eigenschwingung zu besitzen, eine Potenz zu sich selbst ständig zu erneuern. Wenn dasjenige, welches physikalisch existiert, dauerhaft existiert, dann besitzt es in dieser Weise eine Ausdehnung in Raum und Zeit. Ein Klang und ein Lebewesen sind jeweils eine wiederholte Selbstvergewisserung in einem Existenzmedium, d.h. in einem Schwingungsmedium. Das Schwingungsmedium ist die Raumzeit. Die Selbstvergewisserung findet sowohl in Raum und Zeit statt.

Was bedeutet dann in diesem Zusammenhang die Frequenz, also die Wiederholung der Amplitude pro Sekunde? Und scheint es eine Existenz vor der Eigenresonanz zu geben, wie es die Quantenphysik andeutet? Pythagoras scheint bei aller geistigen Größe und Autorität ein bodenständiger Mann gewesen zu sein. Es ging ihm gerade darum, diesseitiges und jenseitiges in Einklang zu bringen. Deswegen auch sein Interesse an Politik.

Kurz ist die Aufmerksamkeit. Wenn sie entschwindet existiert sie jedoch weiter – bis sie erneut in Erscheinung tritt. Die Aufmerksamkeit ist ein Mitschwingen. Gewöhnlicher Weise geschieht dies sehr vielfältig in unserem Leben. Das eigene Leben als eine große Schwingungsgestalt zu erfassen, die in einer maximalen Eigenfrequenz optimal Diesseitigkeit und Jenseitigkeit in Einklang bringt, das war vielleicht das Ideal, um welches es in der Schule des Pythagoras ging.

Hörhilfe:

Während in den Dromos-Stücken die Raum- und Zeit-Dimension und die wechselnden Polaritäten deutlich gezeichnet sind, sollen diese in den Pythagolog-Stücken in immer wieder annähernd einer Gestalt aufgehen. Raum und Zeit und Dies- wie Jenseitigkeit sollen sich prozesshaft wiederholt im Erleben verdichten. Dies erscheint jeweils als eine größtmögliche Intensität. Ein gelegentlicher Anflug von Ironie, der die Verdichtungen jeweils wieder durchbricht kommt nicht von ungefähr. Bei der Umsetzung seiner politischen Idealvorstellungen erwies sich auch für Pythagoras die Raumzeit als ein schwieriges Terrain, wenn sie denn mit Menschen bevölkert ist.

Musik – Texte – Dromoskonzept

Das Dromos-Konzept zur frei improvisierten Neuen Musik

dromos (griechisch) „der Weg, „der Lauf“
Das dromos-Konzept ist ein eigenes musikphilosophisches Konzept, das aus meinen philosophischen Konzepten „Dreieinigkeit“ und „Gewordenes versus Gemachtes“ hervorgegangen ist.

Platonische Philosophie

Es ist nicht die musikalische Form, die innen entsteht, sondern die Form ist das Vorhandene. Die musikalische Form ist in erster Linie die Form des menschlichen Körpers und des Musikinstruments. Das, welches zum zeitlichen Verlauf der Musik führt, ist die Bewegung in der Form, mit der Form in Verschmelzung als die Form.

Die Bewusstheit, die sich in der Form wach empfindet und den zeitlichen Verlauf der Musik verursacht, ist nicht die Form. Die Bewusstheit ist eine andere Sphäre. Sie empfindet sich in den Formen. Das sind der Körper und das Musikinstrument. Die Bewusstheit des die Musik Erschaffenden, auch die des Hörers, führt im musikalischen Verlauf zu einer Verhältnismäßigkeit zu den Formen. Diese Verhältnismäßigkeit formt die Formen als Formen, aber die formende Bewusstheit ist dabei selber keine Form und sie ist mit der Formhaftigkeit als solcher auch nicht im Einklang.

Das „sich in ein Verhältnis zu den Formen setzen“ der Bewusstheit weist über die Formen hinaus. Das ist das Ziel der Bewusstheit. Formen, die über die Formen hinausweisen, sind das Spezifische des musikalischen Prozesses.

Konsequenzen für das Musikerleben

Das über sich Hinausweisende ist das Eigentliche der Musik und konstituiert ihr rauschhaftes Erleben. Die physikalische Form eines Klanges wird erst dadurch geistig attraktiv, jenseits von Analyse und Verstand. Das ist so bei den Volks- und Popmusiken, in der Klassik, der Neuen Musik und im Jazz usw. Gerade auch das Geräuschhafte in der Experimentellen und Neuen Musik ist für das hörende Bewusstsein Musik durch seine erlebte Verhältnismäßigkeit zur physikalischen Form, die über die physikalische Form hinausweist und damit zum Klang und zur Musik werden kann, vorausgesetzt die Attraktivität des Klanges und die geistige Sensitivität des Hörers finden zusammen.

Das geistige Interesse des Bewusstseins vereint sich dabei mit dem über die musikalische Form Hinausweisenden jenseits von Analyse und Verstand. Analyse und Verstand schaffen in der Kunstmusik aber oft erst das Bewusstsein, dem eine musikalische Form attraktiv wird. Das geschieht im musikalischen Bereich wie in der bildenden Kunst. Das zum Verstehen hingelenkte Bewusstsein erlebt eine Einheit mit dem Kunstwerk, die als persönlich bereichernd empfunden wird. Dies geschieht immer dann, wenn sich das Bewusstsein in seiner persönlichen Verhältnismäßigkeit zur Form des Kunstwerks als wach und gegenwärtig erlebt.

Eine zweite Konsequenz des über sich Hinausweisenden der Musik ist ihr Fortschreitungscharakter. Eine über sich hinausweisende Form führt zu einer weiteren Form, bzw. zu einem weiteren Erleben. In der Musik erlebt das Bewusstsein immer wieder etwas Neues. Ein Erleben führt zum weiteren Erleben. Eine Sonderform ist die Vertiefung des Erlebens in der meditativen Musik.

Das dromos-Konzept

Ein frei improvisiertes Musizieren befindet sich direkt im gegenwärtigen wachen Musikerleben, also im Erleben des über die musikalische Form Hinausweisenden. Im Wechselspiel mit den eben selbst erschaffenen musikalischen Formen ist dies ein sinnliches, emotionales und geistiges Erleben in Einem. Das wache gegenwärtige Musikerleben während des frei improvisierten Musizierens führt so zur Verschmelzung der sinnlichen, emotionalen und geistigen Sphäre. Dies ist jedoch ein inneres Erleben, dem Rezipienten nicht direkt zugänglich und vielleicht auch nicht einmal nachvollziehbar.

Bei Jazzkennern gibt es das Phänomen, dass sie oft schon nach wenigen Takten den Solisten benennen können. Jazzfernere Menschen registrieren diese Fähigkeit in großem Erstaunen. Für Jazzliebhaber spricht der Name des Solisten bzw. seine Gedächtniskennung direkt als Subinformation aus den Takten. Die Erkennungsleistung ist in den meisten Fällen keine Analyse-, sondern eine Intuitionsleistung. Der Verlauf der Musik der wenigen gehörten Takte verweist auf ein Zentrum, und dieses Zentrum ist die Person des Instrumentalisten. Natürlich geht es auch um das Erkennen von Spielweise und Intonation, aber die erlebte plötzliche Nähe der Person des Jazzsolisten greift auf tiefere Informationen zurück. Wir sind als Menschen mit außerordentlichen empathischen Fähigkeiten ausgestattet. Im Experiment reichen nur wenige Lichtpunkte als Markierungen für Mimik und Gestik aus, um eine menschliche Persönlichkeit dahinter zu erkennen. Nun gehen die Fähigkeiten des menschlichen Gehörsinns weit über die Fähigkeiten seines Sehverarbeitungsvermögens hinaus. Wir sind als Menschen dazu ausgestattet, uns die Welt zu erhören und hörend zu verstehen. Dies sind alles Leistungen, die die Basis für das Musikerleben bilden.

Frei improvisierte Musik kann ganz besonders auf musikalisch grundsätzliche, menschliche Merkmale verweisen, die als Zentrum hinter einer solistischen Gestaltbildung stehen. Der Zugang zu einer menschlichen Dimension, die dort liegt, wo die Musik über sich selbst hinaus verweist, ist so auch über ein stilistisch schwieriges Terrain hinweg möglich. Dabei die Paarung eines individualisierenden Solisten mit seinem Instrument ins Zentrum zu stellen ist naheliegend, entspricht aber nicht den Tendenzen der Neuen Musik, die gerade die vielfältigen kulturellen Gebundenheiten der Musikausübenden überwinden möchte. Solistisch frei improvisierte Neue Musik erscheint in diesem Licht als Widerspruch in sich. Zumal in den Kanon der Neuen Musik auch nur diejenigen Werke Eingang finden, die in verschriftlichter Form vorliegen.

Mich reizt es in diesem Spannungsfeld zu arbeiten und bisher eher unbeachtete Möglichkeiten des inspirierten Musikschaffens zu explorieren.

In meiner Auffassung befinden sich eine freie solistische – also individualisierende – Improvisation und Neue Musik am selben Ausgangspunkt. Der freie Solist mit seinem Instrument individualisiert sich hinaus aus den Formen entsprechend des Horizontes der Neuen Musik. Was bleibt ist ein individueller Wesenskern in der Dimension, auf die die musikalische Form über sich selbst hinaus verweist. In der jetzigen Situation der Neuen Musik ist dies eine Bereicherung für sie.

Die frei improvisierende Neue Musik nimmt eine Qualität des Bewusstsein für den Spieler in Anspruch, wie sie in der Regel nur für den Komponisten der Neuen Musik zugestanden besteht. Die Neue Musik hat ein bewusst gebrochenes Verhältnis zum individuellen Bewusstsein. Dies lässt sich auf ihre Ausgangssituation nach dem Zweiten Weltkrieg zurückführen. Der bewusst entscheidende, weil individuell frei erlebende Musiker taucht zwar in den Spielanweisungen häufig auf, aber fast immer ist es, gerade durch die Spielanweisungen, ein in einem fragmentierten Kontext kontrolliertes Bewusstsein. Wie könnte dies in einer verschriftlichten Komposition mit einem persönlichen Urheber auch anders sein.

Dagegen individualisiert sich der frei improvisierende Solist aus den Formen hinaus, weil es sein Bewusstsein ist, das dies unvermeidbar erlebt. Eine frei improvisierte Neue Musik setzt allerdings so notwendig eben dieses Bewusstsein voraus, ein Bewusstsein, das sich in seiner Verhältnismäßigkeit zur Form als wach und gegenwärtig erlebt. Je wacher und gegenwärtiger sich ein Bewusstsein in den Formen erlebt, um so eindeutiger geschieht dies in der dem Bewusstsein eigenen Dimension. Das musikalische Ergebnis bleibt selbstverständlich immer formverhaftet, weil es die physikalischen Formen sind, die klingen und nicht das Bewusstsein. Dies schließt nicht aus, dass ein musikalischer Kontext auch durch Stille gerade diejenige Bewusstseinsdimension erzeugt, auf die die Formen letztendlich für den musizierenden oder Musik rezipierenden Menschen hin verweisen.

Hörhilfe:
In den Dromos-Stücken verdeutlicht sich ein Wechsel zwischen musikalischer Form und der Neigung des Bewusstseins, jenseits dieser Form seiner heimatlichen Dimension zuzustreben. Das Bewusstsein ist das des Spielers, das sich in der musikalischen Form wach und gegenwärtig empfindet (also nicht tranceartig verschmolzen ist mit der Form). In dieser Situation weisen die musikalischen Formen über sich hinaus. Die dem Bewusstsein eigene Dimension klingt jedoch nicht, so dass der musikalische Verlauf immer wieder eine neue oder leicht veränderte Form entwickelt, die auch wieder über sich hinaus verweist usw.
Dieser Wechsel findet notwendigerweise bei jeder freien Improvisation statt. Die Dromos-Stücke wollen so angelegt sein, dass dieser Vorgang hörend rezipiert werden kann.

Musik – Texte – Legitimation

Kunst und die Suche nach der Legitimation von Warum-Fragen und -Antworten gehören zusammen.

Die Frage nach Kunst ist die Frage der Legitimität der Kunst bzw. derer Inhalte oder Gegenstände. Am Inhalt oder an den Gegenständen der Kunst entzündet sich die Frage, „ob das Kunst ist“, also einen schöpferischen Wert hat. Ein schöpferischer Wert ist etwas anderes als ein zerstörerischer, beschreibender oder beleidigender Wert. Trotzdem kann ein Kunstwerk auch über seinen eventuellen zerstörerischen, beschreibenden oder beleidigenden Charakter hinaus einen schöpferischen Wert enthalten. Mitunter ist der spezifische schöpferische Gehalt eines Kunstwerks sogar nur durch Mittel z.B. der Zerstörung, der Beschreibung oder Beleidigung zu erhalten.
Die Frage nach der Legitimität von Kunst ist die Frage nach der Legitimation von Kunst. Legitimität ist nur dann hergestellt, wenn vorher eine Legitimation möglich war. Die Beantwortung der Frage nach der Legitimation kann so mit der Frage nach der Bedingung der Legitimation abgekürzt werden.
Ein Gegenstand oder ein Inhalt wird entweder durch die Beantwortung von Wie- oder von Warum-Fragen legitimiert. Legitimationen sind immer Zuordnungen zu einem Kontext. Dies kann, wie an einem anderen Ort bereits dargestellt, nur durch die Beantwortung von Wie-Fragen geschehen. Warum-Fragen und -Antworten sind zur Zuordnung zu Kontexten nicht geeignet.
Die Kunst ist nun ein Bereich, in dem durch ein schöpferisches Werk eine Bewusstseinsqualität entstanden ist, die nicht durch eine Wie-Frage zu einem Kontext zugeordnet werden kann. Eine Bewusstseinsqualität, die durch eine Wie-Frage keinen Kontext erhält, legitimiert sich dadurch als Kunst. Die Bewusstseinsqualität der Kunst ist, wenn es denn Subjekte gibt, die sich trotz unbeantworteter Wie-Fragen als persönlich kontextualisiert empfinden, als reine Gemeinschaftsqualität legitimiert.
Kunst hat in jedem Fall ein Gegenüber und eine Gemeinschaft und ebenso ein Vorher und ein Nachher. Raum und Zeit bei gleichzeitiger Abwesenheit eines beschreibbaren Wie-Kontextes sind so der menschliche Ort der Bewusstseinsqualität, die wir Kunst nennen. Dies schließt natürlich nicht aus, dass Aspekte der Inhalte und Gegenstände der Kunst nicht auch aus Wie-Kontexten, z.B. aus handwerklichen Kontexten, heraus beschrieben werden können.
Auf diese Weise ist Kunst eine Bewusstseinsqualität, die Warum-Fragen und -Antworten eine Legitimation in Form von Zeugnissen zuordnet. Oder anders ausgedrückt: Kunst und die Suche nach der Legitimation von Warum-Fragen und -Antworten gehören zusammen.

Musik – Texte – Willenstätigkeit

Die Unterscheidung von „Wille“ und „Willenstätigkeit“ ist eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis von Kreativität.

Ein extremes Verständnis vom Willen ist „der eiserne Wille“. Hier wird der wesentliche Unterschied zur Willenstätigkeit besonders deutlich. Der Unterschied liegt in der Bewusstheit und im Zwang. Der eiserne Wille setzt etwas mit Zwang und Überwindungskraft gegen Widerstände durch. Die Willenstätigkeit geschieht dagegen überwiegend unbewusst. Mit Willenstätigkeit ist die Funktion des gesamten Apparates gemeint, der zur greifbaren und sichtbaren und hörbaren Manifestation einer geistigen Vorstellung führt. Dies ist der Bereich des konkret Körperlichen.
Jeder Musiker kennt diese Gegensätzlichkeit: Zuerst die Zeit des „eisernen Willens“, in der wir uns das konkrete Handwerkszeug erarbeiten, und dann die Zeit, in der alles automatisch geschieht. Ein ausgebildeter Musiker macht sich schließlich während des Musizierens ebensowenig Gedanken zur Umsetzung auf seinem Instrument, wie ein Redner beim Sprechen über das Sprechen. 99,9 Prozent der Vorgänge der konkreten Umsetzung von geistigen Inhalten sind automatisiert. Die verbleibenden 0,1 Prozent erscheinen uns aber als die Wesentlichen, weil sie uns in unserem Ichbewusstsein so nahe sind. Das aber, was konkret zum Ergebnis einer inspirierten Kreativität führt, dasjenige, was man anfassen, anschauen oder hören kann, ist das Ergebnis von Myriaden von unbewussten Vorgängen in einem Amalgam der glücklichen Einheit.

Was wir freien Willen nennen, ist das kleine bewusste Sahnehäubchen auf dem riesengroßen Geschenk von selbstverständlich erlebter Gesundheit und Lebensglück. Der Wille mag zwar eine Willensbekundung des Geistes sein, wenn er aber zur Tat wird, dann setzt er einen umfassenden und tiefen Vorgang in Gang, der dem bewussten Geist zuarbeitet. In dieser Zuarbeit liegt eine Intelligenz für sich, weil der, von uns gar nicht beachtete und noch weniger verstandene, Apparat der Willenstätigkeit ständig ein situationsgerechtes Potential an Möglichkeiten zur Verfügung stellt. Wenn diese, sich automatisch einstellende, Einheit von Geist und Willenstätigkeit gestört ist, benötigen wir in der Tat einen eisernen Willen, um diese Krise zu durchstehen.

Es ist nicht der Geist, sondern die Willenstätigkeit, die Muskeln aus Fleisch und Blut anspannt und Know How hat. Der Geist hat Absichten. Die Umsetzung der Absichten des Geistes ist eine Willenstätigkeit mit einer eigenen Sphäre des Potentials und des Know How. Wille und Willenstätigkeit sind also zwei verschiedene Sphären. In der freien musikalischen Improvisation können wir erleben, wie diese Sphären zu einer Einheit verschmelzen. Die kreative Inspiration ist Teil dieser Fügung zur glücklichen Einheit von beiden. Der eiserne Wille dagegen zwingt Geist und Willenstätigkeit fest zusammen. In dieser festen Fügung ist nur wenig Raum für Inspiration.

Musik – Texte – Selbstermächtigung

Der Fluss in der freien Improvisation ist das zentrale der Versöhnung von Geist und Willenstätigkeit. Fast alles daran ist unbewusst, aber gerade deshalb entsteht ein Höchstmaß an Selbstermächtigung. Wie kommt das?

Sowohl Geistes- wie Willenstätigkeit sind zum größten Teil unbewusst. Die Qualität der Bewusstheit entsteht in dem gleichermaßen physischen wie geistigen Selbst. Das Selbst ist ein Meer von Bedingungen. Wenn wir unsere Bewusstheit, die wir als Ich erleben, als Klang betrachten, dann ist unser Selbst der Klangkörper, der diesen Klang erzeugt. Unser Selbst ist derjenige Teil der Welt, zu dem unser vollbewusstes Ich sagen würde, „das bin ich selbst“. – Unser Ich ist jedoch nicht vollbewusst -. Unser Bewusstsein entsteht also im Selbst, und dabei sind Geist und Körper gleichermaßen beteiligt.

Wie kommt es nun zur Selbstermächtigung in der freien musikalischen Improvisation?
Offensichtlich einfach so!
Von unserem Bewusstsein aus passiert nämlich gar nicht so viel, jedoch nur quantitativ betrachtet. Je weniger wir von den Myriaden von Vorgängen bemerken, die unsere freie Improvisation erst möglich machen, umso mehr sind wir wir selbst und umso ermächtigter fühlt sich unser Selbst an. Eigentlich paradox. Aber die Qualität des Bewusstseins ist dabei stark angehoben! Wir fühlen uns inspiriert, und wenn wir mit anderen zusammen musizieren, dann fühlen wir uns eng verbunden. Entscheidend ist also die Inspiration. Wenn wir uns inspiriert fühlen brauchen wir keine Detailkontrolle. Die Inspiration als solche stattet uns mit der Selbstermächtigung aus!
Im Fluss sein, sich inspiriert und mit anderen Menschen verbunden fühlen gehört offensichtlich zusammen. Dabei fühlen wir uns besonders frei und selbstermächtigt. Dass wir unsere Freiheit dem Fluss und der Inspiration verdanken schmälert nicht unser Glück, sondern gehört dazu!

Musik – Texte – Geist und Wille

Das aktive freie Improvisieren versöhnt Geist und Wille miteinander.

Die Grenze zwischen Geist und Wille ist dort wo der Geist Mittel aufwenden muss, um seine Visionen zu verwirklichen. Im Geiste verändern wir vorgestellte Bilder, Klänge und Visionen mühelos. Wenn wir unsere geistigen Visionen substantiell machen, tuen wir dies mit substantiellen Mitteln. Zwischen Geist und vollzogener Realität befindet sich ein Apparat der Umsetzung, ein Apparat der Willenstätigkeit. Der Apparat der Willenstätigkeit hat sein eigenes Recht, nämlich das der Machbarkeit und des Existenzerhalts. Dafür hat er einen Instinkt. Gleichzeitig ist er auf die Machbarkeit und den Existenzerhalt gut vorbereitet. In ihm haben sich Raum und Zeit und die Erfahrungen darin als ein verkörpertes Gedächtnis abgebildet.

Geist und Willenstätigkeit bringen die musikalischen Formen hervor. In der freien musikalischen Improvisation sind sie miteinander versöhnt oder es entsteht ein Prozess der Versöhnung.

Was meine ich mit Versöhnung?
Wenn sich die Musik gut anfühlt, fühlt sich auch das Leben gut an. Man kann natürlich bewusst auch Musik schaffen, die sich schlecht anfühlt. Dafür gibt es gerade in der Neuen Musik viele Beispiele. Der überraschte Hörer sagt sich dann: „Hier fühle ich mich nicht zuhause.“ Die Musik, in der wir uns andererseits rundum zuhause fühlen, besitzt immer auch einen Nahrungszufluss, sie erneuert sich, sie stellt unserem Bewusstsein den belebenden Austausch mit dem Unbewussten zur Verfügung. Musik, die diese Eigenschaften nicht besitzt ist ein schaler Kokon, eine Wüste. Frei improvisierte Musik kann den Fluss hin zu einem guten Lebensgefühl öffnen, eben weil Geist und Willenstätigkeit in diesem Fluss versöhnt sind. Ein Fliessen, das nicht aufhört, ist, eben weil es nicht aufhört, immer auch ein Nahrungszufluss, und ist immer auch eine Erneuerung der Lebendigkeit.